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Blue Note: Hier wird der Swing beschädigt

„The Lingering Velocity of the Dead Ambitions“: Jazzer Ambrose Akinmusire – hier an der Trompete – hat keine Lust auf Beruhigendes.
„The Lingering Velocity of the Dead Ambitions“: Jazzer Ambrose Akinmusire – hier an der Trompete – hat keine Lust auf Beruhigendes.(c) Blue Note
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KritikAmbrose Akinmusire zeigt auf „Origami Harvest“, dass Jazz immer noch politisch sein kann. Ihn unterstützen der Rapper A. D. und das avantgardistische Mivos Quartet.

In Zeiten, in denen (nicht nur die US-amerikanische) Politik mit Strategien der Vereinfachung operiert, tut die Kunst ein Gutes daran, auf Komplexität zu setzen. Wie der aus Oakland gebürtige Trompeter Ambrose Akinmusire: Auf seinem sechsten Album „Origami Harvest“, dem fünften auf dem Traditionslabel Blue Note, setzt er voll auf die Kraft der Kontraste. Doch wo es den Gründern von Blue Note, den aus Nazi-Deutschland geflüchteten Alfred Lion und Francis Wolff, einst um den „Schwing“ ging – wie sie den Swing zum Amüsement ihrer afroamerikanischen Musiker mit dickem deutschem Akzent aussprachen –, so beschädigt Akinmusire mit Freude alles, was noch den leisesten Anflug von Groove und Swing hat.

Ganz als wolle er die Heterogenität der gesellschaftlichen Kräfte in seiner Musik abbilden, mischt Akinmusire die Klänge seines Jazzensembles mit rhythmischem Sprechgesang und beunruhigenden Einschüben eines Streichquartetts. Um die Kontraste zu verdeutlichen, verzichtet er sogar auf den Bass, jenes Instrument, das traditionell zwischen Rhythmus und Harmonien vermittelt.

Schon die Namen der Stücke – z. B. „The Lingering Velocity of the Dead Ambitions“ – zeigen, dass Akinmusire keine Lust auf Schlichtheiten hat. Auch die Länge der Musikstücke sprengt herkömmliche Erwartungen. Zwischen zwölf und 15 Minuten dauern diese komplexen Suiten, deren vorrangige Themen Angst und politische Agitation sind. Signifikant, wie Rapper A. D. in „A Blooming Bloodfruit in a Hoodie“ Zeilen aus „Rapper's Delight“ von den Hiphop-Urvätern Sugarhill Gang variiert und sie im Windschatten von Geigen- und Cellogekratze ins Unheimliche wendet. „Cheeba cheeba, ya'll and I don't quit to the beat ya'll. And it don't stop and I don't stop rocking to the bang bang boogie, the bang bang the boogie the beat“, heißt es heute bei A. D. Die Jahre des unschuldigen Hedonismus sind vorbei, jetzt gilt es, der Opfer von Polizeigewalt zu gedenken. Recht tonlos heißt es im nächsten Track: „Actively looking for escape routes, gaze at the starry sky, the moon, the tombs of the buried ones.“ Der Sound von A. D.s Stimme klingt hier bewusst hohl, das berühmte New Yorker Avantgarde-Ensemble Mivos Quartet orientierungslos. Alarm ist angesagt.

Ambrose Akinmusire: „Origami Harvest“
Ambrose Akinmusire: „Origami Harvest“(c) Blue Note

Unter die Haut geht auch „Free, White and 21“, das an Larry Buchanans gleichnamigen Film aus dem Jahr 1963 denken lässt, ein Gerichtsdrama, in dem ein afroamerikanischer Geschäftsmann fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt wird. In Akinmusires Stück werden die Namen von unter zweifelhaften Umständen umgekommenen Afroamerikanern geflüstert und zuweilen opernhaft oder atonal gesungen.

So politisch war Akinmusires Kunst nicht immer. Texte seien überschätzt, meinte er einmal: „Schon Kinder tanzen nur zum Rhythmus.“ Seine Mitwirkung an Kendrick Lamars epochalem Hip-Hop-Album „To Pimp A Butterfly“ scheint ihn eines Besseren belehrt zu haben. Auffällig ist auch, dass Akinmusire so wenig Trompete spielt wie noch nie. In vielen Passagen weicht er auf schräg tönende Synthesizer aus, seinem Konzept entsprechend: Unversöhnliche Gegensätze muss man auch hören. So erschließt sich „Origami Harvest“ erst allmählich als das, was es ist: ein komplexes, poetisches Meisterwerk des progressiven Jazz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2019)