1939 übernahmen Leopold und Josefine Hawelka das desolate Café Ludwig im ersten Bezirk. Wiens berühmtester Cafetier wird am Sonntag 99 Jahre alt. Die "Presse am Sonntag" sprach mit ihm und seinem Sohn Günther.
Herr Hawelka, Sonntag ist Ihr 99. Geburtstag. Wie lebt es sich denn so als Institution?
Leopold Hawelka: Ganz gut.
Günther Hawelka: Wissen Sie, das ist wie bei den Indianern. Es gibt hier noch eine gewisse Ehrfurcht vor dem Alter.
Verbringen Sie den Tag im Café?
Leopold: Natürlich. 99 ist ja nicht viel.
Sie sitzen, bis auf den Ruhetag, täglich von 10 bis 13 Uhr an Ihrem Stammplatz und trinken einen Kaffee. Denken Sie sich morgens denn nie: Heute freut's mich nicht?
Leopold: Nein, das hat sich mir einfach so eingeprägt.
Günther: Er wohnt in der Nähe und wird von der Betreuerin hergebracht. Daheim würde ihm die Decke auf den Kopf fallen. Aber ich habe ihn oft gefragt: Warum gehst du nicht mal in ein anderes Café?
Sie selbst werden bald 70. Haben Sie nach dem Tod der Mutter je damit gehadert, dass das Café direkt an Ihre Söhne ging?
Günther: Sie meinen mit der Rolle als ungekrönter Kronprinz? Nein. Als sie starb, war ich 65 und vorher hatte sie das Zepter fest in der Hand. Es wäre dumm gewesen, da Unruhe zu stiften. Ich war auch lange im Ausland. Ich bin erst 1973 zurückgekommen und habe dann geholfen, das Café zu führen.
Als gelernter Konditor sind inzwischen Sie für die berühmten Buchteln zuständig. Mir ist aufgefallen: Die gibt es nun schon vormittags.
Günther: Nur wenn Buchteln von der Nacht übrig bleiben. Sonst gibt es sie nach wie vor erst ab 21 Uhr, damit die Leute auch am Abend kommen.
Sie haben immer betont, Sie seien gegen Veränderungen im Hawelka.
Leopold: Die Gäste wollen, dass es bleibt, wie es ist.
Schon, aber irgendwann wird man renovieren müssen...
Günther: Nein, das ist Kulturgut, da kann man nichts renovieren. Das ist alter Jugendstil. Man könnte den Plafond neu machen, aber Umbauen wäre der Tod.
Das Hawelka war früher ein Ort, wo Künstler und Schriftsteller arbeiteten. Heute würden die mit Laptops kommen. Wäre das denn eine Überlegung wert: mehr Steckdosen, kostenloses WLAN?
Günther: Wir sind kein Internetcafé, aber wenn zufällig ein Stecker frei ist, kann der Gast ihn haben.
Apropos Künstler: Tut es Ihnen leid, dass sich das Hawelka vom Künstler- zum Touristencafé gewandelt hat?
Leopold: Nein, gar nicht.
Günther: Wir könnten von den Literaten nicht mehr leben. Die sitzen ewig herum und konsumieren nicht ordentlich. Natürlich zehren wir von dem Flair von früher, aber wir sind finanziell auf die Touristen angewiesen.
War das Hawelka im Rückblick denn je ein Ort der Rebellion? Es gab zwar wilde, junge Gäste, aber 1968, nach der sogenannten Uni-Ferkelei, hatten einige wie Robert Schindel sogar temporäres Hausverbot.
Günther: Du warst ein großer Lokalverbotaussprecher, nicht?
Leopold: Ein Gast muss sich benehmen. Wenn ein Künstler einen Wirbel macht, schmeiß ich ihn raus.
Günther: Wir sind ein Zeitungsleserlokal, und wenn einer betrunken reinkommt und macht einen Zinnober, muss man sagen: Bleiben S' draußen. Sonst hat man nur den Russ herinnen.
Und ich dachte, Ihre Frau war die Strenge.
Günther: Beide.
Leopold: Ein Café muss geführt werden.
War er auch als Vater streng?
Günther: Nein, er war ein lieber Kerl. Mit den schlechten Noten bin ich zu ihm gegangen. Die Mutter hatte durch die Abenddienste oft keine Geduld.
Sie und Ihre Frau waren früher dafür bekannt, an den Tischen fremde Leute zusammenzusetzen. Gab es dabei ein System?
Leopold: So etwas muss man als Chef einfach wissen. Man hat eine Dame zu einem Herren gesetzt, so haben sich viele kennengelernt.
Günther: Er hat die Leute geschlichtet wie Sardinen. Es ist auch eine Geldfrage.
Wenn man sich hier umsieht, fallen die Bilder Ihrer berühmten Gäste auf. Aber Sie haben auch selbst gemalt.
Leopold: Sehr gern sogar, schon in der Schule. Später hat mir das Sammeln große Freude gemacht. (Anm: Ein Original-Hawelka hängt auch im Café.)
Wie groß ist die Sammlung inzwischen?
Günther: Ein Teil ist hier, ein Teil bei meiner Schwester Herta und bei mir. Wir haben einen Max Ernst oder einen kleinen Picasso. Es ist eine Hawelka-Sammlung, die zusammengehört, wenn wir je eine Ausstellung machen würden.
Im Moment ist das Thema Rauchen am Tapet. Das Hawelka gilt als Raucherlokal. Wie haben Sie als Nichtraucher den Rauch ausgehalten?
Leopold: Den hat man halt eingeatmet.
Günther: Früher haben hier alle geraucht wie die Wilden. Das war eine einzige Rauchwolke, speziell im Winter. Wenn du reingekommen bist, haben sofort die Augen gebrannt, aber wie auch noch.
Warum sind die Hawelkas dann so vehement gegen ein Rauchverbot?
Günther: Weil Rauchen zur traditionellen Wiener Kaffeehauskultur gehört.
Mit Juni endet die Übergangsfrist. Was dann?
Günther: Dann wird weitergeraucht.
Und wenn ein generelles Verbot kommt?
Günther: Unvorstellbar. Aber wenn sie uns zur Kontrolle einen Polizisten vor die Tür stellen, müssen wir zusperren.
Nehmen wir mal an, das Hawelka bleibt: Wie sieht es in der Zukunft aus?
Günther: Genau wie jetzt.
Könnten Sie sich vorstellen, z.B. in New York eine Filiale aufzumachen?
Günther: Möglich wär's, aber dann ist es nicht mehr original. Das Hawelka ist das Hawelka. Es gibt nur eines davon.
Herr Hawelka, jetzt ist Ihr Kaffee kalt geworden. Wie trinken Sie ihn eigentlich?
Leopold: Normal.
Günther: Er meint: ein Häferlkaffee.
Leopold: Mit zwei, drei Stück Zucker.
Günther: Du bist halt doch ein Süßer, Leopold.
Ein Schriftsteller im Hawelka. Eine Tasse Kaffee. Eine Zigarette. Es gibt viele, die in dieses Bild passen. Arthur Miller war schon einmal hier. Elias Canetti ebenfalls. Auch der türkische Dichter und Poet Nazim Hikmet soll in den 50er-Jahren öfters im Hawelka gewesen sein. Durch ihn ist das Café auch in der Türkei recht bekannt geworden. Hikmet (1902–1963) ist einer der bedeutendsten türkischen Dichter. Er hat die türkische Lyrik maßgeblich beeinflusst. Seine Werke waren aber – aufgrund seiner Aktivitäten in der kommunistischen Bewegung – lange Zeit verboten; er lebte und starb im Exil in Moskau. Für seine Anhänger ist ein Besuch im Hawelka jedenfalls Pflicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)