Doku-Soap: Moskauer Jungfamilie

DokuSoap Moskauer Jungfamilie
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Unsere Moskauer Jungfamilie erfreut sich an der neuen Biederkeit der Mittelschicht: Am Kochen und Heimwerken – wobei Familienvater Boris auf Letzteres lieber verzichten würde.

Was anderen Völkern der Fußball oder die Formel 1, das ist dem Russen die Urlaubsreise ins Ausland. Stundenlang kann er sich mit seinem Lieblingsthema in allen möglichen Medien beschäftigen. Stundenlang auch ausschließlich darüber reden. Unser Moskauer Ehepaar Julia Lisovskaja und Boris Gazerov etwa nahm in letzter Zeit das Thema London ein. Keine Frage, dass es dort „kruto“ („steil“) bzw. „klassno“ („toll“) war, wie die emotionelle Julia und selbst der betont nüchterne Boris schwärmen.

In Wahrheit freilich war es so, dass Boris schon beim Hinflug fast 39 Grad Fieber hatte und daher die ersten zwei der fünf Urlaubstage darniederliegend im dortigen Hotel zubrachte, während sich Julia doch erst am britischen Klima erkältete und die Shoppingtour in der Oxford Street unterbrechen musste. „Nitschewo“, sagen die beiden: Macht nichts, soll heißen, es hätte auch schlimmer kommen können. Man wolle schon bald wieder nach London fahren. Das Einzige, was Boris nicht begreifen kann, ist, dass die englischen Pubs trotz Lockerung der Sperrstunde wie eh und je um 22.45h zur „Last Order“ rufen: „Und uns Russen schimpft man konservativ!“

Gab es bei unserem vorigen Treffen in der Moskauer Zweizimmerwohnung vor einem Monat Sushi per Hauszustellung, so diesmal gebratenen Hasen nach altrussischem Rezept. Nicht nur Reisen ist Ausdruck des Selbstverständnisses der aufkommenden Mittelschicht, auch eine neue Biederkeit greife um sich, erklärt Julia. Habe man zur Sowjetzeit aus Mangel an Restaurants ohnehin nur zu Hause gefeiert, so habe man mittlerweile den Restaurantwahn während des Wirtschaftsbooms im vergangenen Jahrzehnt satt und versammle sich wieder gern in den privaten vier Wänden. „Kochen wird in“, sagt Julia: „Kochbücher sind der Renner. Etwas bieder. Etwas europäisch.“

Auf zu Ikea. Der Gipfel des spießbürgerlichen Zeitgeistes aber ist die Heimwerkersendung im samstäglichen Mittags-TV. Boris habe die Karniese noch immer nicht so angebracht, wie es im Fernsehen vorgezeigt worden sei, klagt Julia. Und Servietten habe er auch nicht gekauft. „Warum sind Männer nicht so veranlagt, dass sie in der Wohnung etwas richten wollen?“ Boris hat längst die Augen verdreht: „Die Heimwerkersendungen gehören verboten“, entfährt es ihm, „die stören nur den Hausfrieden.“ Sie wolle jedenfalls noch dieses Wochenende zu Ikea, sagt Julia. „Wegen der Servietten?“, fragt er. „Mir wird schon noch etwas einfallen.“

Es ist der Abend der Sticheleien. Dass Boris als studierter Physiker Immobilienmakler geworden ist, schreibt Julia mehr dem Zufall als einer bewussten Wahl zu. Und dass er angeblich zu wenig arbeite und daher überbezahlt sei, liege in seinem gemütlichen Naturell. „Stimmt nur bedingt“, sagt er. „Ja, in der Zeit des Booms haben uns die Kaufwilligen die Tür eingerannt. In den letzten Jahren aber müssen wir uns auch etwas anstrengen.“

Nach einem Jahr der Totalflaute kehrt allmählich auch in den Moskauer Immobilienmarkt Leben zurück. Im Moment versucht Boris, eine Wohnung, die vor der Krise 700.000 Dollar gekostet hat, um nun 505.000Dollar an den Mann zu bringen. Ein deutscher Kunde wollte schon zuschlagen. Weil jedoch inzwischen der Euro so tief gefallen ist, erweist sich nun das als Hindernis. Ständig neue Schwierigkeiten. Ist Wirtschaft schon ihrer Natur nach wechselhaft, so neigt sie in dynamischen Transformationsstaaten zu extremen Ausschlägen. Der Rubel etwa: Zu Beginn der Krise um mehr als ein Drittel gefallen, ist er seit Jahresbeginn um zehn Prozent gestiegen. Die Wirtschaft, die vor der Krise jährlich mit sieben Prozent gewachsen ist, ist im Vorjahr um acht Prozent abgestürzt und sollte heuer zumindest um bis zu vier Prozent zulegen.

Traum von Stabilität. Dass Russen wie unsere Moskauer Jungfamilie daher von Stabilität träumen, ist nicht verwunderlich. Gesucht wird sie in Europa. Von einem „Reserveflugplatz“ spricht man in Russland daher gerne. Auch wegen der politischen Unwägbarkeiten. Die jüngsten Terroranschläge, die genau in jenen U-Bahn-Stationen stattfanden, durch die Boris täglich auf dem Weg zur Arbeit fährt, haben das Sicherheitsgefühl noch weiter unterminiert.

Die Elite hat sich im Laufe der vergangenen Jahre mit Immobilien und Bankkonten im Westen eingedeckt, weil sie offenbar selbst an keine Stabilität zu Hause glaubt. Julia grübelt über einen Wohnungskauf in Berlin. „Man wird ja noch träumen dürfen“, sagt sie. Und: „Auch, dass irgendwann die Karniese richtig hängt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)

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