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Fromme Hoffnung in Priesterseminar

„Bringt die schwarze Katze Unglück?“, fragten Nutzer sozialer Medien. Sie kreuzte den Weg, als Tsipras (Mitte) mit türkischen Regierungsvertretern die Hagia Sophia in Istanbul besuchte.
„Bringt die schwarze Katze Unglück?“, fragten Nutzer sozialer Medien. Sie kreuzte den Weg, als Tsipras (Mitte) mit türkischen Regierungsvertretern die Hagia Sophia in Istanbul besuchte.APA/AFP/OZAN KOSE
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Als erster griechischer Premier hat Tsipras die Klosterinsel der orthodoxen Kirche in Istanbul besucht. Der Streit um die geschlossene Priesterschule belastet das Verhältnis der Länder.

Istanbul. Auf einer Motorjacht und mit Begleitschutz der türkischen Küstenwache brach Alexis Tsipras am Mittwochvormittag zu einem historischen Besuch auf. Von Istanbul aus fuhr er als erster amtierender Ministerpräsident Griechenlands auf die nahe Insel Heybeliada und nahm dort an einem Gottesdienst im seit fast 50 Jahren geschlossenen Priesterseminar Halki der griechisch-orthodoxen Kirche teil. Handfeste politische Gründe hatten den bekennenden Atheisten Tsipras zur Visite auf der Klosterinsel bewogen: Er wollte – nicht zuletzt mit Blick auf die Wähler zu Hause – ein Zeichen für die christliche Minderheit in der Türkei setzen. Der Abstecher nach Halki war Höhepunkt einer für ihn schwierigen Türkei-Reise.

Seit das Priesterseminar 1971 geschlossen wurde, fehlt dem griechisch-orthodoxen Klerus im früheren Konstantinopel der Nachwuchs. Der Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, Bartholomäus I, geistiges Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit und selbst Absolvent von Halki, sorgt sich deshalb um die Zukunft seiner Kirche. Die türkische Regierung macht die Wiedereröffnung der Schule von Verbesserungen für die muslimische Minderheit in Griechenland abhängig. Der Streit belastet seit Jahren das Verhältnis zwischen der Türkei und der EU.

 

Visite für das Heimpublikum

Fortschritte waren auch bei den Gesprächen von Tsipras mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am Dienstag in Ankara ausgeblieben. Trotzdem gab sich der griechische Regierungschef zuversichtlich. „Ich hoffe, dass ich bei meinem nächsten Besuch die Schule zusammen mit Erdoğan eröffnen kann“, sagte er auf der Klosterinsel. Die Minderheiten von Griechen und Türken im jeweils anderen Land sollten „nicht Anlass für Konflikte sein, sondern Brücken bauen“. Patriarch Bartholomäus sagte, er bete dafür, dass der „bedeutsame Tag“ der Schulöffnung bald kommen würde.

Das wird womöglich ein frommer Wunsch bleiben. Erdoğan bekräftigt bei seinem Treffen mit Tsipras in Ankara, Griechenland solle zuerst die Rechte der türkischen Minderheit stärken. Erst dann werde die Schule wieder geöffnet.

Tsipras‘ Visite sei dennoch „von hoher Symbolkraft“ und vor allem ein „Besuch für die Menschen zu Hause in Griechenland“ gewesen, sagt der Politologe Dimitrios Triantaphyllou von der Istanbuler Kadir-Has-Universität zur „Presse“. Tspiras muss sich spätestens im Oktober Neuwahlen stellen. Der Premier habe eine Botschaft der Unterstützung für den Patriarchen gesendet, aber auch der türkischen Seite ein Signal geschickt: „Wir müssen die Kommunikationskanäle offen halten.“

Schließlich sei bisher keines der großen Probleme zwischen beiden Ländern gelöst, sagte Triantaphyllou. Tatsächlich beschränkten sich Erdoğan und Tsipras auf eine Bestandsaufnahme der diversen Baustellen und den Ausdruck guten Willens. Die beiden Nachbarn streiten sich unter anderem um die Grenzziehung in der Ägäis und um die Aufteilung erwarteter Milliardenerlöse aus dem Verkauf von Erdgas, das unter dem Meeresboden um die geteilte Mittelmeerinsel Zypern geortet worden ist. Erdoğan bekräftigte die Forderung nach Auslieferung mutmaßlicher Teilnehmer an dem Putschversuch von 2016 aus Griechenland, die von griechischen Gerichten jedoch abgelehnt wird.

Neue Abkommen gebe es diesmal nicht zu unterschreiben, sagte Tsipras deshalb nach seinem Treffen mit Erdoğan. Vielleicht sei es ja beim nächsten Mal so weit. Immerhin sollen neue Fähr- und Eisenbahnverbindungen zwischen den beiden Ländern geschaffen und vertrauensbildende Maßnahmen zum Abbau der Spannungen in der Ägäis vereinbart werden.

 

Streitthema Flüchtlinge

Auch beim Flüchtlingsthema bleiben die Gegensätze bestehen. Erdoğan beklagte erneut das Zögern der EU bei der Auszahlung versprochener Milliardenhilfen im Gegenzug für türkische Bemühungen bei der Reduzierung der Zahl der Flüchtlinge, die über Anatolien nach Europa gelangen. Griechenland ist besorgt wegen der wachsenden Zahl von Menschen, die statt über den Seeweg über die türkisch-griechische Landgrenze aus der Türkei kommen: Dort wurden im vergangenen Jahr rund 18.000 Schutzsuchende registriert, fast dreimal so viel wie 2017.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2019)