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Iran: Das Sexobjekt im Tschador

Iran Sexobjekt Tschador
Tschador(c) Mana Yar-Ahmadi

Ich fühlte mich noch nie so nackt wie vollverschleiert im Iran.Von Ehe auf Zeit, bedrohlicher weiblicher Geschlechtlichkeit und anderen Seltsamkeiten im streng islamischen Land.

Als alleinreisende Frau können Sie hier kein Zimmer bekommen“, erklärt mir der junge Rezeptionist mit einem apologetischen Lächeln. Es ist elf Uhr nachts. Ich bin in der heiligen Stadt Qom, dem „Vatikan der Schiiten“, zwei Autostunden südlich von Teheran.

Qom ist ein wichtiger Wallfahrtsort. Der Schrein der heiligen Maasumeh, der „Unschuldigen“, zieht jährlich Hunderttausend Pilger an. Mit ihren Priesterseminaren und Moscheen ist die Stadt auch wichtigstes Zentrum schiitischer Lehre. Und: Qom ist auch das ideologische Zentrum der Macht in der Islamischen Republik Iran.

Alleinreisende Frauen stehen im Iran unter dem Pauschalverdacht der Prostitution. Ich muss bei der Sittenpolizei vorsprechen, um eine Ausnahmegenehmigung für eine Nächtigung zu bekommen. Ich gebe mich als Pilgerin aus und verschweige den Grund meiner Reise: über die Zeitehe zu recherchieren – eine schiitische Tradition, die es einem Mann und einer Frau ermöglicht, eine Ehe auf Zeit einzugehen, von einer halben Stunde bis hin zu 99 Jahren. Ich beginne die Recherche für meinen Dokumentarfilm in Qom, weil die Stadt den zweifelhaften Ruf einer Zeitehebörse hat.

Der Beamte beäugt mich mit einer Mischung aus Belustigung, Interesse und Abscheu. Die schäbige Amtsstube ist sonst Anlaufstelle für Mädchen, die von zu Hause weggelaufen sind und von der Sittenpolizei auf Busbahnhöfen gefasst wurden. Selten kommt eine Frau freiwillig hierher. Er unterzieht mich einem demütigenden Verhör, seine Macht sichtlich auskostend. Nur der Tatsache, dass mein iranischer Pass in Österreich ausgestellt wurde, verdanke ich, dass er eine Ausnahme macht und eine Genehmigung ausstellt.

Ich erinnere mich an die Erzählung eines Bekannten: Alleinreisenden Männern, die in Qoms Hotels absteigen, wird vom Management ein Zettel mit Zeiteheangebot unter der Tür durchgeschoben. Die Doppelmoral zeigt sich an dem kleinen Unterschied. Religiös erlaubte Prostitution. Dafür ist Qom berüchtigt, auch für die Zeitfrauen von Qom, die ihre Tschadors verkehrt herum tragen, mit der Naht nach außen, ein subtiles Signal ihrer Zunft.

Schon der Prophet Mohammed empfahl die Zeitehe Pilgern und Kriegern, um ihre sexuellen Bedürfnisse innerhalb eines legalen Rahmens zu befriedigen. 1400 Jahre später nehmen die Zeitehen laut offizieller Statistiken wieder zu. In einem Land, wo auf Sex von Unverheirateten 100 Peitschenhiebe und auf Ehebruch die Steinigung steht, wird jeder Akt freier Liebe zur riskanten Handlung. Die Zeitehe kann als Schlupfloch dienen. Unverheiratete Paare aber kriegen kein Hotelzimmer, ebenso wie ich als alleinreisende Frau.


Der Schleier zeigt alles. Noch nie habe ich mich so nackt gefühlt wie vollverschleiert im Iran. Gerade die vielen Kontrollmechanismen des Regimes (Kopftuchpflicht, Geschlechtertrennung) schaffen eine extrem sexualisierte Atmosphäre. Der Tschador ist eine raffinierte Art von Reizwäsche. Er ist wie ein dauernder Hinweis: „Unter diesem Stoff ist ein Sexobjekt, so aufreizend, dass es verhüllt werden muss.“

Ich konnte noch nie das gängige Argument akzeptieren, der Schleier beschütze die Frauen vor der Lüsternheit der Männer. Vielmehr soll der Schleier die Männer vor der als bedrohlich und destruktiv empfundenen weiblichen Sexualität schützen. Je länger ich durch Teherans Straßen spaziere, vorbei an Schaufensterpuppen mit abgeschnittenen Köpfen und Brüsten, desto mehr erhärtet sich meine These.

Freiwild für Gewalttäter. Ob Maryam, Hengameh, Zari, Sepideh oder Mehri – die Frauen, die mir von ihren Erfahrungen mit Zeitehe erzählen, reden immer von dieser Verwundbarkeit, dem Gefühl, Freiwild zu sein. Ihre Geschichten ähneln sich auf erschreckende Weise: Sie kommen aus armen, bildungsfernen Schichten, wurden jung verheiratet. Der Mann war gewalttätig, drogensüchtig, untreu.

Sie kämpften ihre Scheidung durch; ein harter Kampf in einem Rechtssystem, das nur dem Mann das Scheidungsrecht zubilligt. Frauen bekommen eine Scheidung nur unter Angabe folgender Gründe: Geisteskrankheit, Impotenz, Drogensucht oder anhaltende Gewalttätigkeit des Mannes. Und dann standen die Frauen mit Anfang/Mitte 30 und Kindern vor dem Nichts. Sie haben keine Ausbildung, keine Chance am Arbeitsmarkt, außer in schlecht bezahlten Pflegejobs. Es bleibt ihnen oft nichts übrig, als Zeitfrau eines älteren, verheirateten Mannes in der Midlife Crisis zu werden.

Die Geschiedene ist stigmatisiert. Denn sie ist eine Frau, die erstmals nicht der Kontrolle eines Mannes untersteht, weder ihres Vaters noch des Gatten. „Geschiedene Frauen, die ihre sexuellen Triebe nicht kontrollieren können, gefährden den moralischen Bestand der Gesellschaft“, sagt ein Mullah zu mir mit erhobenem Zeigefinger. Da haben wir sie wieder: die bedrohliche weibliche Sexualität.

Chance auf eine Mätresse. „Haben Sie unterschrieben?“, fragt mich die bekannte Anwältin und Frauenrechtlerin Zohreh Arzani. Sie meint die Kampagne „Eine Million Unterschriften gegen diskriminierende und frauenfeindliche Gesetzgebung“, eine groß angelegte Aktion, bei der viel Aufklärungsarbeit geleistet wurde. Irans Frauenbewegung ist sehr aktiv und kämpferisch. Oft sitzen Frauenrechtlerinnen deswegen im Gefängnis. Ihre Galionsfigur: Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, doch neben ihr kämpfen viele für Gleichberechtigung. Die Abschaffung von Polygamie und Zeitehe stehen ganz oben auf der Agenda.

Als ich sie auf die Zeitehe anspreche, seufzt die attraktive Mittdreißigerin wie bei einem alten Schmerz: „Das ist keine Ehe, sondern Schlupfloch für reiche Männer, sich eine Mätresse zu halten.“ Mehrmals gab es seitens der Regierung Initiativen, „Anstandshäuser“ – also legale Bordelle – ins Leben zu rufen, mit medizinischer Minimalversorgung, hauseigenem Mullah, der die Ehen schließt, und freier Kondom-ausgabe. Die Idee stieß auf Stürme der Entrüstung, sowohl bei konservativen Moralaposteln, die den endgültigen Verfall der Sitten witterten, als auch bei säkularen Feministinnen, die meinten, es mache Doppelmoral salonfähig.

Verhütung ist kein Tabu. Die Keyhan Bod Fabrik westlich von Teheran ist die einzige staatliche Kondomfabrik im Mittleren Osten und produziert 45 Millionen Kondome im Jahr. Empfängnisverhütung ist kein Tabu. Vorbei die Zeiten, als Khomeini lebte und Gebären von Kanonenfutter für den iranisch-irakischen Krieg als patriotische Pflicht galt. Die Bevölkerung ist jung, das Heiratsalter im Steigen, die Geburtenrate niedrig wie in Mitteleuropa, die Sexualmoral wankt.

Schon sind mehr als 60 Prozent der Uni-Absolventen Frauen. Der Iran ist mit seinem jungen Volk (Durchschnitt: 26 Jahre) eine demografische Zeitbombe. Die Generation der unter 25-Jährigen, die Kinder der Revolution, durchleben eine sexuelle Revolution, die die Gesellschaft in allen Bereichen erschüttert. Für das Regime ist die Sexualität der Schlüssel zur Macht.

Die Jugend dreht den Spieß um: Der sexuellen wird eine gesellschaftliche Revolution folgen müssen.

Sudabeh Mortezai ist Iranerin und lebt in Wien. Ihr zweiter Dokumentarfilm »Im Bazar der Geschlechter« kommt am 16. April ins Kino.

„Presse“-Außenpolitikredakteur Thomas Seifert im Gespräche mit der Regisseurin: Mittwoch, 14. April 2010, im Gartenbaukino im Anschluss an die Film-Premiere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)