Eine internationale Schule in einem ehemaligen Kibbuz führt vor, wie ein friedliches Miteinander im Kleinen funktioniert. „Wo ist das Bewerbungsformular?“, scherzte Bundespräsident Van der Bellen.
Raz Fliederbaum ist aufgeregt, und das hat nichts mit seinem 17. Geburtstag am kommenden Tag zu tun. Der Teenager mit der dunklen Haut und dem schwarzen Lockenkopf war als Österreicher dazu auserkoren, der First Lady den Blumenstrauß zu überreichen. Er vergisst dabei aber, zunächst dem Ehrengast die Hand zu schütteln.
Alexander Van der Bellen und Doris Schmidauer, seine Frau, quittieren die kleine Panne mit einem Schmunzeln. Schüler und Lehrer der International School sind auf dem Campus von Givat Haviva, einem ehemaligen Kibbuz auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Haifa, bei leichtem Regen auf dem Rasen zusammengeströmt, um die österreichische Delegation mit großer Neugier und Herzlichkeit zu begrüßen.
Es ist indes nicht nur ein großer Tag für Raz Fliederbaum, den aus Gambia adoptierten jüdischen Buben aus Baden, der seit Herbst das schulische Pilotprojekt mit Modellcharakter in Israel besucht, an der Seite von Juden und Palästinensern, von Christen und Muslimen, von Mitschülern aus den USA, Deutschland, den Niederlanden, dem Kosovo, Liberia oder dem Südsudan. Der Schlüssel, aus dem sich die 55 Schüler im Alter von 16 und 17 Jahren aus 16 Ländern zusammensetzen: 50 Prozent Israelis - ein Viertel Juden, ein Viertel Palästinenser -, 50 Prozent Ausländer.
"Höhepunkt der Karriere"
Auch Martin Weiss, dem österreichischen Botschafter in Israel, geht das Herz über, wie er betont. „Das ist heute ein Höhepunkt in meiner Karriere“, konstatiert der Diplomat mit sichtlicher Rührung. „Wir können hier eine Menge lernen“, sagt er angesichts des vom Außenministerium in Wien ausgezeichneten Feldversuchs in einem Mikrokosmos. Im seit Jahrzehnten aufgewühlten, umfehdeten Nahen Osten haben sich die Initiatoren das Ziel gesetzt, trotz mancher Differenzen Freundschaft und ein friedliches Miteinander unter Jugendlichen zu propagieren und zu leben.
„Wir kannten zuvor ja keine Palästinenser, jetzt sind einige unsere Freunde. Wir diskutieren hier über Konflikte, etwa über den Kosovo, von dem wir zuvor nichts gewusst haben“, erzählen Raz Fliederbaum und sein deutscher Freund Leo Grossman. Der Bub aus der Nähe von Freiburg resümiert nach einem halben Jahr: „Es hat mir die Augen geöffnet, mein Weltbild verändert.“
Zuweilen schlägt das Pathos durch, wenn ein palästinensisches Mädchen die Schüler als „Licht in der Finsternis der Ignoranz“ charakterisiert. Es sind große Worte, die indessen Hoffnung ausdrücken in einer Umgebung, die eher den Hass befördert. Auf einer Säule vor der Bibliothek prangt ein Spruch, ein wahrhaft frommer Wunsch, in drei Sprachen: „Möge sich der Friede durchsetzen.“
Mohamed Darawshe, der Direktor, hat eine quasi biblische Metapher parat: „Juden haben keine Hörner, Araber keine Schwänze.“ Er weiß allerdings auch, dass das progressive Schulexperiment, finanziert zum Großteil durch private Spenden, ein Ablaufdatum hat – die Rückkehr der Kinder nach der Matura in ihre familiäre Umgebung, in die abgeschotteten Gemeinde und somit die Gefahr, in alte Stereotype zurückzufallen. „Am Anfang war es ein echter Kulturschock“, sagt Avi, der als orthodoxer Jude in New Jersey aufgewachsen ist. Eine junge Palästinenserin bringt es auf den Punkt: „Wir sind Botschafter für unsere Länder – und wir sind auch Teenager.“
Erst ein wenig Bauchweh vor der Reise
Ex-Professor Alexander Van der Bellen zeigt sich beeindruckt. „Wo ist das Bewerbungsformular?“, scherzt er, um im Nachsatz um die Zusendung des Nahost-Friedensplans zu bitten, den die Schule ausgearbeitet hat. „Leute aus Österreich, die glauben, sie hätten große Probleme, sollten hierher kommen. Die Botschaft lautet: Bereichert euch gegenseitig.“ Auch Frank-Walter Steinmeier, sein deutsches Pedant, hat dem Vorzeigeprojekt Givat Haviva einen Besuch abgestattet.
Die Reise, die der Bundespräsident mit ein wenig Bauchweh angetreten hat, wie er offen eingesteht, endet mit einer positiven Note. Es ist ein anderes Israel, als er es zuvor bei seinen politischen Terminen angetroffen hat. Van der Bellen zog indes durchaus zufrieden Bilanz, überrrascht auch vom warmherzigen Empfang sowohl von israelischer wie palästinensischer Seite. Allen Holocaust-Leugnern und Ewiggestrigen empfiehlt er gleichwohl einen Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: „Wer hier nichts lernt, dem ist nicht zu helfen.“
Im Österreicher-Klub in Tel Aviv, dem Zentralkomitee der Juden aus Österreich, hat der Präsident zum Abschluss seines Trips noch eine Begegnung mit Menschen, die in der Nazi-Zeit so viel duchlitten und nur mit Müh und Not, durch Glück oder Zufall überlebt haben und die doch an der alten Heimat hängen. Menschen wie den 95-jährigen Ehrenpräsidenten Gideon Eckhaus, die zahllose österreichische Politiker auf Israel-Besuch kommen und gehen gesehen hat und darüber jedesmal aufrichtige Freude, Genugtuung und auch Rührung empfindet haben über die offizielle Anerkennung und die Geste der Aussöhnung.