Auch selbst bedrängt: Schönborn über „Missbrauchsystem“ der Kirche

„Ich habe als Jugendlicher von einem Priester, den ich sehr geschätzt habe, eine Annäherung erlebt“, schildert Schönborn im Gespräch mit Doris Wagner

TV-NotizIm Bayerischen Rundfunk sprach Kardinal Christoph Schönborn mit Missbrauchsopfer Doris Wagner. Ein sensibles, kluges und wichtiges Gespräch.

In wenigen Tagen lädt Papst Franziskus zu einer Missbrauchskonferenz nach Rom. Ob die Erwartungen, dass das prägende Thema neu beleuchtet wird, erfüllt werden? Es ist ein schwieriges Feld, auch für die Medien. Man hat den Eindruck, es würden dieselben Geschichten wieder und wieder erzählt. Dass das nicht stimmt, zeigt nun eine Sendung des Bayrischen Rundfunks, die am Mittwochabend gezeigt wurde. Der Titel: „Eine Frau kämpft um Aufklärung“. Die Sendung ist weniger Dokumentation als Gespräch zwischen einem Missbrauchsopfer und einem der mächtigen Männer der katholischen Kirche, Kardinal Christoph Schönborn.

Doris Wagner, Tochter einer tiefgläubigen Arbeiterfamilie, war acht Jahre lang Nonne und wurde in dieser Zeit missbraucht und vergewaltigt. Ihre Erlebnisse hat sie in Büchern verarbeitet, die Schönborn kennt und „so g'scheit, so differenziert“ findet. In einem Studio des Bayerischen Rundfunks sprachen die beiden über Macht, Missbrauch, und die Zukunft der Kirche. Ein sensibles, kluges Gespräch, in dem Schönborn selbst erzählte, wie er in den Neunzehnfünfziger Jahren von einem Priester bedrängt wurde.

„Das kann nicht von Gott kommen“

Eingangs analysierten die beiden „das Missbrauchsystem“ in der katholischen Kirche. Erschütternd, als die ehemalige Nonne Wagner erzählte, welches Vertrauen sie in ihre Oberen im Orden hatte, sie als Stellvertreter Gottes nicht in Frage stellte – und wie dieses Vertrauen missbraucht wurde. Als sie von einem Priester vergewaltigt wurde, sei ihr erster Impuls gewesen, es niemandem zu erzählen, um die Kirche zu schützen. Erst später sei sie zu der Erkenntnis gelangt: „Das kann nicht von Gott kommen.“

Über diese „Dynamik des Schweigens“ sprach auch Schönborn. Man kann erahnen, wie sehr es ihn geprägt hat, dass seinem Vorgänger Hans Hermann Groër Missbrauch nachgewiesen worden war. Zuerst hatte er ihn noch verteidigt: „Es kam für mich völlig überraschend.“

„Machtungleichgewicht ermöglicht Missbrauch“

In der Sendung fragte er sich, wie Hilfbereitschaft in Missbrauch umkippen könne. Wagners Antwort: „Es gibt einen einfachen Grund, der Missbrauch ermöglicht: Machtungleichgewicht.“ Es gebe einen Part, der mehr Macht habe und sich über den anderen hinwegsetze. Das betreffe neben Kindern in der katholischen Kirche auch Frauen. Von ihnen werde erwartet, dass sie grenzenlos verfügbar seien und sich aufgäben im Dienste für die anderen.

Schönborn kennt dieses Ungleichgewicht und abfällige Bemerkungen gegenüber Nonnen. „Die Frauenfrage ist eine der großen Fragen der Zeit, davon bin ich überzeugt“, sagte er. Er glaubt, das Thema Missbrauch werde die Rolle der Frau in der katholischen Kirche verändern. Wie, darauf ging er nicht näher ein.

„Er wollte mich auf den Mund küssen“

Aber er erzählte von seinen eigenen Erfahrungen: „Ich habe als Jugendlicher von einem Priester, den ich sehr geschätzt habe, eine Annäherung erlebt“, schilderte er. „Er wollte mich auf den Mund küssen.“ Er habe es nicht aktiv versucht, aber verbal angesprochen. Es sei keine total schockierende, aber eine sehr verwirrende Erfahrung gewesen, so Schönborn.

Dahinter stecke etwas, das zu wenig thematisiert werde: Die Obsession mit dem sechsten Gebot, „Du sollst nicht Ehe brechen“. Der Kardinal erzählte von Sexualaufklärung bei Jugendlichen und dem Beichtthema Selbstbefriedigung, wie er es selbst als Jugendlicher erlebt habe. „Das wurde auf eine viel zu extensive Weise behandelt.“ So sei der Eindruck entstanden, Kirche habe vor allem mit Sex zu tun.

Zehn Jahre nach Missbrauch Amt verloren

Wie schwer der Kirche die Aufarbeitung von Missbrauch fällt, lässt sich am Fall von Doris Wagner ablesen: Erst heuer im Jänner verlor der Priester, der sie vor zehn Jahren vergewaltigt hatte, sein Amt. Im Gespräch mit Schönborn folgte ein berührender Moment. Sie habe von niemandem in der Kirche gehört, dass man ihr glaube, sagte sie. „Ich glaube ihnen“, sagte Schönborn.

Am Ende der Aussprache wurde die sonst so ruhige ehemalige Nonne doch noch wütend, nämlich als es um die Missbrauchskonferenz in Rom ging. Schönborn erwartet, dass ein gemeinsamer Bewusstseinsstand für das Thema geschaffen werde, denn den gebe es nicht. „Warum ist für die Würdenträger, die das nicht verstehen können oder wollen, so viel Verständnis da?“ fragte Wagner. „Warum ist dieses Verständnis für Opfer nicht da? Das macht mich richtig krank.“ Sie wünschte sich, dass auch an die Opfer die Botschaft ausgesendet werde, „ihr seid die Kirche, ihr gehört zur Kirche.“ Schönborn versprach, diesen Wunsch nach Rom zu tragen. Eine versöhnliche Note für das erhellende Gespräch.

>> „Eine Frau kämpft um Aufklärung“: in der BR-Mediathek