Trauer und Spekulationen nach Kaczynski-Absturz

Trauer Spekulationen nach KaczynskiAbsturz
(c) AP (Czarek Sokolowski)

Nach dem Flugzeugabsturz in Russland, bei dem 97 Menschen starben, stellt sich die Frage: Wer ist schuld? Der Pilot und selbst der getötete Präsident Lech Kaczynski könnten fatale Fehler begangen haben.

Mit zwei Schweigeminuten ist am Sonntagmittag der Opfer des Flugzeugabsturzes bei Smolensk in Russland, in dem auch der polnische Präsident Lech Kaczynski und seiner Frau Maria starben, gedacht worden. Unmittelbar zuvor läuteten im ganzen Land Kirchenglocken. Als die Alarmsirenen um 12 Uhr aufheulten, blieben Menschen auf der Straße stehen, Autos stoppten. Vor dem Präsidentenpalast in Warschau verharrten Hunderte Menschen in stiller Andacht der 97 Opfer, die im Westen Russlands ums Leben kamen, darunter neben dem Präsidentenpaar der polnische Generalstabschef Franciszek Gagor, Nationalbankchef Slawomir Skrzypek, Vizeaußenminister Andrzej Kremer sowie zahlreiche Parlamentarier und nahezu die gesamte Führung der polnischen Armee.

Nicht still hingegen wird es bei den Spekulationen um die Absturzursache: Das Unglück passierte wegen eines Pilotenfehlers, sind sich viele Experten, Medien und Bürger einig. Diese Erklärung greift für viele zu kurz. Dabei stellt sich die Frage, was sich an Bord der Tupolew-154 abspielte.

"Wir haben die Piloten gewarnt"

Als gesichert gilt, dass die Maschine wegen des dichten Nebels nicht hätte landen sollen. "Wir haben die polnischen Piloten gewarnt, als sie 50 Kilometer vor Smolensk waren", erklärte der Vizechef der russischen Luftwaffe, Alexander Aljoschin. Danach hätten die Fluglotsen in Smolensk das polnische Flugzeug noch viele Male aufgefordert, die Landung abzubrechen. Eine russische Militär-Maschine hatte eine halbe Stunde zuvor die Anweisung befolgt und war nach Moskau abgedreht.

Polnische Piloten können ihre verunglückten Kollegen nicht verstehen. "In der zivilen Luftfahrt bekommt ein Flugkapitän ernsthafte Probleme, wenn er in so einer Situation landet - selbst wenn die Aktion gut geht", zitiert die Zeitung "Gazeta Wyborcza" anonym einen Piloten der staatlichen Linie LOT.

Schon einmal verlangte Kaczynski Landung

Manche Trauernde äußern deshalb den Verdacht, dass die Piloten der Tupolew-Maschine zu dem gefährlichen Manöver gezwungen wurden. Der Flugkapitän habe zwar die Befehlsgewalt an Bord. "Aber wenn sein direkter Vorgesetzter mitfliegt, der Chef der Luftstreitkräfte, dann könnte er schon auf dessen Anweisungen hören, um zum Beispiel seine Karriere nicht zu gefährden", meint ein Student, der vor dem Präsidentenpalast in Warschau der Toten gedachte.

Polnische Medien erinnern in diesen Zusammenhang an einen Vorfall von 2008. Der nun so tragisch ums Leben gekommene Präsident Lech Kaczynski verlangte damals von einem Piloten, einen Flug nach Aserbaidschan zu unterbrechen und außerplanmäßig in Tiflis zu landen, um schneller in der georgischen Hauptstadt anzukommen. Als der Pilot sich weigerte, kündigte Kaczynski Konsequenzen an: "Wer Offizier wird, sollte nicht ängstlich sein", sagte das Staatsoberhaupt zu den Journalisten an Bord.

Manche Polen spekulieren, dass der Präsident am Samstag deshalb nicht zu spät zur Gedenkfeier nach Katyn kommen wollte, weil das Flugzeug mit den Journalisten schon eineinhalb Stunden zuvor dort eingetroffen war.

Kein technischer Defekt

Einen technischen Defekt der Regierungsmaschine schließen nahezu alle Experten aus, die in Polen zitiert werden. Sie hatte bisher knapp über 5000 Flugstunden absolviert, die Lebenszeit einer Tupolew-154 wird von Fachleuten mit 30.000 Stunden angegeben. Allerdings handelt es sich bei ihr um einen vergleichsweise gefährlichen Typ: Von 1015 produzierten Maschinen stürzten laut polnischen Medien, die sich auf die Internetseite "aviation-safety.net", berufen, schon 57 ab. Zum Vergleich: Von 4225 hergestellten Airbus A320 trifft dies nur auf 16 Flugzeuge zu.

Auch wenn die Tupolew einwandfrei funktionierte, hätte ein anderes Flugzeug den Passagieren möglicherweise das Leben retten können: Der Pilot versuchte das Flugzeug noch kurz vor der Bruchlandung wieder in die Höhe bringen. "Aber die Tu-154 ist eine schwere Maschine und so dicht über der Erde kaum ins Gleichgewicht zu bringen", sagte Alexej Korontschuk, Mitarbeiter des Smolensker Flughafens, gegenüber der "Gazeta Wyborcza".

Trauer in Polen

Angesichts der Tragödie steht Polen am Sonntag weiterhin unter Schock: Landesweit strömte die Menschen in die Gottesdienste, um der Opfer des Absturzes vom Samstag zu gedenken. Ministerpräsident Donald Tusk zündete vor dem Parlament in Warschau eine Grabkerze für die Toten an und kniete nieder. Vom Turm der Marienkirche in Krakau ertönte das Stück "Tränen der Mutter".

Der Sarg mit dem Leichnam des polnischen Präsidenten wurde am Sonntag nach einer kurzen Zeremonie im Beisein des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin auf dem Flughafen im westrussischen Smolensk in ein Flugzeug geladen, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Putin und der polnische Botschafter in Russland, Jerzy Bahr, legten rote Rosen vor dem Sarg nieder, der auf dem Flughafen kurzzeitig aufgebahrt war. Ein Militärorchester spielte die polnische und die russische Nationalhymne.

Wer hat in Polen nun das Kommando?

Der politische Alltag geht indes weiter: Spätestens am 20. Juni müssen vorgezogene Präsidentenwahlen stattfinden. Unterhaus-Chef Bronislaw Komorowski nimmt - so sieht es die polnsische Verfassung vor - dessen Pflichten und verfügt nunmehr über alle Befugnisse des Präsidenten mit Ausnahme des Rechts auf Parlamentsauflösung. Im Laufe der kommenden 14 Tage muss er die vorgezogenen Präsidentenwahlen bekanntgeben, die dann spätestens nach 60 weiteren Tagen abgehalten werden müssen. Er ordnete eine einwöchige Staatstrauer an.

Die bei dem Unglück ums Leben gekommenen Abgeordneten werden im Sejm (Unterhaus) automatisch durch die weiteren Kandidaten auf den entsprechenden Wahllisten ersetzt. Für die verstorbenen Senatoren müssen Nachfolger gewählt werden. Die dafür nötigen Nachwahlen werden auch vom Staatspräsidenten - also aktuell vom Parlamentsvorsitzenden - angeordnet.

Den Chef der Polnischen Nationalbank ersetzt vorläufig sein Stellvertreter. Der neue Notenbankchef wird vom Unterhaus des Parlaments aus den vom Präsidenten nominierten Kandidaten gewählt. Die Kandidaten wird in der aktuellen Situation ebenfalls der Parlamentspräsident benennen. Der Sejm muss auch den neuen Chef des Instituts für das Nationale Gedächtnis (IPN) wählen.

Der Parlamentsvorsitzende Komorowski wird zudem die Befehlshaber der Streitkräfte berufen. Bis zu der Berufung haben die Stellvertreter der verstorbenen Generäle das Kommando.

 

Die Opfer

Mit dem polnischen Präsidentenpaar starben bei der Flugzeugkatastrophe im Westen Russlands am Samstag zahlreiche ranghohe Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Polen sowie nahezu die gesamte Armeeführung. Unter den fast hundert Todesopfern befanden sich unter anderen

Präsident Lech Kaczynski und seine Frau Maria Kaczynska
Vize-Parlamentspräsident Jerzy Szmajdzinski
Vize-Parlamentspräsident Krzysztof Putra
Vize-Senatspräsidentin Krystyna Bochenek
Zentralbankchef Slawomir Skrzypek
Generalstabschef Franciszek Gagor
Luftwaffenchef Andrzej Blasik
Marinechef Andrzej Karweta
Chef der Spezialkräfte, Wlodzimierz Potasinski
Chef der Einsatzkräfte, Bronislaw Kwiatkowski
Katholischer Militärpfarrer, Bischof Tadeusz Ploski
Orthodoxer Militärgeistlicher, Erzbischof Miron Chodakowski
Leiter des Präsidentenbüros, Wladyslaw Stasiak
Leiter des Büros für nationale Sicherheit, Aleksander Szczyglo
Präsidentschafts-Staatssekretäre Mariusz Handzlik und Pawel Wypych
Vize-Verteidigungsminister Stanislaw Jerzy Komorowski
Vize-Außenminister Andrzej Kremer
Vize-Kulturminister Tomasz Merta
Chef des nationalen olympischen Komitees, Piotr Nurowski
Präsident des Instituts für das nationale Gedächtnis (IPN), Janusz Kurtyka
Ratspräsident zum Schutz der nationalen Gedenkstätten, Andrzej Przewoznik
Schiedsmann für Bürgerrechte, Janusz Kochanowski
Präsident des Verbandes der Opferangehörigen von Katyn, Andrzej Sarjusz-Skapski
Präsident des Soldatenverbandes, Czeslaw Cywinski
Präsidentin der polnischen Anwaltskammer, Agata Agacka-Indecka
Anna Walentynowicz, Heldin der historischen Streikbewegung auf der Danziger Lenin-Werft 1980

Darüber hinaus befanden sich noch weitere polnische Parlamentarier und Repräsentanten verschiedener Kirchen und Verbände an Bord der Unglücksmaschine. Keiner der 97 Insassen der Tupolew TU-154 überlebte die Katastrophe.

(Ag./Red.)