Ich bin es, der Fisch: So viel Selbstbewusstsein verstört Forscher

Der Gemeine Putzerfisch (Labroides dimidiatus) sieht sich im Spiegel. Wirklich „sich“?
Der Gemeine Putzerfisch (Labroides dimidiatus) sieht sich im Spiegel. Wirklich „sich“?(c) Plos/Alex Jordan

Zoologie. Der Putzerfisch erkennt sich offenbar selbst im Spiegel. Das wirft unsere Hierarchie der geistigen Fähigkeiten von Tieren über den Haufen.

Am Anfang taten die Tiere noch das, was die Wissenschaft von ihnen erwartete. Die Gemeinen Putzerfische attackierten ihre Konterfeis im Spiegel, den das deutsch-japanische Zoologenteam ins Aquarium gestellt hatte. Bald aber realisierten sie, dass der vorgespiegelte Artgenosse kein Eindringling in ihren Schwarm war. Und führten seltsame Tänze auf: Manche drehten sich kurz um, mit dem Bauch nach oben, was sonst kein gesunder Fisch macht. Ganz so, als wollten sie testen, ob das Spiegelbild die Bewegung mit vollzieht – Grimassen oder Gesten fallen dafür bei ihnen ja aus. In einer dritten Phase verharrten sie dann ganz ruhig vor dem Spiegel und schauten sich selbst lange an.

Wirklich „sich selbst“? Um das zu klären, injizierten ihnen die Forscher ein wenig Farbe unter die Haut, an einer für sie nicht sichtbaren Stelle. Der braune Fleck sah aus wie die Parasiten, die der Putzerfisch sonst von der Haut von Wirtsfischen putzt. Was machten sie, als sie den Fleck im Spiegel entdeckten? Sie drehten sich immer wieder in eine Position, in der sie ihn gut betrachten konnten, und schwammen dann zum rauen Beckengrund, um ihn von der Kehle oder der Seite wegzukratzen. Die Forscher aber kratzten sich am Kopf. Sie waren verwirrt. Denn das mit dem Farbfleck gilt als Lackmustest dafür, ob ein Tier sich selbst erkennt, so wie wir Menschen. Nur eine Handvoll Arten besteht den Test: Menschenaffen, asiatische Elefanten, Delfine und Elstern (als einzige Vögel). Es sind Tiere mit bekannt hoher Intelligenz. Alle anderen fallen durch, auch viele Affen oder die sonst so schlauen Papageien, die sogar ansatzweise logisch denken können. Rotkehlchen etwa hören nicht auf, mit dem Schnabel wütend auf den Spiegel zu hämmern. Hunde und Katzen sind erst verwirrt über das Spiegelbild, später ignorieren sie es. Und Fische? Sie gelten unter den Wirbeltieren, salopp gesagt, nicht gerade als die Hellsten. Dass nun ein sozial kompetenter, aber sonst unauffälliger kleiner Knochenfisch alle Phasen des Tests besteht und sich funktional genauso verhält wie hoch entwickelte Menschenaffen, wirft die von der Biologie entworfene kognitive Hierarchie über den Haufen. Man merkt den Autoren der Arbeit (Plos Biology, 7. 2.) an, dass sie ihrer eigenen Entdeckung nicht so recht trauen.

Ist der Spiegeltest überholt?

Aber bei der Versuchsanordnung haben sie alles richtig gemacht, auch sauber kontrolliert. So setzten sie den Versuchstieren zum Vergleich fremde Artgenossen hinter normalem Glas vor – und vor ihnen drehten sie sich nicht auf den Bauch. Am heikelsten ist sicher die Injektion der Farbe: Sie könnte nicht nur einen visuellen Reiz auslösen, sondern auch schmerzen oder jucken (Landtieren klebt man einfach einen Fleck auf, aber das geht bei der schleimigen Haut von Fischen nicht). Um Fehldeutungen auszuschließen, haben die Wissenschaftler einigen Fischen einen farblosen Stoff gespritzt. Das Ergebnis: Sie versuchten nicht, etwas abzukratzen.

Also auch hier: Haken drunter. Ist womöglich der Spiegeltest nicht brauchbar, obwohl die ganze Zunft seit einem halben Jahrhundert auf ihn setzt? Schwer verunsichert, zogen die Forscher einen renommierten Primatologen bei. Bei seinen Schimpansen hat Frans de Waal keine Zweifel. Wenn er an schönen Tagen eine Sonnenbrille aufsetzt, nutzen die Affen sie als Spiegel, stochern davor in ihrem Mund rum oder betrachten eine Verletzung am Rücken. Menschen würden es nicht anders machen. Aber für alle anderen Tierarten kritisiert de Waal die übliche Vorstellung, es gehe beim Ich-Bewusstsein um ein „Alles oder nichts“.

Auch wenn unsere Sprachen das nahelegen: Entweder man sieht „sich“ im Spiegel oder eben etwas anderes, mehr Möglichkeiten scheint es nicht zu geben. Eine semantische Falle? Auch menschliche Babys werden wohl nicht von einem Moment zum anderen vom Blitz der Selbsterkenntnis getroffen. Also plädiert de Waal für eine stärkere Abstufung. Die variantenreichen Reaktionen auf das Abbild im Spiegel legen das nahe. Und wie steht es um den Putzerfisch? Ihn solle man vorläufig zwar recht hoch einstufen, aber doch unterhalb der Menschenaffen. Bei ihnen bieten sich übrigens neue Themen an. Machen sie sich für andere schön? Ein Orang-Utan-Weibchen hat man schon dabei beobachtet, wie es vor dem Spiegel seinen Kopf mit Salatblättern verzierte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2019)