Architektinnen: Wie arbeitet es sich heute in der Branche?

„I am a Monument“: Ausstellung zur Architektin, Stadtplanerin und Autorin Denise Scott Brown im Architekturzentrum Wien.
„I am a Monument“: Ausstellung zur Architektin, Stadtplanerin und Autorin Denise Scott Brown im Architekturzentrum Wien.Lisa Rastl

Mehrere Ausstellungen zeigen derzeit Leben und Werk in der Architektur tätiger Frauen. Sehr viele widmen sich nach dem Studium nicht dem Bauen, sondern gehen in die Innenausstattung und Designrichtung. Über Rahmenbedingungen und Möglichkeiten.

Wer ist Denise Scott Brown? Die 87-jährige Architektin, der derzeit eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien gewidmet ist, kennt kaum jemand – bei der in Sambia geborenen und meist in den USA tätigen Ikone wenig verwunderlich. Doch auch die 2000 verstorbene Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ist wenig bekannt – obwohl sie mit der „Frankfurter Küche“ maßgeblich zum modernen Bauen und Wohnen beigetragen hat. Wie sieht es mit Architektinnen in der Branche heute aus? Im Studium stellen sie rund die Hälfte der Studierenden, in höheren Positionen sind sie weit weniger oft zu finden. „Sehr viele Frauen widmen sich nach dem Studium nicht dem Bauen, sondern ziehen Architekturtheorie, Lehrtätigkeiten und Architekturjournalismus vor. Oder sie gehen in die Innenausstattung und Designrichtung“, erklärt die Architektin Christine Diethör diese Diskrepanz. Sie selbst blieb beim Bauen und gründete 2002 das Architekturbüro Raumkunst gemeinsam mit Harald Fux. Eines ihrer Projekte ist der Wohnbau Kollmayergasse, 2017 umgesetzt: Trotz sehr schmalen Baugrunds sollten alle Wohnungen so viel wie möglich Tageslicht erhalten sowie eine Terrasse, die mit einem eigens von Diethör entwickelten Geländer abgeschlossen wurde.

Weniger Geld, mehr Frauen?


„Das Image der Architektur ist in den vergangenen Jahren gesunken, man verdient weniger. Das heißt, es studieren weniger Männer“, meint Sabine Pollak, Architektin und Leiterin der Abteilung Urbanistik an der Kunstuniversität Linz. „Das ist eine Entwicklung, die man bei vielen Studien beobachten kann.“ Sie selbst leitet seit 1995 mit Roland Köb das Architekturbüro Köb&Pollak und war 2009 beim Frauenwohnprojekt [ro*sa] in der Donaustadt mitverantwortlich. Bei diesem Projekt wurde das Modell einer solidarischen Dorfgemeinschaft angestrebt, Frauen unterschiedlicher Generationen und Lebensphasen sollten adäquaten Wohnraum vorfinden. Dass Architektinnen in der Öffentlichkeit wenig sichtbar sind, führt sie auch darauf zurück, dass sie in Büros oft eher im Hintergrund arbeiten und an die „Gläserne Decke“ stoßen. „Man braucht als Frau sehr viel Durchsetzungskraft, gerade in der männlich dominierten Baubranche“, weiß Diethör. „Das betrifft den Umgang auf der Baustelle wie Verhandlungen mit Firmen. Viele Frauen trauen sich das selbst nicht zu – oder es wird ihnen nicht zugetraut.“

Beim Bauträger Glorit indes setzt man durchaus auf weibliches Know-how. „Unser Projektierungsteam besteht aus vier Frauen und zwei Männern, das heißt, unsere Häuser werden überwiegend von Frauen geplant“, sagt Lukas Sattlegger, Glorit-Marketingleiter. Auch in der Bauleitung, in der man Frauen noch seltener antrifft, sind zwei Frauen tätig. Warum das? „Ausschlaggebend für die hohe Frauenquote ist die Qualifikation – wir machen hier in der Beurteilung keine Unterschiede“, sagt Sattlegger. „Und auch nicht bei der Bezahlung“. Diethör hält das „für eine große Ausnahme. Frauen verdienen in dieser Branche oft deutlich weniger als Männer.“

Eigene Projekte, eigenes Büro

„Man muss als Frau doppelt so gut sein, um sich gegen Männer durchzusetzen“, sagt Architektin Irena Zawila, die seit 16 Jahren bei Glorit für die Gebäudeplanungen zuständig ist – und es mittlerweile auf über 1000 verwirklichte Wohneinheiten gebracht hat. „Und unbeirrt an dem festhalten, was man tun will.“ Sie selbst möchte das sogar nach ihrer Pensionierung so halten – und weiterhin in der Planung tätig sein.
Diethör sieht die beste Chance, sich zu profilieren darin, sich als Architektin selbstständig zu machen. „Allerdings ist mir klar, dass das sehr schwierig ist, vor allem finanziell.“ Pollak sieht durchaus Bewegung in der Branche: „Es gibt nationale und internationale Netzwerke für Architektinnen, Frauen werden zunehmend akzeptiert und vor allem im Wohnbau findet man wesentlich mehr als früher.“ Auch Diethör sieht Veränderungen: „Die Akzeptanz von Seiten der Firmen ist Frauen gegenüber größer geworden. Und ich bemerke auch, dass in Architekturpartnerschaften zunehmend Frauen eigene Projekte durchführen – ganz im Gegensatz zu früher.“

Ausstellungen und Veranstaltungen zu Architektinnen

Tipp 1: Im Margarete Schütte-Lihotzky Raum in 1030 Wien (Untere Weißgerberstraße 41) sind bis 28. Juni die Ausstellungen "Pionierinnen - Heldinnen der Architektur" und „Margarete und ihre Schwestern – Heldinnen der Architektur“ zu sehen. Schütte-Lihotzky war 1919 erste Architektur-Absolventin Österreichs und weltweit eine der bekanntesten Architektinnen.
www.schuette-lihotzky.at

Tipp 2: Die Einzelausstellung „Downtown Denise Scott Brown“ im AZW widmet sich bis 18. März Leben und Werk der heute 87-Jährigen Legende, die unter anderem den Zusammenhang von Architektur und Stadtplanung und Fragen von sozialer Verantwortung neu definierte. Zu sehen sind fotografische Projekte, Schriften und Gebäude auf vier Kontinenten. www.azw.at

Tipp 3: Im Haus der Architektur (HdA) in Graz werden von 27. Februar bis 2. März Entwürfe des Anna-Lülja Praun Möbelbaupreis gezeigt. Die österreichische Architektin und Designerin Praun (1906-2004) gilt als eine Pionierin der österreichischen Innenarchitektur und Möbelgestaltung. Am 26. März findet der Vortrag „Stadt der Frauen“ im HdA statt. www.hda-graz.at

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