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Von "Matrjoschka" bis "Pose": So gut sind die neuen Netflix-Serien

Tanzende Transfrauen, eine Weltraummission unter schlechtem Stern, eine Mittdreißigerin, die dauernd stirbt, kaputte Superhelden und ein blutiger Kriegsverbrecherprozess: Die "Presse"-Kulturredaktion bewertet die neuesten Netflix-Serien.

Pose

New Yorker Queer-Culture-Drama

Manchmal bilden Serien auch weiter – oder lehren uns etwas über Subkulturen, von denen wir bisher kaum etwas wussten. „Pose“ bringt uns die prekäre, aber schillernde queere Subkultur im Manhattan der 1980er authentisch näher. Damals taten sich Homosexuelle und Transfrauen in „Houses“ zusammen und traten bei Motto-Wettbewerben gegeneinander an. Transmenschen fühlten sich als schwächste Gruppe der Gesellschaft. „Frauen, Schwarze, Latinos, Schwule, dann kommen wir. Bei uns endet die Kette“, heißt es in der Serie. Erzählt wird die Geschichte von Transfrau Blanca, die dem gefürchteten „House of Abundance“ den Rücken kehrt, um ihr eigenes Haus zu gründen. Sie fördert als „Mutter“ junge schwule Tänzer und Transfrauen. So wie Angel, die sich in den weißen, verheirateten Stan verliebt, der für Donald Trump arbeitet. Es geht um Ausgrenzung, Lebensfreude, Aids und die materialistischen 80er.

In der gelobten FX-Produktion spielen so viele Trans-Menschen wie nie. Genial sind die Tanz- und Voguing-Szenen mit exzellenter Musik aus den späten 80ern (Chaka Khan! Donna Summer! The Weather Girls! Grace Jones!) Macht trotz der teils harten Lebensgeschichten irre gute Laune. (awa)

 

Nightflyers

Düsteres von George R.R. Martin

Es geht brutal los: Schon nach zwei Minuten spritzt Blut aus einer Halsschlagader. Kein Wunder, die Vorlage stammt von George R. R. Martin („Game of Thrones“), bekannt mordlustig in seinen Werken. In „Nightflyers“ wollen Forscher Kontakt mit Außerirdischen aufnehmen, um mit deren Technik-Vorsprung die Menschheit zu retten. Die Mission läuft nicht gut, schon beim Start versagen Triebwerke. Wenig hilfreich ist auch der mächtige und potenziell letale Telepath an Bord, der von der Crew angefeindet wird. Auch „Nightflyers“ steht unter keinem guten Stern: Die erste Verfilmung von 1984 wurde verrissen, auch die aktuelle Adaption findet wenige Fans. Spannend ist die zehnteile Serie aber allemal. (her)

 

Matrjoschka

Tödliche Zeitschleife

An ihrem 36. Geburtstag stirbt Nadia. Dauernd. Und kommt stets wieder im Badezimmer des Lofts, in dem gerade ihre Party steigt, zu sich. Ein schlimmer Drogentrip oder tatsächlich eine mysteriöse Zeitschleife, die sie gefangen hält? Gegen ersteres spricht, dass Nadia bisher jede erdenkliche Droge eigentlich ganz gut vertragen hat. Was an letzterem dran ist, versucht sie herauszufinden in den acht Folgen dieser schrägen Serienvariation des „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Motivs. Natasha Lyonne, bekannt aus „Orange is the New Black“, hat die Serie produziert (gemeinsam mit Comedy-Meisterin Amy Poehler) und spielt die herrlich ungehemmte Protagonistin, die durch ein räudiges Manhattan schlurft und mit jedem Tod dem finsteren Kern ihrer Misere näher kommt. Wild, witzig, durchaus tiefgründig. (kanu)

 

The Umbrella Academy

Zerrüttete Superheldenfamilie - zu sehen ab 15. Februar

Wir kennen Superheldenfamilien wie die „Incredibles“ und Ausbildungsstätten wie bei den „X-Men“. Die Comicadaption „The Umbrella Academy“ ist bei allen Parallelen ganz anders: Ein Milliardär hat sieben Kinder mit übernatürlichen Fähigkeiten adoptiert und ohne nennenswerte väterliche Liebe gedrillt. Schadlos gelassen hat das keinen. Nach seinem Tod treffen die verbliebenen Geschwister (darunter: Ellen Page) wieder zusammen, leiden können sie einander kaum. Die Serie ist durchgeknallt (eine Roboter-Mama! Ein sprechender Schimpanse!) und düster; leider auch ziemlich träge erzählt. (kanu)

 

Black Earth Rising

Ruanda, Schuld und Sühne.

Nicht genug, dass Kate Ashby (eindringlich verkörpert von Michaela Coel) als Kind den Genozid in Ruanda überlebt hat und, traumatisiert, von Depressionen zerfressen wird. Sie verliert auch noch ihre Adoptivmutter, eine Anklägerin am Internationalen Gerichtshof. Nur ein Kollege der Mutter bleibt ihr, ein Anwalt und einsamer Säufer, genial gespielt von John Goodman. Mit ihm versucht sie, Gerechtigkeit zu erzwingen, für sich und Ruanda, sie will die Täter von 1994 vor Gericht bringen. Und verliert sich dabei in einem Knäuel aus Politik, Blut und Schuld.

Hugo Blick, Autor und Regisseur der fiktionalen Serie, ist unbarmherzig: Er verlangt nicht nur höchste Konzentration, sondern lässt den Zuschauer auch mit der Frage allein, wer nun auf welcher Seite steht – und ob es solche in den kalten, glatten Räumen von Den Haag überhaupt gibt: Der achtteilige Thriller „Black Earth Rising“ stellt sich der Frage nach westlicher Hybris beim Export von Gerechtigkeit nach Afrika. Nur manchmal ist die Serie überangestrengt: etwa, wenn Hugo Blick als skrupelloser Rechtsanwalt auftaucht, Unglück verbreitet, sich in einen Mistkübel übergibt und von einem kongolesischen Adeligen ermordet wird. (rovi)

 

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