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Engadin: Das gallische Dorf

In den Orten des Unterengadin wie hier in Scuol ist der romanische Dialekt Vallader verbreitet.
In den Orten des Unterengadin wie hier in Scuol ist der romanische Dialekt Vallader verbreitet.Graubünden Ferien/Andrea Badrutt
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Rätoromanisch ist die vierte Amtssprache der Schweiz, trotzdem hat die Unesco sie auf die Liste der bedrohten Sprachen gesetzt. Nur noch einer von 2000 Schweizern spricht Romanisch. Doch einige setzen sich für den Erhalt ein.

Die Sonne strahlt das zweistöckige Haus der Dorfschule an, am Parkplatz daneben glitzert der Schnee. Auf einem Schneehaufen spielt ein Dutzend Kinder. Zwei Mädchen stapeln Eisblöcke zu einem „chastè“. Aglaia Gallmann, die „magistra da classa“, beobachtet ihre Schützlinge dabei, wie sie die Burg aus Eis und Schnee Stück für Stück in die Höhe bauen. Als die Kirchturmuhr die Viertelstunde läutet, ruft sie die Kinder wieder zurück in die Klasse. Ein Bub schnappt seine Stelzen, mit denen er gerade noch den Schnee durchwühlt hat, und läuft gemeinsam mit den anderen ins Schulgebäude.

Wer ins Unterengadin kommt und es schätzt, gemächlich durch mächtige Berglandschaften zu zuckeln, der nimmt die Rhätische Bahn. Am Zug ziehen Wiesen und Wald vorbei, im Hintergrund die verschneiten Berggipfel. Die Waggons schlängeln sich durch das Talbecken von St. Moritz hinunter nach Scuol. Dort unten, im Unterengadin, leben weit weniger Menschen als im Oberengadin. Die Touristen, die es ins Unterengadin verschlägt, suchen weniger das Champagnerklima von St. Moritz, sondern die familiäre Atmosphäre des kleineren Skigebiets Motta Naluns. Und das, obwohl sie die Sprache der Einheimischen meist gar nicht verstehen können. Wenn sie denn gesprochen wird.

Graubünden Ferien/Andrea Badrutt

Flächengrößter Ort

„Nus eschan in tschinch minuts a Scuol.“ Die Zugbegleiterin erinnert einen Fahrgast im Vorbeigehen an seinen nächsten Halt. Ihre Worte fließen dahin wie der Inn, der sich seit Jahrtausenden in die karge Landschaft gräbt. Der Zug fährt in den Kopfbahnhof Scuol ein. 2200 Menschen leben hier, die Hälfte spricht tagtäglich Rätoromanisch. Die Bewohner nennen sich selbstironisch „porchs“, Schweine. Viele Unterengadiner Dörfer tragen Spottnamen wie diese, meist sind sie durch Legenden entstanden, die heute nicht mehr bekannt sind. Scuol ist nicht nur der bevölkerungsreichste Ort im Unterengadin, sondern auch der flächenmäßig größte der ganzen Schweiz. Wegen der Weitläufigkeit gibt es fünf Grundschulen, manche davon winzig, wie jene im Ortsteil Tarasp.

Aglaia Gallmann ist Leiterin dieser Schule und Lehrerin einer von nur zwei Klassen, in denen alle sechs- bis zwölfjährigen Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Von ihren elf Schülern sprechen zwei daheim Deutsch, eine Romanisch, fünf „mez-mez“, halb Deutsch, halb Romanisch. Drei weitere Kinder stammen aus portugiesischen Familien. Die Portugiesen sind im Engadin die größte Migrantengruppe, viele von ihnen arbeiten am Bau und in Hotels. In den ganztägigen Schulformen, die in der Schweiz schon für die Jüngsten üblich sind, integrieren sich die Kinder rasch – vor allem in der kleinen, 1855 errichteten Dorfschule in Tarasp.

Offizielle Unterrichtssprache

Die Stufen der Holztreppe, die zu den Unterrichtsräumen führen, knirschen. Aus den Fenstern sieht man auf die Berghänge. Das Klassenzimmer ist rundherum mit hellem Zirbenholz vertäfelt, am grünen Linoleumboden liegen Pölster im Kreis. Die Schüler sitzen an einzelnen Tischen, die quer über den Raum verteilt sind. Während sie konzentriert an Übungsblättern arbeiten, geht die Lehrerin von Kind zu Kind, um bei Problemen zu helfen oder neue Aufgaben zu verteilen. Inês, ein Mädchen mit einem am Hinterkopf eingedrehten Zopf, hebt die Hand. „Duonna Aglaia, eu n'ha fini, che possa far?“, fragt sie, sie will wissen, was sie als nächstes machen soll. „Lavura e legia L'Aviöl‘“, antwortet die Pädagogin. Die Lachfalten um ihre Augen sind jetzt gut zu sehen. Das Mädchen soll noch ein wenig Grammatiküben und dann das romanische Schülermagazin L'Aviöl lesen.

Gallmann spricht mit den Kindern Vallader, eines von fünf romanischen Idiomen und jenes, das im Unterengadin verbreitet ist. Es ist die offizielle Unterrichtssprache in den Scuoler Grundschulen, und zwar in allen Fächern bis zur dritten Klasse. Erst dann kommt Deutsch als Fremdsprache dazu. Wie wichtig es ist, an den Schulen Romanisch zu unterrichten, um diese älteste Sprache der Schweiz zu erhalten, zeigt auch Gallmanns eigene Geschichte: Die 47-jährige, die im Unterengadin aufgewachsen ist, hat als Kind mit ihren aus Zürich stammenden Eltern nur Schweizerdeutsch gesprochen, genauer gesagt „Züridütsch“. Erst im Kindergarten und in der Schule lernte sie Romanisch, und die Begeisterung dafür ist geblieben: Die Pädagogin schloss ihr Lehramt-Diplom in Rätoromanisch ab – in einem Fach, das kaum mehr Studenten anzieht. An vielen Schulen fehlen romanischsprachige Lehrer, manche Stellen können gar nicht besetzt werden, andere nur mit Personen, die das Romanische nicht perfekt beherrschen.

Graubünden Ferien/Andrea Badrutt

Von Aglaia Gallmanns Dorfschule führt eine serpentinenreiche Straße hinunter ins Ortszentrum von Scuol. Im ersten Stock eines kleinen Einkaufszentrums surren in einem Büro zwei Computer. Neben der üblichen Bürodekoration – verblühende Orchideen und eine langsam vertrocknende Palme – sitzt ein Stoffpüppchen in einem Schaukelstuhl und liest in aller Seelenruhe die „Engadiner Post“. Auf dem Schreibtisch daneben stapeln sich Papiertürme mit Notizen, Presseaussendungen und Manuskripten, eines trägt den Titel „Babylonia“. Ein kerniger Typ mit grauem Vollbart, Brille und schwarzer Igelfrisur tippt schweigend Texte ins Redaktionssystem.

Nicolo Bass ist „Schefredakter supplemaint“, Chefredakteur-Stellvertreter der „Engadiner Post“ und verantwortlich für den romanischen Teil der Zeitung. Die „Engadiner Post“ oder „Posta Ladina“ ist das führende Lokalmedium im Engadin, 2000 Leute abonnieren sie ausschließlich wegen der romanischen Inhalte. Für die Zeitung kein rentables Geschäft, aber für die Redaktion trotzdem ein Herzensanliegen und ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der regionalen Kultur. Um die Sprache zu retten, muss laut Bass das Romanische vor allem in Schulen, Medien und Alltagskultur präsent sein.

Romanisch Rappen

Die Zeitung berichtet auch immer wieder über Gino Clavuot. Der Rapper, in der Schweiz besser bekannt als „Snook“, erlebte eine unbeschwerte Kindheit in Scuol, besuchte bei Gallmann die Schule in Tarasp und wuchs zweisprachig auf. Der 33-jährige gilt als Pionier des mehrsprachigen Raps in der Schweiz und singt auch in seiner romanischen Muttersprache. Mit dem Böse-Buben-Image anderer Rapper und Hip-Hopper kann er nichts anfangen. Doch obwohl die Medien seine Musik als „Happy Rap“ bezeichnen, geht es in seinen Texten oft um komplexe Themen, um Identität, Muttersprache, Heimat und Migration. Das Lebensgefühl der sogenannten „Secondos“, der zweiten Generation der eingewanderten Portugiesen, kann der Enkel einer Brasilianerin gut verstehen. Und er spielt mit Vorurteilen, denen Migranten ausgesetzt sind, auch in seinen Musikvideos.

Dort sieht man etwa in einem Schweizer Park einen dunkelhäutigen Mann, der sich eine brasilianische Fahne über Nase und Mund bindet. Als er auch noch die Kapuze seines Hoodies dicht über die Baseballkappe zieht, ist der Gangster-Topos perfekt. Später taucht derselbe Mann vor einer Holzhütte wieder auf. Die Maskierung hat er abgelegt, er trägt jetzt eine schwarze Lederjacke. In einer kurzen Einstellung nimmt der Mann eine Pose ein, die an Auguste Rodins „Denker“ erinnert. Sieht man genauer hin, so erkennt man auf seinem weißen T-Shirt das Logo der Universität Zürich. Im Hintergrund sind schnelle Hip Hop-Beats zu hören. „Des isch ma lingua materna“, singt Snook mit seiner tiefen Stimme: „Eu sun giuven, motivà e n‘ha üna vita eterna.“ Dieser Satz, den der Rapper im Musikvideo der Kamera entgegenschmettert, ist optimistisch. Und doch drückt er aus, was sich Snook, seine ehemalige Lehrerin Aglaia Gallmann und Lokalredakteur Nicolo Bass sehnlich für ihre Muttersprache wünschen: „Ich bin jung, motiviert und lebe ewig.“

Rätoromanisch

Sprachlandschaft: Das neolateinische Rätoromanisch ist eine der ältesten noch gesprochenen Sprachen, an die 35.000 Menschen in Graubünden sprechen es. Die fünf Dialekte sind sehr unterschiedlich: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Putér und Vallader. Radio Rumantsch überträgt Sendungen weltweit. 21. 2. ist „Welttag der Muttersprache“.

Urlaub in Graubünden/Engadin: www.graubuenden.ch, www.engadin.com, www.myswitzerland.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 9.2.2019)