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Blick in die Burg-Maschinerie

Hans Guttner im Filmcasino, wo am Montag seine Kinodokumentation übers Burgtheater Premiere hat.
Hans Guttner im Filmcasino, wo am Montag seine Kinodokumentation übers Burgtheater Premiere hat.(c) Akos Burg

Hans Guttner erforschte mit der Kamera das Burgtheater. Dabei erzählt er weniger publizistisch als künstlerisch, um so näher an die Realität zu kommen.

Eine Stimmbildnerin, die mit ihrem Schäferhund zur Arbeit kommt. Karin Bergmann, die einem zufälligen Besucher im Stiegenhaus den Weg weist. Eine Runde Schauspieler, die sich bei einer frühen Leseprobe über ein Stück unterhält.

So etwas kann man nicht filmen, wenn man eine übliche Doku im Sinn hat und „Talking Heads“ zum Interview einbestellt. Genau das macht „Die Burg“, die nächste Woche ins Kino kommt, aber auch zu einem schwierigen Film, ist sich Regisseur Hans Guttner bewusst. „Schwierig insoweit, als er offen ist, er bietet keinen auktorialen Kommentar an, der nur eine Sichtweise zulässt, sondern man sieht das Unvorhergesehene, das Unperfekte. Das ist ungewohnt.“

Eine der Wurzeln für Guttners Filmporträt des großen Theaters liegt in seiner eigenen Biografie. Aufgewachsen ist der Kärntner, der in Wien und München lebt, in einem Bergbauerndorf, in Feld am See im Gegendtal. Letzteres ist so schmal, dass keine Eisenbahntrasse durchführen kann, „und die Berge sind so nah wie Bretter vorm Kopf, sodass es im Winter schon ab halb zwei dunkel wird, weil die Sonne weg ist“. Aus dieser Einöde durfte er zweimal im Jahr nach Wien zu seiner Großmutter fahren.

Die stammte aus im Krieg verarmtem Großbürgertum, wohnte in einer Altbauwohnung in der Josefstadt und war gewohnt, jeden zweiten Tag ins Theater zu gehen. „Ich war also jeden zweiten Tag mit ihr entweder in der Josefstadt oder im Burgtheater.“ Danach traf sich die Dame mit ihren Freundinnen im Café, man schwärmte übers Theater, „aber nur über die Schauspieler. Man lernte alles über Oscar Werner, nie sprachen sie über das Stück oder die Konzeption des Regisseurs.“

Auch Guttner folgt nun den Schauspielern, Katharina Lorenz, Fabian Krüger oder Nicholas Ofczarek; narrativer Faden ist Ayad Akhtars Stück „Geächtet“, das der Film von Kostümterminen bis zur Aufführung begleitet. Nicht das Erhabene habe Guttner interessiert, sondern das Alltägliche: Die Reinigungsfrau neben die Direktorin zu stellen, den Garderobier zu zeigen. Am Ende ergebe das ein auf 95 Minuten komprimiertes „Gemälde“.

Gehilfe des Filmvorführers

Diese künstlerische Erzählweise ist auch die zweite Wurzel seines Anliegens. Entdeckt hatte Guttner das Kino in seinem Heimatdorf, wo im Sommer alle paar Wochen für die Touristen ein Filmvorführer kam. Wenn er früh genug da war, durfte er die Stühle aufstellen und dafür den Film sehen. „Wenn ich zu spät kam, habe ich durchs Fenster geschaut.“ Bekannt geworden ist der spätere Initiator des Internationalen Dokumentarfilmfestivals München mit der fünfteiligen Reihe „Europa – ein transnationaler Traum“ über Arbeitsmigration. „Politische Filme, die sehr polarisiert haben“, aber nach den üblichen dramaturgischen Konzepten auf einen Konflikt hin konstruiert. Was ihm dabei stets gefehlt habe, war das „nicht so Genaue, Zufällige“.

Nicht umsonst ist er Anhänger von Frederick Wiseman. Dessen Filme über Institutionen vom Gefängnis bis zur New York Public Library „kommen für mich am nächsten an die Realität heran“, sagt Guttner. „Mein Anspruch ist, so nah und so genau wie möglich zu erzählen.“ Mehrere Filme hat er in dieser Art schon umgesetzt, zuletzt „Bei Tag und bei Nacht“ über das Verschwinden der Bergbauern und damit eines Teils der österreichischen Identität.

Nicht zuletzt hat seine Hommage an die Burg aber auch politische Gründe. „Je mehr die Filterblasen zunehmen, desto schwieriger wird es, genaue Informationen über die Wirklichkeit zu bekommen“, sagt Guttner. „Deshalb glaube ich, dass das Theater in seiner Bedeutung zunehmen wird.“ Als eines der führenden Häuser in Europa sei das Burgtheater wichtig, „weil es sich noch auf die Wirklichkeit einlässt und wagt, Fragen an die Gesellschaft zu stellen, und nicht nur die Conditio humana zu definieren.“

Überrascht habe ihn übrigens vor allem die Pünktlichkeit des Hauses. „Das Burgtheater ist eine Maschinerie mit 530 Mitarbeitern, die auf die Minute genau funktioniert. Ich glaube, wenn wir einmal zu spät gekommen wären, hätten sie die Dreharbeiten abgebrochen.“

Zur Person

Hans Andreas Guttner (geboren 1945) wuchs im Kärntner Gegendtal auf. Er studierte Jus und Psychologie in Wien und Kommunikations- und Theaterwissenschaften in München. Seinen ersten großen Erfolg hatte er mit „Alamanya Alamanya – Germania Germania“. Er war einer der Ersten, die lange Dokumentarfilme fürs Kino drehten, zuletzt etwa über Bergbauern oder den Maler Sean Scully. „Die Burg“ hat am Montag im Filmcasino Premiere und läuft ab 15. Februar im Kino.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2019)