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Musical "Ragtime" in Linz: In den leisen Momenten am Intensivsten

Gino Emnes als Coalhouse Walker, dessen positive Energie sich später in Frust und Gewalt umwandelt.
Gino Emnes als Coalhouse Walker, dessen positive Energie sich später in Frust und Gewalt umwandelt.© Reinhard Winkler

Kritik Das Stück über Rassismus und den amerikanischen Traum ist erstaunlich aktuell, ohne das erzwingen zu müssen. Das Linzer Musiktheater erzählt und singt in Bestform.

Migranten, die sich in Amerika den großen Traum von Freiheit und Reichtum erhoffen, Afroamerikaner, die nach gesellschaftlicher Akzeptanz streben. In "Ragtime" geht es um das große Ganze, erzählt im Kleinen. Und auch wenn die Situation Anfang des 20. Jahrhunderts mit der heutigen politischen Lage nicht ganz vergleichbar ist, so schwebt über so manchem Satz eine erstaunliche Aktualität. Die Skepsis vor Zuwanderern oder Polizeigewalt gegen Afroamerikaner, wenn eine unbewaffnete Frau getötet wird und jemand sagt: "Ich habe eine Waffe gesehen". Da muss man gar nicht erst verkrampft versuchen, Aktualität herzustellen. Am Musiktheater in Linz feierte das dramatische Musical am Freitagabend Premiere. 

Das Musical basiert auf dem Roman von E. L. Doctorow und wurde von Terrence McNally für die Bühne adaptiert. "Ragtime", das 1997 in den USA uraufgeführt wurde und mehrere Spielzeiten an Broadway und Westend mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg hinter sich hat, erzählt von den Anfängen des 20. Jahrhunderts und verwebt drei Handlungsstränge. Im Zentrum: Coalhouse Walker (in Anspielung an "Michael Kohlhaas", eine Novelle von Heinrich von Kleist) ist ein schwarzer Pianist, der sich nach gesellschaftlicher Akzeptanz sehnt und Opfer einer rassistischen Gewalttat wird. Er hat einen Sohn mit Sarah, die das gemeinsame Kind, von dem Coalhouse nichts wusste, nach der Geburt im Garten einer wohlhabenden weißen Familie ausgesetzt hat. Der zweite Fokus liegt auf der Mutter jener Familie, die Baby und auch Sarah aufnimmt. Es ist die Wandlung der nur "Mutter" genannten Figur von der biederen, gehorsamen Ehefrau zur selbstbewussten Kämpferin für Gerechtigkeit, die diesen Erzählstrang trägt. Und dann gibt es noch Tate, den jüdischen Immigranten aus Lettland, der mit seiner Tochter in die USA kommt. Er erzählt vom Leiden für den amerikanischen Traum - ein wenig abseits der beiden anderen Handlungsstränge.

Top Ensemble, langer erster Akt

Um die drei Geschichten miteinander zu verweben, die Charaktere bekannt und sympathisch zu machen, braucht es eine Weile. Man erahnt, wohin es gehen könnte, doch es dauert bis kurz vor Ende des etwas zu langen ersten Aktes, bis die Handlung per dramatischer Wende so richtig ins Rollen kommt. Dann folgt man gebannt dem Geschehen: Wie Coalhouse zum Mörder wird, wie Tate Erfolg hat, wie die Mutter sich von ihrem Ehemann langsam löst und wie das alles irgendwie miteinander zu tun hat.

Von Anfang an glänzen aber die Darsteller. Gino Emnes zeigt als Coalhouse Water eine beeindruckende Wandlung vom hoffnungsvollen Musiker zum rachebesessenen Attentäter. Daniela Dett braucht als Mutter keine große Gestik, auch keine angeberischen Töne, um das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Generell gelingt es allen drei Hauptfiguren, inklusive dem wunderbar liebenswerten Riccardo Greco als Tate, aus ihren nachdenklichen Momenten die intensivsten zu gestalten. Myrthes Monteiro als Coalhouse' Freundin Sarah sorgt in einer der prägenden Arien des Stücks, "Daddys Sohn", für den gesanglichen Höhepunkt. Gernot Romic als mit den Extremisten sympathisierender Bruder der Mutter und Carsten Lepper als Vater, der mit den Veränderungen in seiner Familie und der Welt nur schwer zurecht kommt, runden die großartige Ensemble-Leistung ab.

Riccardo Greco als Tate und Daniela Dett als Mutter kommen sich näher.
Riccardo Greco als Tate und Daniela Dett als Mutter kommen sich näher.(c) Reinhard Winkler

Dass Doctorow Spaß daran hatte, historische Figuren in seinen Roman einzubauen, ist im Musical eine zweischneidige Sache. Einerseits macht es die historische Perspektive sichtbar, andererseits ist es zu Beginn etwas verwirrend für die Zuseher, wenn etwa Vaudeville-Darstellerin Evelyn Nesbit (Hanna Kastner) und der Entfesselungskünstler Harry Houdini (Christof Messner) immer wieder auftauchen. Aktivistin und Anarchistin Emma Goldman (Ariana Schirasi-Fard) und der Bürgerrechtler Booker T. Washington (O.J. Lynch ) bekommen einen wesentlicheren Part in der Handlung.

Die Lieder von den Broadway-Größen Stephen Flaherty (Musik) und Lynn Ahrens (Text) sind natürlich vom Ragtime geprägt, jenem Musikstil, der erst später vom Klavier gekapert wurde und hierzulande wohl am ehesten mit dem Stück "Entertainer" von Scott Joplin verbunden wird. Um-ta, um-ta im springenden Bass, dazu eine Melodie mit vielen Synkopen. Doch die Schöpfer von Musicals wie "Once On This Islands" oder den Filmsongs aus dem Animationsfilm "Anastasia" reichern den Sound für großes Orchester an, changieren geschickt mit anderen Genres, stets großes musikalisches Kino, nie Klischee und mit vielen fließenden Übergängen - ohne den Ragtime überzustrapazieren. Und nicht immer einfach zu singen, manchmal rhythmisch fordernd.

Die Inszenierung von Matthias Davids ist unaufgeregt, die Dramaturgie, das Timing der Dialoge stimmen. Auf der Bühne von Hans Kudlich dominiert dunkles Holz, das durch gerüstartige Aufbauten und Einschübe wandelbare Perspektiven bietet. Während das Bruckner Orchester unter Tom Bitterlich wunderbar sensibel und kraftvoll agiert, wirkt der Chor ab und zu etwas statisch, was dem Faktor geschuldet ist, dass ein Opernchor nicht immer ein geeigneter Musicalchor ist. Choreografin Melissa King konnte nur in wenigen Lieder Akzente setzen. Insgesamt: eine schöne und berührende Produktion mit großartigem Orchester und Ensemble, die noch bis Ende Juni in Linz zu sehen ist.