Wenn man sich in der Ramsau „verloipt“

Blick auf die Sonnenloipe, die am Fuß des Dachsteins entlangführt – eine der Routen in der Ramsau, die ein bisschen ruhiger ist und auf der man sich nicht so rasch verirrt.
Blick auf die Sonnenloipe, die am Fuß des Dachsteins entlangführt – eine der Routen in der Ramsau, die ein bisschen ruhiger ist und auf der man sich nicht so rasch verirrt.(C) Daniel Jézéquel

Die Gemeinde am Fuß des Dachsteins ist ein Paradies für all jene, die Gefallen am Langlaufen gefunden haben. Und hat so viele Loipenkilometer, dass man es irgendwann aufgibt, einer Route zu folgen. Und nur noch durchs Weiß gleitet.

Wenn man nach einem kleinen Abstecher durch den tiefverschneiten Wald mit den Langlaufskiern plötzlich an einer Skipiste landet, dann hat man sich wohl verloipt. Nicht wirklich schwierig in der Ramsau: Tatsächlich gibt es hier so viele Langlaufloipen, dass man mitunter den Überblick verlieren kann. Mit bis zu 220 Kilometern gespurten Routen im Schnee zählt der kleine Ort am Fuß des Dachsteins zu den Langlaufhotspots des Landes.

Und obwohl die Loipen gut beschildert sind, gibt man es als Ramsauneuling irgendwann auf, einer präzisen Runde zu folgen – und lässt sich einfach durchs Weiß gleiten. Mal links abbiegen, mal rechts, mal etwas hinauf und dann wieder bergab, in den Wald hinein und den Spuren anderer Langläufer nach. Bis man dort ankommt, wo der Drachenlift ein Kind nach dem anderen ausspuckt, das den Hang hinunterrutscht. Was man als unerfahrener Langläufer dann doch nicht riskieren will. Denn ein Sturz nach wenigen Minuten hat schon bewiesen, was an und für sich ja erwünscht ist: Die Langlaufski sind verdammt rutschig.

Als Trendsportart kann man das Langlaufen ja nicht gerade bezeichnen. Zu gut erinnert man sich noch an die schmalen Skier, die die Eltern in den 1980er-Jahren im Keller hatten. Trotzdem scheinen in jüngster Zeit immer mehr Menschen Gefallen am Langlaufen zu finden: Es ist günstiger als Skifahren, die Verletzungsgefahr ist trotz des einen oder anderen Sturzes geringer, man kommt ordentlich ins Schwitzen. Und beim Dahingleiten auf der Langlaufloipe fühlt man sich der Natur deutlich näher als im Skizirkus.

Wobei man sich nicht der Illusion hingeben darf, dass für die Loipen kein schweres Gerät aufgefahren wird. Und für ein wahres Naturerlebnis im gleißenden Weiß – dessen Menge der Gemeinde vor wenigen Wochen Negativschlagzeilen bescherte, als eine Lawine mitten im Speisesaal eines Hotels landete – muss man in der Ramsau jedenfalls raus aus dem Ortskern (von daher der Ausflug in den Wald). Denn im Ort verlaufen gleich mehrere Loipen parallel, entsprechend viel ist dort los.

Geschichtsträchtiger Boden. Dass die Langlaufloipen mitten im Zentrum beginnen, hat jedenfalls den Vorteil, dass es an Einkehrmöglichkeiten direkt an der Route nicht mangelt – im Gegenteil. Empfehlenswert sind für eine kleine Pause am Nachmittag zum Beispiel die scheinbar unzähligen Mehlspeisen in der Waldschenke, einem 300 Jahre alten renovierten Bauernhaus neben der WM-Sprungschanze, von der Springer und nordische Kombinierer mit Blick aufs Dachsteinmassiv loshüpfen.

Apropos WM: Wer in der Ramsau langläuft, der tut das quasi auf geschichtsträchtigem Boden. Die Herrenstaffel bestehend aus Markus Gandler, Christian Hoffmann, Michail Botwinow und Alois Stadlober holte dort vor inzwischen 20 Jahren mit wenigen Metern Vorsprung die Goldmedaille. Und im WM-Stadion – nicht zu viel erwarten: mit einem herkömmlichen Stadion à la Fußball hat das wenig zu tun – ist auch an diesem Tag Hochbetrieb.

Während per Lautsprecher gerade ein internationaler Wettbewerb kommentiert wird, dessen Teilnehmerinnen sich zwischen den Amateuren durchschlängeln, die in ihre Langlaufski steigen, versuchen sich zahlreiche andere Touristen bei den vormittäglichen Schnupperkursen der Langlaufschulen darin, möglichst elegant übers glatte Weiß zu gleiten. Was nicht ganz simpel ist.

Angeblich kann zwar jeder langlaufen, der gehen kann – mit diesem Slogan warb man einst in den 70er-Jahren für den Langlaufsport. Man muss aber trotzdem ein bisschen üben, bis man in der klassischen Langlauftechnik tatsächlich gleitet statt dahinzuholpern. Der Einstieg ins Skaten geht schneller, wenn man Eislaufen oder Inlineskaten beherrscht – dafür kommt man ziemlich ins Schwitzen. Wer will, kann noch versuchen, wie die Biathleten ein Ziel zu treffen (in Ramsau per Laser möglich). Etwas atemlos nach einer langen Runde ist das aber eher hoffnungslos.

Die sonnige Sonnenloipe. Zum Glück gibt es in Ramsau Loipen aller Schwierigkeitsstufen – wie beim Skifahren mit blau, rot und schwarz markiert und wie beim Skifahren übrigens nicht gratis: Es braucht ein Loipenticket – was auch kontrolliert wird. Wer sich nicht einfach von Loipe zu Loipe treiben lassen will, der kann etwa auf der Rittisloipe 17 Kilometer um den Rittisberg drehen oder auf 2700 Metern Höhe eine der Gletscherloipen probieren.

Für eine vergleichsweise ruhige und – nomen est omen – sonnige Runde bietet sich sonst etwa die Sonnenloipe an, die sanft-hügelig am Fuß des Dachsteinmassivs entlangführt. Wenn man sich von der Winterlandschaft ablenken lässt, kann man sich übrigens auch dort ein bisschen verloipen. 

Ramsau Langlaufen

In Ramsau am Dachstein gibt es bis zu 220 Loipenkilometer (klassisch und Skating), für die man ein Loipenticket braucht (Tageskarte 15 Euro, ermäßigt 10 Euro). Auch an Verleihmöglichkeiten mangelt es nicht: Ausleihen kann man Langlaufausrüstung etwa bei Intersport Bachler oder bei Ski Willy. Mehrere Schulen (u. a. fit & fun) bieten (Schnupper-)Kurse an.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2019)