Ein Renault Captur zum Schnäppchenpreis macht Autobauern das Leben schwer

Yandex.Drive carsharing cars are seen at a parking lot in Moscow
Yandex.Drive carsharing cars are seen at a parking lot in Moscow(c) REUTERS (Maxim Shemetov)

Wir nähern uns einem Punkt, an dem der gesamte Automarkt auf den Kopf gestellt werden könnte, sagt die Analystin Shwetha Surender.

Als Ewgeni Barkow noch ein eigenes Auto besaß, blickte der 31-jährige Software-Verkäufer oft mit Abscheu aus seinem Moskauer Fenster darauf. Der Wagen stand meistens ungenutzt am Straßenrand rum, zog ihm das Geld aus der Tasche, und die nächste kostspielige Panne kam bestimmt. Irgendwann zückte Barkow den Taschenrechner, summierte alle Kosten und kam zu der Erkenntnis, dass es wohl besser sei, den grauen Peugeot zu verkaufen und vollständig zu Carsharing-Diensten wie Yandex.Drive zu wechseln. Hier werden Autos vom einfachen Kia bis hin zum muskulösen Porsche angeboten.

"Der Autokauf hat mir nichts als Ärger eingehandelt", sagt Barkow, während er sich in einer weißen Skoda-Limousine mit leuchtend gelbem Streifen an der Seite und Yandex-Software am Armaturenbrett durch Moskaus schneebedeckte Straßen schlängelt. "Jetzt bezahle ich nur für den Gebrauch."

Boom fast aus dem Nichts

Die im letzten Jahr von einem lokalen Internetunternehmen ins Leben gerufene Firma überschwemmte die russische Hauptstadt mit mehr als 7.000 Mietautos, die so wenig wie 5 Rubel (7 Euro-Cent) pro Minute kosten - einschließlich Kraftstoff, Wartung und Parkgebühren. Das ist deutlich geringer als die 41 Cent (36 Euro-Cent) pro Minute bei Car2Go von Daimler AG in New York, und stellt damit für immer mehr Moskowiten eine verlockende Alternative dar.

Fast wie aus dem Nichts ist der Carsharing-Boom über Moskau hereingebrochen: Die Anzahl der Fahrzeuge hat sich hier im letzten Jahr mehr als verdreifacht. Die Stadt hat jetzt die größte "geteilte" Autoflotte in Europa und die zweitgrößte weltweit. Der schnelle Wandel verheißt nichts Gutes für Autohersteller, zeigt er doch, wie flink Technologie-Player mit tiefen Taschen eine Alternative zum traditionellen Autobesitz aufbauen können.

"Wir nähern uns einem Punkt, an dem der gesamte Automarkt auf den Kopf gestellt werden könnte", sagt Shwetha Surender, eine in London ansässige Analystin der Beratungsfirma Frost & Sullivan. "Autohersteller drohen, zu reinen Zulieferern für Mobilitätsdienste degradiert zu werden und den direkten Kontakt zum Kunden zu verlieren. Das sind keine rosigen Aussichten."

Russischen Markt vernachlässigt

Die Autohersteller versuchen zwar, die Gefahr abzuwenden. Daimler und BMW AG fusionierten ihre Carsharing-Unternehmen, um eine größere Reichweite zu erzielen. Volkswagen AG testet in Hamburg den MOIA-Mitfahrservice, während General Motors Co. in Lyft Inc. investiert hat.

Dabei haben sie allerdings Russlands größte Stadt mit ihren mehr als 12 Millionen Einwohnern vernachlässigt. Daimlers Car2Go, BMWs DriveNow und Zipcar von Avis Budget Group Inc. glänzen hier allesamt durch Abwesenheit, auch wenn die notorisch verstopfen Straßen - Moskau liegt im globalen Ranking der Städte mit dem größten Verkehrschaos auf Platz zwei - reif für ein Umdenken waren, und die Behörden Carsharing-Unternehmen praktisch um Investitionen anflehten.

Gebührenpflichtiges Parken wurde bereits 2013 in der Innenstadt eingeführt und wird in der Regel über eine App abgebucht. So wurden Anwohner darin konditioniert, Smartphones in ihr Transportverhalten einzubinden. Ein Parkplatz am Straßenrand schlägt mit etwa 30 US-Dollar zu Buche und ist damit für viele russische Fahrer der größte Kostenpunkt des Tages. Car-Sharing-Anbieter erhalten dagegen ermäßigte Preise von rund 400 US-Dollar pro Jahr.

Neueste Technologien eingesetzt

Yandex nutzte die Gunst der Stunde und flutete im vergangenen Jahr die Straßen Moskaus mit Fahrzeugen wie etwa dem Renault Captur Crossover, BMW 5er-Limousinen und sogar Porsche 911ern. Die aggressive Investition machte das in Moskau ansässige Unternehmen zum Marktführer, noch vor lokalen Konkurrenten Delimobil und BelkaCar.

Ende 2018 gab es in der Stadt 16.500 Carsharing-Fahrzeuge. Die Moskauer Verkehrsbetriebe erwarten, dass die Anzahl in den kommenden Jahren um 5.000 Fahrzeuge pro Jahr steigen wird. Die Flottenerweiterung kann kaum mit dem Boom der Nutzer mithalten, während sich die Fahrten auf 23 Millionen mehr als vervierfachten.

"Russland hat mit dem Carsharing später begonnen als andere Länder, daher konnten wir die neuesten Technologien einsetzen", sagt Anton Rjasanow, Chef von Yandex.Drive, der im Dezember nach St. Petersburg expandierte. "Jetzt ist der russische Markt von lokalen Carsharing-Firmen besetzt, der Eintritt großer internationaler Akteure ist damit unwahrscheinlich."

Yandex NV ist Russlands Pendant zu Google und hat seine strategische Position im Herzen der digitalen Wirtschaft genutzt, um die Beziehungen zu den Verbrauchern durch Dienstleistungen zu festigen, von Einkaufsseiten bis hin zu Musik-Streaming. Das Unternehmen begann seinen Vorstoß in die Transportdienstleistung im Jahr 2011 mit der Taxi-App Yandex.Taxi, die heute die größte in Russland ist. Yandex kontrolliert auch das Geschäft von Uber Technologies Inc. in der Region.

Robo-Taxi-Service als nächster Schritt

Vom Carsharing ist der nächste logische Schritt, einen Robo-Taxi-Service anzubieten - das Ziel von Waymo von Google-Mutter Alphabet Inc. Schließlich erhält Yandex durch das Carsharing-Angebot einen Pool von Kunden, der leicht vom Fahren der Firmenfahrzeuge dazu übergehen könnte, sich in ihnen autonom fahren zu lassen. Das Unternehmen entwickelt auch das Know-how für die Verwaltung und Instandhaltung eines großen Fuhrparks.

"Im Moment noch unterscheiden sich unserer Meinung nach die Anwendungsfälle von Taxis und Carsharing", sagt Rjasanow. "Es ist jedoch klar, dass diese beiden Dienste in einigen Jahren, in denen sich selbstfahrende Technologien immer mehr verbreiten, vereinen werden. Dann haben Sie die Wahl - entweder auf dem Rücksitz Platz nehmen und der Roboter fährt, oder Sie sitzen selbst hinter dem Lenkrad."

Wie bei den meisten anderen Carsharing-Diensten auch werden die Fahrzeuge über die App gebucht. Yandex hat eine "Radar"-Funktion, die Benutzer anpingt, wenn ein Auto in der Nähe verfügbar ist. Nach der Einführung einer dynamischen Preisgestaltung durch Yandex können die Preise bei allen Moskauer Diensten steigen, wenn die Nachfrage hoch und Fahrzeuge knapp werden. In der Regel kommt ein einfaches Fahrzeug jedoch auf rund 8 Rubel pro Minute und ein hochwertiges Modell auf 16 Rubel. Die Kosten sind damit spürbar niedriger als in den USA und Europa. Das liegt vor allem daran, dass Arbeitskräfte, Wartung und Kraftstoff günstiger sind.

Für Carsharing-Nutzer wie Barkow gibt es auch entscheidende Vorteile. Sobald ein Fahrzeug gebucht ist, kann es vorgewärmt werden - eine willkommene Annehmlichkeit in den eisigen Wintern Russlands. Als er noch sein eigenes Auto hatte, verspürte Barkow nicht selten den Drang, zu einem schöneren, teureren Modell wechseln zu wollen. Jetzt aber genießt er die Abwechslung, an einem Tag einen russischen Lada und am nächsten Tag einen Mercedes-Benz zu fahren.

"Ich benutze Autos aus rein praktischen Gründen", sagt Barkow. "Mir ist es egal, ob ich ein Auto mit billiger Innenausstattung fahre oder eines mit Lederbezügen."