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Zwang zum Fliegen: Die Frauen der Art Brut

Julia Krause-Harder arbeitet im Atelier Goldstein bei Frankfurt am Nachbau der Skelette aller bekannten (rund 800) Dino-Arten, hier der „Nanotyrannus“, 2013.
Julia Krause-Harder arbeitet im Atelier Goldstein bei Frankfurt am Nachbau der Skelette aller bekannten (rund 800) Dino-Arten, hier der „Nanotyrannus“, 2013.(c) Uwe Dettmar

Eine Ausstellung wie eine Explosion aus Farben und Fantasie: Erstmals überhaupt werden in dieser Dichte und Qualität Künstlerinnen der Art Brut vom 19. Jahrhundert bis ins Heute vorgestellt. Eine Reise, die staunen macht.

Es ist interessant: Neben der ersten umfassenden Ausstellung über Künstlerinnen in Wien um 1900 wird jetzt im Kunstforum erstmals auch die Geschichte der Künstlerinnen der Art Brut aufgearbeitet, sehr viel früher sagte man „Kunst der Geisteskranken“ dazu. Ein Zufall, der sich als Glück herausstellt: Dass diese beiden Pionier-Ausstellungen gleichzeitig in einer Stadt laufen, dass hier Lücken geschlossen werden, die seit Jahrzehnten zwar thematisiert, aber nicht berührt wurden.

Denn das Forschen nach den lange marginalisierten Künstlerinnen, bedeutet immense Recherche – die, da wie dort, von Kuratorinnen erledigt wurde. Im BA Kunstforum haben sich Direktorin Ingried Brugger und die Wiener Art-Brut-Sammlerin Hannah Rieger dieses Thema zur „Herzensangelegenheit“ gemacht, wie sie betonen. Brugger allein schon, um einen blinden Fleck auszugleichen, der (nicht nur) ihr bei der legendären Ausstellung „Kunst und Wahn“ 1997, die sie mit dem verstorbenen Peter Gorsen kuratierte, nicht einmal aufgefallen war: Es war keine einzige Frau vertreten.

Gab es keine Frauen, die sich in der historischen Psychiatrie künstlerisch ausdrücken konnten? Waren es ausschließlich Männerabteilungen, wie in Gugging, die von Psychiatern mit entsprechendem Interesse geleitet wurden? Daran könnte man denken, wenn man Standardwerke wie Hans Prinzhorns „Bildnerei der Geisteskranken“ (1929) durchblättert. Aber es war bei Weitem nicht so, wie diese fantastische Ausstellung zeigt, die auch in dieser rein weiblichen Zusammenstellung so frappierend beweist, welch immensen Einfluss gerade die Beispiele um 1900 in ihrem „rohen, unverfälschten“ Ausdruck (eben der „Art Brut“, wie Jean Dubuffet sie 1945 benannte) auf die moderne Kunst hatte: man denke nur an Schriftbilder, automatisiertes Arbeiten, Textilkunst, Street Art.

 

Basquiat wurde von Künstlerin geprägt

Surrealismus ist ohne Art Brut nicht denkbar. Auch die Street Art nicht. So wurde Basquiat etwa wesentlich von einer Ausstellung der afroamerikanischen Art-Brut-Künstlerin Mary T. Smith beeinflusst. Es ist ein großes Plus dieser Ausstellung, dass sie nicht auf Europa konzentriert ist, sondern auch in die USA, nach Südamerika oder Asien blickt – und zwar bis ins Heute. Seit der bahnbrechenden Biennale Venedig 2013, die Art Brut gleichberechtigt ausstellte, gibt es einige Stars auf diesem Gebiet, wie die Chinesin Guo Fengyi, hier mit großen Arbeiten vertreten. Oder US-Künstlerin Judith Scott, die gleich im ersten Saal mit farbprächtigen, von der Decke hängenden Woll-Objekten auffällt. Auffällig an sich ist dieses Motiv des Fliegens. Es zieht sich durch, was man vielleicht ganz direkt als Wunsch nach Freiheit interpretieren könnte, Freud hätte es wohl als sublimierten Sexualtrieb gedeutet.

Jedenfalls animierte dieser Hang zum Abheben die Kuratorinnen zum Ausstellungstitel „Flying High“. Das Konzept der Schau ist nicht unterkomplex. Erstens braucht man ein Begleitheft, das einem die Biografien der 93 Künstlerinnen näher bringt, die man absichtlich nicht neben die Werke hängen wollte, um den Blick nicht durch Krankheitsgeschichten ablenken zu lassen. Zweitens muss man sich auch mit der historischen Entwicklung der Art Brut auseinandersetzen: Die erste Hälfte der Räume sind nach den berühmten Anstalten gegliedert, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem bewussten Sammeln von Patienten-Kunst Geschichte geschrieben haben – von Walter Morgenthaler in Waldau (Bern) bis zu besagtem Prinzhorn in Heidelberg. Der wollte übrigens in sein Buch eine Frau aufnehmen, die Malerin Else Blankenhorn. Das Kapitel entfiel dann aber aus Budgetgründen. Man müsse bedenken, sagt Brugger: Frauen waren damals das Letzte unter den Letzten in den „Irrenanstalten“. Diese Ausstellung ist auch emotional ein harter Brocken, manche Arbeiten erzählen von den Zuständen, etwa das unsäglich bedrückende gehäkelte Kaffeeservice mit Zwangsernährungskanne von Hedwig Wilms von 1913/15. Oder die Fotos der Muster, die Marie Lieb 1894 aus zerrissenen Leintüchern auf den Boden ihres Krankenzimmers legte, die erste textile Rauminstallation überhaupt vielleicht. In der konzentrierten Qualität dieser Ausstellung bekommen diese vereinzelt bekannten Arbeiten neue Dringlichkeit.

Denn es gab in all diesen bedeutenden Sammlungen sehr wohl immer auch Kunst von Frauen. Sogar, wenn auch in nur sehr geringem Ausmaß, in Gugging. Im dortigen Atelier arbeitet auch heute noch nur eine einzige Künstlerin, Laila Bachtiar. Auch die therapeutische Praxis und Angebote haben sich geändert, die Medikation unterbindet etwa einige früher üblichen Ausdrucksweisen, erklärt Brugger, es gibt auch viel mehr offene Institutionen, etwa das Atelier Goldstein bei Frankfurt, wo Julia Krause-Harder daran arbeitet, die Skelette aller bekannten Dinosaurierarten aus Plastik nachzubauen (siehe Abbildung).

Diese Dinos ziehen sich durch die Ausstellung, folgt man ihnen, steht man am Ende wieder am Anfang: staunend vor dem 14 Meter langen Hauptwerk der Malerin Aloïse Corbaz (1886–1964), dem bisher einzigen und auch ersten weiblichen Star der Art-Brut-Szene, die von Dubuffet schon gefördert wurde. Was hat man bei dieser langen Reise durch die Nacht nur alles erlebt.

Flying High, BA Kunstforum, Freyung 8, Wien 1, von 15. Februar bis 23. Juni, tägl. 10–19h, Fr. 10–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2019)