Was „Ikaruz“ mit Otto Wagner und „Ultras Rapid“ verbindet

A scho wurscht? Otto-Wagner-Geländer am Franz-Josefs-Kai.
A scho wurscht? Otto-Wagner-Geländer am Franz-Josefs-Kai.(c) Wolfgang Freitag

Phänomen Sprayer oder: Wo genau muss unsere Coolness enden?

Kein ganzes Jahr ist vergangen, seit man Wien um eine historische Preziose besonderer Art bereichert hat: Die Rede ist von jenen zweieinhalb Metern Otto-Wagner-Geländer am Wiener Franz-Josefs-Kai, die man zum 100. Todestag Wagners in der ursprünglichen Farbe – nämlich weiß und nicht resedagrün – getüncht hatte. Bei selber Gelegenheit war auch das umgebende Steinmauerwerk neu gefasst worden, was das kleine Ensemble aufs Reinste erstrahlen ließ. Das freilich nicht einmal bis zur Präsentation: Kaum aufgehellt, wurde es auch schon zum Objekt von Sprayer-Begierden, die noch jeden der zahlreichen späteren Versuche, den runderneuerten Zustand wiederherzustellen, binnen Kürze zunichtemachten. Zustand derzeit: siehe Foto.

Eine Nebensächlichkeit? Jedenfalls geradeso nebensächlich wie all die „Ultras Rapid“, die „88er“, die „Anarchie“-Adressen und sonstigen Sprayereien, die subjektivem Befinden nach immer mehr Fassaden der Stadt füllen. Und so nebensächlich wie der gemeindebauhohe Schriftzug „Ikaruz“ am Erna-Musik-Hof, der vergangene Woche Gegenstand dieser Kolumne war. Alles das Werk von „Künstlern“, wie ein Vertreter von Wiener Wohnen „Ikaruz“-bezüglich konstatierte, assistiert von manchen Lesern, die seine Entspanntheit angesichts eines Schadens von mehreren Tausend Euro schlicht „cool“ fanden?

Wo genau muss unsere Coolness dem Phänomen Sprayer gegenüber enden? Erst beim Schloss Schönbrunn? Oder vielleicht doch schon bei all den einschlägig beehrten Dutzendfassaden jener Quartiere, deren Bewohner sich Besseres verdient hätten als das Gefühl, in ihren Behausungen doch in Wahrheit unbehaust zu sein?

Zugegeben, den richtigen Weg zwischen Ruf nach dem Polizeistaat und einem achselzuckenden „A scho wurscht“ zu finden, das ist nicht leicht. Aber keine Haltung kann ja wohl auch nicht ernsthaft Haltung sein.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2019)