Schnellauswahl

Santander und das Problem mit Coco

An den Finanzmärkten sind Coco-Bonds ein relativ neues Produkt, deshalb aber nicht minder populär. Die spanische Großbank hat nun genau hier für Verwunderung gesorgt.

Wien. Wer den Namen Coco hört, denkt zunächst an Coco Chanel, die Doyenne der französischen Modeindustrie. In der Finanzindustrie hat Coco allerdings eine ganz andere Bedeutung. Es steht für Contingent Convertible Bond. Es handelt sich dabei um eine Schuldverschreibung, die bei Eintreten von bestimmten Kriterien automatisch in Eigenkapital (Aktien) umgewandelt wird. Genau diese Art von Wertpapieren erhält dieser Tage viel Aufmerksamkeit. Grund dafür ist die spanische Großbank Santander, die zu den größten Banken Europas zählt. Sie hat ihren Investoren nämlich Dienstagabend mitgeteilt, ihre Coco-Anleihe nicht zurückkaufen zu wollen. Das Papier bleibt folglich länger auf dem Markt als üblich (auch wenn es theoretisch ohnehin eine unendliche Laufzeit hat).

Als Begründung führte das Institut die Notwendigkeit an, „die Wirtschaftlichkeit zu analysieren und die Interessen aller Investoren abzuwägen“. Der Schritt der Spanier kommt für Teile des Finanzmarkts einigermaßen überraschend. Bisher haben die Banken meist zum erstmöglichen Zeitpunkt von der Option gebraucht gemacht, ihren Coco-Bond zu tilgen. Die Investoren müssen die Anleihen nun aber länger in ihren Büchern halten, anstatt durch den Rückkauf der Bank Geld ausbezahlt zu bekommen. Coco-Bonds sind für die Emittenten eine recht teure Form des Eigenkapitals (weil die Zinsen dafür hoch sind).

 

Relativ neues Produkt

Die Santander besitzt jedoch einen ausreichenden Kapitalpolster, weshalb der Markt nicht ganz versteht, warum das Institut nicht einfach darauf verzichtet, den Bond weiterlaufen zu lassen. Mit einer Rückzahlung hätte sich das Institut nämlich auch künftige Zinszahlungen erspart.

Cocos sind ein an den Finanzmärkten relativ neues Produkt. Die Deutsche Bank gilt im deutschsprachigen Raum auf diesem Gebiet als Vorreiter. Sie begab ihren ersten Coco-Bond im Jahr 2014. Die britische Lloyd's Group war im November 2009 überhaupt die Erste, die ein solches Wertpapier begeben hat. Der Markt ist mittlerweile mehrere Hundert Mrd. Euro schwer. Die Papiere haben den Zweck, die Kapitaldecke des Emittenten (der Banken) für den Krisenfall aufzupolstern.

Sie werden als Fremdkapital behandelt, aber automatisch in Eigenkapital umgewandelt, sobald der Kapitalpuffer der Bank unter eine bestimmte Schwelle sinkt. Dann erhalten die Investoren entweder Aktien (die wenig wert sind), oder die Papiere werden von ihren Inhabern abgeschrieben, womit der Käufer die Verluste tragen muss. Das ist auch im Sinne des Regulators, der nicht mehr will, dass der Steuerzahler künftig für Bankenpleiten aufkommen muss. Das Risiko soll indes von Aktionären oder Anleihe-Inhabern getragen werden.

 

Werfen hohe Zinsen ab

Nach der Finanzkrise, als Eigenkapital für Banken ein großes Thema war (und es auch weiterhin ist), kam man auf die Idee, diese Art der Anleihen zu entwickeln. Cocos zählen als zusätzliches Kernkapital, das heute die harte Währung in der Bankenindustrie ist.

Für Anleger (Großinvestoren) sind die Papiere vor allem deshalb von Interesse, weil sie in Zeiten niedriger Zinsen vergleichsweise hohe Renditen abwerfen. Im Jahr 2017 lag der durchschnittliche Kupon (Zins) einer Coco-Anleihe bei sechs Prozent, wie Zahlen der Agentur Bloomberg zeigen. Der Coco-Bond der Santander hat beispielsweise einen Kupon von über sechs Prozent. Einige Staaten haben den Verkauf von Cocos an Privatinvestoren verboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2019)