(K)eine Grande Dame ist zurück: Vera Borek liest „herrliche Texte“

Erich Kästner sei ein wunderbarer Dichter – und höchst aktuell, sagt Vera Borek.
Erich Kästner sei ein wunderbarer Dichter – und höchst aktuell, sagt Vera Borek.(c) Clemens Fabry
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Die Schauspielerin Vera Borek über Erich Kästner und Courage, ihre 60-jährige Bühnenkarriere und Bücher – und ihren Mann, Helmut Qualtinger.

Lächerlich“ findet Vera Borek die Bezeichnung Grande Dame eigentlich. „Sie wollen nicht sagen, dass ich bald 80 werde“, sagt die Schauspielerin. Dabei kommt die Bezeichnung schon hin, wenn sie da im samtenen Turban in ihrer Wohnung am Rudolfsplatz sitzt – die Wände bis oben hin voller Bücher, die Decke ziert eine Tapete mit großflächigen Bildern von Jean-Michel Basquiat – und, gänzlich ohne Allüren, über ihre 60-jährige Bühnenkarriere erzählt. „Meinen ersten Vertrag musste noch meine Mutter unterzeichnen, in Bochum“, sagt sie.

Geboren als Tochter einer deutschen Opernsängerin und eines Wiener Lederwarenhändlers in Breslau, hat die in Wien aufgewachsene Borek zahlreiche Engagements auf deutschen Bühnen, bevor sie in den 1970er-Jahren mit ihrem späteren Ehemann Helmut Qualtinger nach Wien zieht. Als Ensemblemitglied am Volkstheater ist sie aus der heimischen Theaterszene alsbald nicht mehr wegzudenken. Als „Königin“ wird sie bei der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens des Landes Wien bezeichnet, „Naturereignis“ las man über sie in der „Presse“.

Wie viele Rollen sie in diesen sechs Jahrzehnten gespielt hat, weiß sie auch nicht ganz genau. „Ich denke manchmal, ich muss das mal aufschreiben. Aber ich komme nicht dahinter – dann fällt mir wieder eine frühere ein, und dann lasse ich es“, sagt Borek, mit trockenem Humor. Wahnsinnig viele seien es gewesen. Eine Lieblingsrolle war die der Ada in Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“, auch die Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ und die Rolle in Dürrenmatts „Physikern“.

„Bücher verbrennen ist das Letzte“

Als Fräulein Dr. von Zahnd in ebenjenem Stück legte Borek das Theater eigentlich vor vier Jahren ad acta. „Mit der schönen Rolle kann man wirklich aufhören, und ich habe das ohne große Traurigkeit hinter mich gebracht“, sagt sie. Dieser Tage ist sie nach längerer Absenz dennoch wieder auf einer Bühne zu sehen. Gemeinsam mit Eduard Wildner und musikalisch begleitet liest sie – erstmals morgen, Freitag, gefolgt von Sonntag – unter dem Titel „Noch immer die alten Affen“ Texte von Erich Kästner (siehe Infokasten).

„Kästner ist ein wunderbarer Dichter und Mensch“, erklärt Borek den besonderen Reiz des Projekts. „Und es macht mir sehr großen Spaß, weil es so herrliche Texte sind, politisch ausgerichtet . . . Sie wissen ja, Kästners Bücher sind verbrannt worden, und er stand in der Menge – das muss furchtbar gewesen sein. Bücherverbrennungen sind überhaupt das Letzte“, sagt sie mit einem Blick auf ihre Regale – die Russen sind ihr die liebsten, Tschechow, Dostojewski. („Das ist schon eine Wucht, das ist zeitlos, großartig.“)

Borek selbst, geboren 1940, hat als kleines Kind noch die letzten Kriegsjahre miterlebt – sie erinnert sich an den Bunker in Breslau oder daran, wie sie später mit einem russischen Soldaten und einem gezuckerten Butterbrot eine Runde auf dem Lastwagen fuhr, während ihre Mutter Ängste ausstand. „Ich möchte nicht gelebt haben in dieser Zeit“, sagt sie – nicht als Erwachsene. „Ob ich die Zivilcourage aufgebracht hätte, mich dagegenzustemmen . . . Meine Eltern haben es geschafft, die waren nicht in der Partei.“

Qualtinger ist ein anderes Thema

Die Texte von Erich Kästner („Nie dürft ihr so tief sinken, aus dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“) hält Borek jedenfalls auch heute für „wahnsinnig aktuell“. Mit ein Grund, warum sie nun wieder auf der Bühne steht. In den vergangenen Jahren nahm sie immer wieder Hörspiele auf, im Verlauf ihrer Karriere waren es insgesamt fast 60. Manche davon mit Helmut Qualtinger, mit dem sie 17 Jahre lang zusammenlebte, etwa „Wien wird wieder Weltstadt“ oder auch Texte von Ödön von Horváth.

„Aber das ist ein anderes Thema“, sagt Vera Borek, als sie im Lauf des Gesprächs auf ihren 1986 verstorbenen Ehemann kommt. „Weil sonst verlieren wir uns. Ich schalte dann um, und dann bleibt es nur bei dem.“

ZUR PERSON

Vera Borek (78) wurde als Tochter einer deutschen Opernsängerin und eines Wiener Lederwarenhändlers in Breslau geboren. Die Familie übersiedelte 1945 nach Wien. Borek studierte Schauspiel in Hannover. Mit ihrem späteren Mann Helmut Qualtinger, mit dem sie bis zu seinem Tod 1986 verheiratet war, übersiedelte sie nach Wien, wo sie ab 1976 Ensemblemitglied am Volkstheater war. Für ihre rund 60 Hörspiele wurde sie im Vorjahr ausgezeichnet. Mit Eduard Wildner liest sie unter dem Titel „Noch immer die alten Affen“ Texte von Erich Kästner. Im Kabinetttheater (15.2. um 19.00 Uhr und 24.2. um 17.00 Uhr) sowie am Sonntag bei einer Matinée im Theater Akzent (17.2. um 11.00 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2019)

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