Friedensshow aus Glitzermarmor

Dramatisch inszeniert: „Venus und Mars“.
Dramatisch inszeniert: „Venus und Mars“.(c) Belvedere
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Oberes Belvedere. Eine klassizistische Marmorgruppe unter Kitschverdacht erinnert an die Ehe der armen Marie Luise mit Napoleon und die falschen Erwartungen daran.

Da hängt sie also an seiner Schulter, eine Hand ihm in den breiten Nacken gelegt, die andre presst zärtlich ein Lorbeerzweigchen an seine nackte Brust. Nackt, das sind sie praktisch beide, Mars und Venus, die sich hier so innig an ihn schmiegt, was er in – zumindest noch – genitalem Stoizismus huldvoll zur Kenntnis nimmt. Doch schon entgleitet ihm das Band, mit dem er sonst sich das Schwert um die Hüften gürtet. Das hat schon der Sohn des Paares stibitzt, der zu ihren Füßen lauert, gleich wird Amor davonflattern mit dem Kriegsgerät.

Was für eine glitzrige Zuckerguss-Allegorie des Siegs der Liebe über den Krieg, fast wie aus der Auslage des Demel (den es damals, als diese Marmorgruppe Anfang des 19. Jahrhunderts entstand, übrigens auch schon gab). Als echten Kitsch würde man sie heute mit einem Blick abtun. Wenn sie noch, wie lang, unter den Stiegen bei den Garderoben des Oberen Belvedere stünde. Jetzt? Keine Chance mehr! Kuratorin Sabine Grabner hat den Eineinhalbtonner so inszeniert, dass kein Entkommen ist: Die Skulptur prangt dramatisch ausgeleuchtet allein in einem schwarz ausgekleideten Raum im Unteren Belvedere, Höhepunkt der neuen Ausgabe der Fokus-Ausstellungsserie „Im Blick“ (was sonst). Hier wird in die Tiefe gegangen, diesmal in die des „Mythos von Mars und Venus mit Amor“, geschaffen vom Bildhauer Leopold Kiesling.

Mythos wie, Kiesling wer? All das wird einem im Vorraum des Spektakels geduldig mit viel historischem Bildmaterial erklärt, beginnend mit einem Porträt des „guten Kaisers Franz“, des Franz II. (I.), des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Wir befinden uns also in Zeiten von Napoleon, Metternich und dem beginnenden Biedermeier um 1800. Damals war ein gewisser Leopold Kiesling der Rising Star der Bildhauerei. „Wenn Kisling nicht ein exacter Bildhauer wird, so wird es keiner“, schwärmte sein Professor an der Akademie über ihn. Und 1801 ging es auch schon mit kaiserlichem Stipendium versehen nach Rom, zum Meister der klassizistischen Marmorbildhauerei, Antonio Canova (Theseus-Gruppe im KHM, Denkmal der Marie Christine in der Augustinerkirche). Canova hatte besten Kontakt zum Kaiserhaus, wodurch Kiesling 1806 den Auftrag für sein Meisterwerk „Mars und Venus mit Amor“ erhalten hat, das wir hier staunend ob des fast schon swarovskimäßigen Funkelns des Carrara-Marmors umkreisen.

Kein Mensch kennt Kiesling heute noch, wenig ist erhalten, so Grabner. Sein „schwieriger Charakter“ tat das Übrige, er soll über alle gelästert haben, was ihn wohl die Berufung an die Akademie gekostet hat. Vorgezogen wurde ihm ein Jüngerer, Johann Schaller, ausgerechnet, er schuf schon das Sockelrelief für Kieslings habsburgische Friedensgruppe. Als solche wurde sie nämlich 1814, als sie anlässlich des Wiener Kongresses erstmals öffentlich präsentiert wurde, interpretiert: Eindeutig, hier wird Marie Luise dargestellt, die Napoleon zum Frieden verführt. Von 1806 bis 1808, in den Jahren der Entstehung der Skulpturengruppe, war Napoleon allerdings noch mit seiner Joséphine verheiratet, und die Habsburger-Tochter Marie Luise verdammte ihn noch als „Menschenfresser“.

Venus? Ein Lamm auf der Schlachtbank

Wie die Unglückliche 1810 der Staatsräson Metternichs folgend wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde, sieht man hier auf Stichen der verschiedenen Stadien der Eheanbahnung im Vorraum. Mitnichten war Marie Luise eine Venus, mitnichten konnte sie Napoleon vom Krieg abhalten. Aber was der Wiener sehen will, das sieht er, 1814 erstmals im östlichen Rondell im Erdgeschoß, das man für eine genauso spektakuläre Inszenierung wie jetzt, ja, ruiniert hat: Der schlichte Raum, in dem heute das Café untergebracht ist, wurde von allem befreit, was von der Venus-Mission ablenken konnte, von Hermen, Vasen und Bemalung.

1810 übrigens fertigte Kieslings Lehrer Canova im Auftrag des Gatten tatsächlich ein Porträt der 18-jährigen Marie Luise an, er zeigte sie als Concordia, als Göttin der Eintracht, nur nicht „zu jugendlich“, befahl Mars/Napoleon.

Bis 12. Mai, Oberes Belvedere, täglich 9–18, Fr bis 21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2019)

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