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Wien: Misshandlung in Behinderten-WG?

Misshandlung BehindertenWG
(c) REUTERS (KIM KYUNG-HOON)
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In Wien dürfte ein 46-jähriger Mann jahrelang Opfer von Übergriffen geworden sein. Entdeckt wurde das durch Zufall, der Betroffene ist Autist und kann sich dazu nicht äußern.

Wien. Jahrzehntelang ruhte über den jüngst bekannt gewordenen Fällen von Missbrauch und Misshandlungen der Mantel des Schweigens. Die Gründe dafür waren oft Angst und Scham. In Wien beschäftigt die Strafverfolgungsbehörden nun ein Fall mit geänderten Vorzeichen. Das vermeintliche Opfer, ein 46-jähriger Mann, ist wegen seiner Behinderung nämlich gar nicht in der Lage, sich zu seinem eigenen Leid zu äußern: Hans S. ist Autist.

Erlitten hat der Betroffene während der vergangenen Jahre laut Krankenakte einiges. Mehrere gebrochene Knochen, zahlreiche Hämatome sowie eine niemals geklärte, aber lebensgefährliche Nierenblutung. Auch der Verdacht des sexuellen Missbrauchs steht im Raum. Zuletzt landete er am 27.März mit einer Rippenprellung im Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus, wo die Ärzte zwei bisher nicht entdeckte Rippenbrüche diagnostizierten. Die Eltern des in einer betreuten Wohngemeinschaft lebenden Mannes befürchten, dass ihr Sohn jahrelang Opfer von Übergriffen war. Sie stellen die tabubehaftete Frage: Haben Behinderte einen Behinderten missbraucht? S.' Sachwalter brachten Anzeigen gegen unbekannte Täter ein: Einmal wegen schwerer Körperverletzung, einmal wegen sexuellen Missbrauchs.

Die Chancen, Hans S.' Erlebnisse zu rekonstruieren, stehen schlecht. Wie viele Menschen mit Autismus– einer angeborenen Wahrnehmungsstörung – kann S. mit seiner Umwelt fast nicht kommunizieren und daher auch nicht sachdienlich befragt werden. Seine Sachwalter von der Döblinger Kanzlei Klimscha & Schreiber haben nach Angaben seines Umfelds nur wenig Kontakt zum Klienten und wollen den Fall sowie die eingebrachten Anzeigen auf Anfrage der „Presse“ und unter Berufung auf den Datenschutz „grundsätzlich nicht kommentieren“.

Zu Gesprächen bereit waren jene Einrichtungen, in denen die Misshandlungen stattgefunden haben könnten. Dies sind einerseits die betroffene Behindertenwohngemeinschaft der Organisation „Auftakt“ sowie der Betreiber jener geschützten Werkstätte (Verein Gin), in der das Opfer gemeinsam mit anderen Behinderten Beschäftigungstherapie erhält.

„Dass hier etwas passiert ist, steht außer Zweifel“, sagt Robert Winklehner, pädagogischer Leiter von „Auftakt“. Von Missbrauch will er jedoch nicht sprechen. Wie S.' Rippenprellung mit faustgroßem Bluterguss auf der Brust („Auftakt“ und „Gin“ sprechen von einem „kleinen Hämatom“) entstand, könne man sich genauso wenig erklären wie die nun durch einen Zufall entdeckten Rippenbrüche.

Mirko Nalis, Obmann des die geschützte Werkstätte betreibenden Vereins Gin, glaubt, dass das „kleine Hämatom“ auf einen Schlag einer ebenfalls behinderten Frau aus der Beschäftigungstherapie zurückzuführen sei. Diese habe den Übergriff auch zugegeben. Woher die alten Knochenbrüche stammen würden, könne er sich jedoch auch nicht erklären.

Der Fonds Soziales Wien (FSW), der im Auftrag des Rathauses beide Organisationen subventioniert, hat den Zwischenfall untersucht. Fazit: „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Herrn S. die Verletzungen in einer der beiden Einrichtungen absichtlich zugefügt wurden“, heißt es in einer Stellungnahme. „Auftakt“ und „Gin“ seien anerkannte und qualitativ hochwertige Einrichtungen.

 

Kritiker: Spezialbetreuung fehlt

Bei der Österreichischen Autistenhilfe, die sich gezielt um die Probleme von Betroffenen und ihren Angehörigen kümmert, findet man diese Art der Aufklärung „skandalös“. Generalsekretärin Ruth Renée Kurz glaubt, dass sich so „nichts ändern und damit wohl weiterhin geschlagen werde“. Ihr Vorwurf lautet, dass Betreuungsmöglichkeiten, die auf die sehr speziellen Bedürfnisse von Autisten eingehen, in Wien äußerst dünn gesät seien. „Diesbezüglich sind wir ein Entwicklungsland.“

Die Stadt Wien sieht das anders. Schon 2003 hatte SPÖ-Volksanwalt Peter Kostelka ein Gutachten über die Notwendigkeit zur Schaffung von Einrichtungen beauftragt, die Autisten getrennt von anderen Behinderten betreuen. Gutachter Christian Klicpera kam zu dem Schluss, dass ein entsprechendes Angebot fehle. Dennoch gab die Volksanwaltschaft nach zwei Jahren Diskussion folgende Mitteilung heraus: „Eine Schaffung (entsprechender Angebote; Anm. d. Red.)wird von der zuständigen Stadträtin nicht in Aussicht gestellt.“

AUF EINEN BLICK

Ein Wiener Autist erlitt in den vergangenen Jahren zahlreiche Verletzungen, darunter auch zwei bisher unentdeckte Rippenbrüche. Bei der Polizei liegen Anzeigen wegen Körperverletzung und sexuellen Missbrauchs gegen unbekannte Täter vor. Weil der Betroffene – er lebt mit anderen Behinderten in einer betreuten Wohngemeinschaft – nicht sprechen kann, ist die Rekonstruktion der Vorfälle schwierig. Die Eltern vermuten Übergriffe durch andere Behinderte. Betreuer und Therapeuten tappen im Dunklen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2010)