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Togo: Das Ende eines afrikanischen Fußballmärchens

(c) ANNA MAYUMI KERBER
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Abgestürzt, beschossen, verbannt: Wie eine "goldene Fußballgeneration" von Unglücksfällen und Launen der Politik in den Abgrund gestoßen wurde. Dabei hätte es anders kommen können.

Das Kégué-Stadion in Lomé, Hauptstadt des westafrikanischen Landes Togo (circa sechs Millionen Bewohner), bietet 35.000 Zusehern Platz. Zum jüngsten Länderspiel gegen Elfenbeinküste kamen nur ein Zehntel davon. Obwohl bei den Ivorern die großen Stars wie Emmanuel Adebayor und Didier Drogba fehlten, hätte das Stadion voll sein müssen. Doch Togo ist fußballfrustriert.

„Der Traum einer Fußballgeneration ist zerbrochen“, meint Joseph Müller Afanyagbe zähneknirschend. Als Mitbegründer des ersten Sportradiosenders Afrikas, Sport FM, beriet er Togos Regierung und kommentierte für die BBC. Sein Name, den er deutschen Kolonialvorfahren verdankt, ist über die Grenzen bekannt. Die Leute seien wütend auf die Politik, die den Fußball ruiniere, meint er. Und neben politischer Intervention kam auch viel Pech hinzu.

 

Als selbst die Franzosen wankten

Abgestürzt, beschossen, verbannt – die „Sperber“, wie Togos Nationalelf genannt wird, hatten harte Schläge einzustecken. Dabei hätte es anders kommen können: 2006 überraschten sie in Deutschland mit ihrem WM-Debüt, bei dem sie die Franzosen ins Wanken brachten. Obwohl sie nicht über die Gruppenspiele hinauskamen, bejubelten viele „Togos Fußballmärchen“.

Und es dauerte an – wenn auch nur kurz: Der Afrika-Cup, Pendant zur Europameisterschaft, fand 2008 im Nachbarland Ghana statt. In der Qualifikation 2007 übernahm Togo mit einem Auswärtssieg gegen Sierra Leone die Gruppenführung. Gleich nach dem Spiel stürzte ein Hubschrauber über dem Austragungsort Freetown ab. Über 20 Togoer, darunter der Sportminister, starben – der Helikopter hätte das Team zum Flughafen bringen sollen.

Die Sperber verloren die nächsten zwei Spiele, schafften den Sprung nach Ghana nicht. „Ein schlimmer Schlag“, seufzt Müller. „Dass wir den Cup in Ghana, nur wenige Kilometer entfernt, verpasst haben, bleibt unverzeihlich.“

 

Ein Anschlag mit Folgen

Kurz vor dem Afrika-Cup in Angola im heurigen Jänner kamen Togos Fußballer wieder in die Schlagzeilen: als Opfer des Terrors. In Cabinda, einer Exklave Angolas, die durch einen Landstreifen der Demokratischen Republik Kongo abgetrennt ist, beschossen Rebellen den Reisebus der Spieler. Es ging um nationale Angelegenheiten, die Togoer hatten einfach Pech. Unter den drei Todesopfern war auch Stan Ocloo, Pressesprecher des Teams und langjähriger Freund und Kollege Müllers bei Sport FM.

Auf Befehl der Regierung zogen die Sperber aus dem Bewerb ab. „Es war eine Frage der Egos“, meint Müller, Afrikas Fußballföderation CAF habe weder eine Erklärung noch eine Delegation zur Beileidsbekundung geschickt. Das habe Togos Regierung gekränkt. Doch wegen „politischer Intervention“ verhängte der Weltfußballverband Fifa eine Sperre gegen Togo für zwei Afrika-Cups. „Gerechtfertigt“, meint Müller. Politik solle sich nicht in den Fußball einmischen.

Und doch sind diese Sphären in Togo untrennbar. Auch „das beste Team, das Togo je hatte“, verdanke es der Politik. Die Spieler seien in Topform gewesen, die Politik habe erstmals viel Geld in die Vorbereitungen gepumpt. „Selbst der Präsident rief Geschäftsleute zu Investitionen auf“, so Müller.

Obwohl er die Trennung von Politik und Fußball befürwortet, gibt er zu bedenken, dass Politik in Togo „schwieriger“ sei. Diktator Gnassingbé Eyadéma regierte 38 Jahre – ein Rekord, selbst in Afrika. Als sein Sohn Faure Gnassingbé 2005 die Führung übernahm, kam es zu Protesten, die von der Polizei erstickt wurden. Hunderte starben, Zehntausende flohen. Als aber Togo sich kurz darauf für die WM in Deutschland qualifizierte, schmückten Faures Fans auch ihn mit den Federn des Sporterfolgs.

Müller hält wenig von Freunderlwirtschaft. Vor drei Jahren hat er seinen Job bei Sport FM aufgegeben. „Es ist nicht leicht, wenn man nicht der Partei angehört. Man wird Zielscheibe.“ Das gelte auch für Funktionäre des nationalen Fußballverbands FTF, den es deshalb derzeit eigentlich nicht gibt. Differenzen entlang Parteilinien machten das Organ handlungsunfähig. Umstritten ist auch dessen Vizepräsident: Rock Gnassingbé, Bruder des Präsidenten und Gründer des FTF. Für ihn hat Müller besonders wenig übrig: „Er ist falsch im Fußball. Er ist Militäroffizier. Soldaten führt man anders als eine Fußballmannschaft.“

 

Und aus der Traum

Fakt ist, dass das „beste Team in Togos Geschichte“ nie an einem Afrika-Cup teilnehmen und vielmehr eine Marginalie bleiben wird. Wegen des Cabinda-Vorfalls ist Togo bis 2016 gesperrt. Stars wie Adebayor werden dann jenseits der 30 sein. Bis dahin müssen sich die Sperber mit Freundschaftsspielen begnügen, aber dafür kriegen die Stars von ihren europäischen Klubs nicht frei. Und für Nachwuchstalente ist an der Seite der jetzigen Stars kaum Platz.

Was bleibt, ist die WM 2014; der Halm, an den sich die Sperber und ihre Fans klammern. Müller lässt seinen Blick über die leeren Ränge schweifen: „Doch wie motivieren wir die jungen Spieler?“

DAS PROJEKT

Das Autorenduo Anna Mayumi Kerber und Niels Posthumus durchquert Afrika auf dem Weg zur Fußball-WM in Südafrika im Juni von Marokko bis zum Kap der Guten Hoffnung; dort wollen die Vorarlbergerin und der Holländer bis zur WM sein. Ihre Berichte unter dem Motto „The Road to 2010“ erscheinen als Serie in der „Presse“.DiePresse.com/–DiePresse.com/–

www.theroadto2010.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2010)