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Polen und Russland: Die Umarmung zweier Rivalen

Tusk und Putin.
(c) REUTERS
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Polen und Russen entdecken nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk plötzlich, dass sie enge Nachbarn sind. Wladimir Putin zeigt sich von einer neuen Seite.

Aus der Flut von Stellungnahmen zur Tragödie von Smolensk vom Samstag ragen die Wortmeldungen von zwei Friedensnobelpreisträgern heraus. Der eine, Lech Walesa, Pole, sagte: „Ich hoffe von Herzen, dass diese Tragödie auf beiden Seiten zum Nachdenken führt und Vorurteile abbauen hilft. Nur so besteht die Chance auf neue, bessere, engere Beziehungen zu unseren russischen Nachbarn.“ Und der andere, Michail Gorbatschow, Russe, erklärte: „Unsere Völker sind sehr eng verbunden, wir sind Slawen, wir sind Nachbarn. Jetzt sollten wir nicht nur eine neue Seite aufschlagen, wir brauchen ein neues Buch.“

Eine beispiellose Welle des Mitgefühls schwappte nach dem Tod des polnischen Präsidentenpaars und Dutzender weiterer bedeutender politischer und militärischer Führungspersönlichkeiten durch Russland. Und behaupte ja niemand mehr, der russische Premier Wladimir Putin sei nur ein gefühlskalter Ex-Geheimdienstler, unfähig zu menschlicher Anteilnahme: In diesen Tagen der Trauer in Polen über den Verlust eines Teils der Elite hat er außergewöhnliche Sensibilität mit den Gefühlen der Nachbarn gezeigt.

Nicht nur er. Präsident Dmitrij Medwedjew wandte sich in einer Fernsehrede an die Polen und seine eigenen Landsleute, kondolierte persönlich in der polnischen Botschaft in Moskau. Sonntagabend strahlte der landesweite TV-Sender „Rossija“ Andrzej Wajdas Spielfilm „Katyn“ über Stalins Mordaktion von 1940 gegen 22.000 polnische Offiziere und Intellektuelle aus. Und Montag war ein Staatstrauertag in Russland für die polnischen Absturzopfer.

In Wien meldete sich der gerade erst eingetroffene designierte russische Botschafter Sergej Netschajew spontan beim polnischen Missionschef Jerzy Marganski, um sein Beileid zu bekunden.

Adam Rotfeld, ein früherer polnischer Außenminister und einer der klügsten politischen Analytiker des Landes, fasste zusammen: „An eine solche Art des Mitgefühls gegenüber dem polnischen Volk kann ich mich in den vergangenen Jahren nicht erinnern. Russlands Reaktion war einfach zutiefst menschlich.“

Das alles demonstrierte etwas von jener „slawischen Herzlichkeit und Offenheit“, mit der der jetzige polnische Außenminister Radoslaw Sikorski die russische Reaktion beschrieben hatte.

Dabei ist es gerade einmal fünf Jahre her, dass die historisch immer sehr heiklen polnisch-russischen Beziehungen das Niveau eines rüden Rugby-Matches erreichten. Im Sommer 2005 mussten es polnische Diplomaten in Moskau und russische Diplomatenkinder in Warschau ausbaden, dass die bilateralen Beziehungen einen neuen Tiefstand erreicht hatten: Sie wurden krankenhausreif geprügelt.

Die nationalkonservative Regierung von Jaroslaw Kaczyński, dem Bruder des verunglückten Präsidenten Lech Kaczyński, unternahm dann keinerlei Anstrengungen, das angespannte Verhältnis zu Russland zu verbessern, und aus Moskau kamen genauso keine positiven Signale. Es wurde gestritten, geschmollt und auf der internationalen Bühne gegeneinander intrigiert.

Es war der jetzige Premier Donald Tusk, der gleich nach seiner Machtübernahme in Warschau postulierte, dass es so zwischen zwei großen Nachbarn in Europa nicht weitergehen könne. Er bemühte sich sogleich um ein besseres Verhältnis zu Russland, ohne nationale Interessen preiszugeben – etwa das von Moskau gehasste US-Raketenabwehrprojekt in Polen. Aber zwischen dem ruhig besonnenen Tusk und dem russischen Führungsgespann Medwedjew/Putin stimmt ganz offensichtlich auch die Chemie. Das erleichtert vieles. Nicht zuletzt, dass die russische Seite sich nun sogar dazu bereit zeigt, zusammen mit den Polen die zentnerschweren historischen Brocken aus dem Weg zu räumen, die das bilaterale Verhältnis seit Jahrzehnten belasten. Stichworte dazu: Hitler-Stalin-Pakt, Katyn, Sowjetherrschaft der Nachkriegszeit.

In einem Interview mit der „Presse“ erklärte der frühere Präsident Aleksander Kwaśniewski vor ein paar Jahren: „Es ist nicht so, dass die heutige russische Führung die Verantwortung für alles übernehmen muss, was in den Jahrzehnten der sowjetischen Herrschaft passiert ist. Aber es wäre angemessen, dass sie die Vergangenheit selbstkritisch reflektiert und analysiert, Sensibilität für historische Fragen entwickelt.“

Dass dies mittlerweile geschieht, hat Premier Putin bei zwei Gelegenheiten demonstriert: sowohl beim 70-Jahre-Gedenken zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vorigen September in Danzig als auch bei der Katyn-Gedenkfeier vergangene Woche.

Freilich, man sollte nicht annehmen, dass nach diesen ermutigenden Signalen eines gemeinsamen historischen Zugangs und den beeindruckenden russischen Reaktionen auf die Katastrophe von Smolensk nun die große slawische Verbrüderung bevorsteht. Polen und Russland sind stolze Nationen, die ihre eigenen nationalen Interessen und Wertevorstellungen haben und die im osteuropäischen Raum immer Rivalen waren. Die historisch gewachsene Rivalität wird im gemeinsamen Gedenken an ein Unglück nicht verschwinden.

AUF EINEN BLICK

Umarmung zweier Trauernder: Donald Tusk, Wladimir Putin. [EPA]

Das Verhältnis Polen–Russland ist seit Jahrhunderten von der Rivalität der beiden Nationen in Osteuropa, ihrem Ringen um Macht und Einfluss in diesem Raum gekennzeichnet. Besonders dramatisch verliefen die Beziehungen im 20. Jahrhundert. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939, die Ermordung von 22.000 polnischen Offizieren in Katyn 1940 und die sowjetische Oberherrschaft von 1945 bis 1989 gelten in Polen als offene Wunden. Der jetzige polnische Premier Tusk bemüht sich seit 2007 um eine Entkrampfung, Russlands Premier Putin macht dabei mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2010)