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Theater an der Wien

Der Prophet spielt zerstörerisch mit dem Feuer

Den Propheten Elias verkörpert Christian Gerhaher grandios. Hier wird er vom Engel gehalten, gesungen von Sopranistin Kai Rüütel.
Den Propheten Elias verkörpert Christian Gerhaher grandios. Hier wird er vom Engel gehalten, gesungen von Sopranistin Kai Rüütel.(c) Werner Kmetitsch
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Kritik Calixto Bieito inszeniert Mendelssohns Oratorium „Elias“ als fundamentale Religionskritik – mit Christian Gerhaher in der Titelrolle und dem Arnold-Schoenberg-Chor als überragende Protagonisten.

Aus dem Dunkel stapft ein Mann an die Rampe – in Alltagskleidung, grüblerisch, ernst. Im Namen des Herrn, seines Gottes, verbannt er zu düsteren d-Moll-Klängen allen Regen und verurteilt das Land zu einer Dürre. Das Publikum weiß: Es ist Elias, einer der bedeutendsten Propheten des Judentums. Mit seinem Fluch sagte er dem Baal-Kult den Kampf an, der im 9. Jahrhundert v. Chr. im Nordreich Israel die dominierende Religion darstellte. Aber wer war dieser rätselhafte Mann, und wie war er, den Felix Mendelssohn zur Hauptfigur seines zweiten großen Oratoriums gewählt und den er sich „stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster“ vorgestellt hatte? Ein Auserwählter? Ein Übeltäter? Ein Geschlagener? Dass er in Gestalt des grandiosen Christian Gerhaher leicht hinkt, könnte bereits eine religiöse Anspielung sein – auf den aus der Hüfte lahmenden Jakob. Obwohl sich hernach herausstellt, dass Gerhaher eine echte Fußverletzung hat, fügt sich das Detail nahtlos in einen Abend ein, der die gestellten Fragen in szenische Gleichnisse umwandelt.

Für sein spätes Wien-Debüt hat Calixto Bieito sich also ein Stück abseits der Operngeschichte ausgesucht – wieder einmal, denn für Oratorien und Chorwerke hat der international längst viel diskutierte spanische Regisseur in letzter Zeit ein Faible entwickelt. Weil die Lebensgeschichte des Propheten im Libretto nur bruchstückhaft geschildert und auf die Rolle eines Erzählers verzichtet wird, geben sich für einen eigenen, kühnen Deutungszugriff genügend Ansatzpunkte – zum Beispiel durch die Episodenrollen, die Bieito ausbaut oder überhaupt erst zu Charakteren macht. Sein Ziel ist es, Religion an sich zu verhandeln – ausgehend von Mendelssohns Biografie zwischen dem abgelegten Judentum seiner Familie und ihrem neuen protestantischen Glauben bis hin zum allgemein Menschlichen, den Verquickungen der Religion mit Politik und ihren Ausläufern in mörderischem Fanatismus. Das beginnt damit, dass Elias' Adlatus Obadjah eine meterhohe christliche Kirche aus Pappkarton über die vielfältigen, beweglichen Metallgestänge von Rebecca Ringsts Bühne hereinzerrt. Der wunderbare Arnold-Schoenberg-Chor, neben Gerhaher der zweite überragende Protagonist des Abends, formt in Mühsal eine Prozession darum. Elias schreibt den hebräischen Namen Gottes darauf, doch bald zerfetzt die Menge den Bau – und der ratlose Prophet muss sich nolens volens neue Strategien und Symbole überlegen . . .

„Ein Volk wird nicht alt, nicht klug, ein Volk bleibt immer kindisch“, sagt Herzog Alba in Goethes „Egmont“ – und Bieitos Elias leidet am Wahrheitsgehalt genau dieser Behauptung. Michael J. Scotts König Ahab ringt Elias rasch nieder, stärker hallen die Invektiven der Königin nach, die Ann-Beth Solvang mit markigem Ausdruck jenseits bloßen Schöngesangs erfüllt.

 

Um Schönheit geht es am wenigsten

Verwandelt trifft das auch auf die Witwe und Obadjah zu: Im Konzertsaal würde man sich einen biegsameren, blühenderen Sopran wünschen, hier geht der Schuss Herbheit in Maria Bengtssons Stimme im Charakter auf. Und Maximilian Schmitt müsste nicht um überdeutlicher Textdeklamation willen die frei klingende Schönheitszone seines Tenors verlassen. Aber natürlich geht es um Schönheit am wenigsten – zumindest nicht um konventionelle Schönheit. Immer wieder fühlt sich dieser Prophet bedrängt, empfindet es als Zumutung, dass er den Weg weisen muss und viele deshalb seine Nähe suchen: die „Wartende“ vor allem (Anna Marshania), vielleicht seine schwangere Frau. Wenn, dann duldet Elias die Nähe des Engels: Kai Rüütel singt ihn verblüffend nah am Timbre einer jungen Éva Marton. Und wenn Elias in eine veritable Depression geschlittert ist, mit stierem und zugleich rührend verletzlichem Blick ins Nichts starrt und der Engel ihn hält, ist das einer der schönsten, emotionalsten Momente eines Abends, der insgesamt stärker und besser ans Hirn als ans Herz appelliert.

Gerade deshalb ist Gerhaher ideal für diesen Elias, gibt es doch keinen Sänger seiner Qualität, der zugleich so sehr ein Mann des Wortes wäre, der flammenden Sinngebung hinter den Noten – und der als Prophet hier zuletzt wirklich selbstzerstörerisch mit dem Feuer spielt. Sogar der Umstand, dass seinem nach wie vor hellen, leichtgängigen Bariton trotz aller nötigen dramatischen Größe ein sonores Bassfundament fehlt, taugt zur Charakterisierung des Eiferers wider Willen oder wider besseres Wissen. Wie Gerhaher selbst bei opulenten Kantilenen nicht einfach im Klang badet, sondern als genuiner Liedsänger die klare Verbindung mit dem Text sucht, wie seine kalligrafisch exakten Töne mit einem Marcato an der richtigen Position gleichsam einrasten, muss immer wieder Staunen erregen.

Der als Provokateur verschriene Bieito hat diesmal jedenfalls keine Provokation geliefert – und dennoch (oder deshalb?) ein paar Buhrufe erhalten, die er elegant mit Kusshänden quittierte. Wer unter szenisch-musikalischen Dissonanzen leidet, wird möglicherweise manchmal die Augen schließen wollen. Dann ist immerhin besser zu hören, wie das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Jukka-Pekka Saraste als dritter starker Partner dafür sorgt, dass Mendelssohns klassizistischer Wohlklang nicht bloß imprägniert glatt wirkt, sondern sich im Zusammenwirken mit dem Schoenberg-Chor Klangschönheit und Intensität, Volumen und eine willkommene Konturenschärfe verbinden.

18., 20., 23., 25., 27.2., jeweils 19 h. www.theater-wien.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2019)