Die katholischste Stadt der Welt betreibt einen nicht katholischen Friedhof für Revolutionäre, Promikinder und alle Arten von Fremdlingen.
Früher waren da massenhaft Katzen. Sie sind mir so genau in Erinnerung, weil ich den „Cimitero Acattolico“, den Friedhof der römischen Nichtkatholiken, in den Neunzigerjahren oft besucht habe. Es waren die Vorgänger jener dreizehn sauberen Katzen, die heute die Gräber bevölkern und in einer Katzenstation betreut werden, aber was für ein Unterschied! Damals regierte ein wildes Rudel von mindestens fünfzig Katzen, manche extrem dünn und moribund, manche mit schorfigem Fell, andere jung und verzweifelt miauend, und alle hungrig. Sie trieben sich um die Gräber herum, spazierten arrogant und mit aufgestellten Schwänzen über die Wiesen; sie schienen als undurchschaubare, düstere Zeremonienmeister für die nächtlichen Feiern der Fremdlinge zu fungieren, die an dieser Stelle ihre letzte Ruhe gefunden hatten.
Der Friedhof, nicht weit von der Metrostation Piramide, versammelt alles Unkatholische in der katholischsten Stadt der Welt: den Revolutionär Antonio Gramsci, den Beat-Poeten Gregory Corso und eine Menge reisefreudiger englischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Wer früher in Rom starb und kein Katholik war, kam hierher. Noch heute muss man an der Friedhofstür eine Glocke betätigen, die innerhalb fixer Öffnungszeiten den einzigen Bediensteten dazu animiert, die Tore zu öffnen.
Rom bietet vielfältige Arten, begraben zu werden. Eventuell möchte man nach eigenen Vorstellungen unter die Erde kommen: „This grave contains all that was mortal of a young English Poet“, steht auf einem der berühmtesten und ältesten Grabsteine. Mit feierlichen Worten wird dargelegt, dass der seit 1821 Darunterliegende die Worte „Here lies One Whose
Name was writ in Water“ für seinen Grabstein ausgewählt hat. Gerade die redundante Erklärung zerstört jedoch den poetischen Effekt, den John Keats, 26, Schwindsucht, im Sinn gehabthaben mag. Sein Freund, der Maler Joseph
Severn, 85, Altersschwäche, errichtete ihm das Grab. Oder man ruht hier zu früh: Wie der sieben Monate alte Sohn von Joseph Severn, der kleine Arthur, der durch einen Unfall ums Leben gekommen ist, oder der Dichter Percy B. Shelley, 30, Nichtschwimmer, ertrunken.
Wie man nicht begraben sein will: wie Goethes Sohn August, der 1830 auf seiner eigenen Italienischen Reise starb und gleich beerdigt wurde – Vorname „Sohn“. Auf dem Grabstein des 40-Jährigen steht einfach: „Goethe Filius Patri Antevertens“ und sein Alter.
Ihm hat man unfairerweise den rufmordenden Vers „Am Kapitol, am Kapitol / steh ich und weiß nicht, was ich sohl“ zugeschrieben, in Wirklichkeit dichtete August von Goethe nie, sondern kämpfte zeitlebens um Anerkennung durch den Vater, in dessen Auftrag er auf seiner Italienreise Münzen sammelte. Sein Tagebuch wurde erst 1999 editiert, in jenem Jahr, als der Friedhof der Nichtkatholiken seine Katzenpolitik änderte. Die dreizehn Katzen, die heute übrig sind, wirken gut versorgt, wie frisch gekämmte Hauskatzen, nicht verfettet, aber auch nicht zu mager.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestellinfo: Online oder per Fax: 01/514 14-277.