Wouter Hamel: Lustiger Jazz

Wouter Hamel Lustiger Jazz
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Der Sänger Wouter Hamel ist der holländische Jamie Cullum. Mit seinem neuen Album will er in Europa durchstarten. Endlich, sagt nicht nur die Damenwelt.

Wouter Hamel ist Hollands Antwort auf Jamie Cullum. Sein poppiger Vokaljazz nimmt dezente Anleihen an Mel Tormé und Jon Hendricks und kommt in Holland und in Japan vor allem bei der weiblichen Jugend an. Jetzt ist der sympathische Sänger drauf und dran, mit seinem eben veröffentlichten Album „Nobody’s Tune“ den europäischen Kontinent zu erobern. Das Schaufenster traf ihn bei Bitterballen und Bier im Amsterdamer Panama Club.

Welche Musik bevorzugten Sie während Ihrer prägenden Jahre?

Zunächst war ich ganz verschossen in Grunge. Von Nirvana bis zu meiner Lieblingsband, den Smashing Pumpkins. Später stand ich mehr auf depressive Sachen wie Jeff Buckley.

Wann kamen Sie auf die Idee, dass Musik die ultimative Weltenflucht für Sie sein könnte?

In der Schule war ich im Sport atemberaubend schlecht. Also kamen meine Eltern auf die Idee, mir Gitarrestunden aufzubrummen. Zunächst hatte ich wenig Lust darauf, aber mit der Zeit wurde es ein schönes Hobby, mit dem ich mich aus dem Hier und Jetzt wegträumen konnte.

Ihr Leben änderte sich, als Ihre Familie aus der Stadt Den Haag aufs Land zog. Wie dramatisch war das für Sie?

Das hatte zwei Seiten. Den Haag war eine tolle Zeit. Alle Verwandten wohnten in derselben Straße. Man fühlte sich total beschützt und hatte dennoch eine Menge Zerstreuungen. Im Dorf brach radikal die Fadesse aus. Alle Menschen waren weiß und sozial ungefähr auf dem gleichen Level. Positiv war, dass ich durch diesen Umzug vom Ballett wegkam, das ich in Den Haag besuchte und für das mich viele auslachten. Das war eine kleine Erlösung, die mir einen Neustart erlaubte. Schwierig war, dass ich einfach keine Freunde nach der Schule hatte.  Ich saß oft in meinem Zimmer herum und spielte viel Gitarre. Das war im Nachhinein gesehen wohl positiv.

Ihr großer Held war Jeff Buckley. Den haben Sie sogar getroffen. Wie ging das zu?

Da benahm ich mich ein bisschen groupiehaft. Ich hab ihn sogar zweimal getroffen. Einmal nach einem Konzert in Rotterdam, ein andermal in Amsterdam, im Paradiso. Ich wartete einfach backstage. Er signierte Poster, plauderte mit uns und lieh mir sogar seinen Pullover, weil es sehr kalt war. Ein total netter, ruhiger Typ.

In Ihrem Song „Don’t Ask“ stellen Sie sich vor, wie Bill Clinton über Monica Lewinsky singen würde. Wie kamen Sie darauf?

Nun, als die Affäre mit Monica Lewinsky bekannt wurde, fand ich es faszinierend, dass sich so was zwischen einer total wichtigen und einer ziemlich unbedeutenden Person abspielen kann. Den Song schrieb ich zehn Jahre danach. Er hat auch eine holländische Dimension. Auch bei uns haben Politiker Affären, aber die saftigen Details werden nicht kolportiert. Das interessiert Holländer im Unterschied zu Briten nicht. Zudem fragte ich mich beim Komponieren in einem Anfall von Größenwahn: Welches Mädchen müsste ich küssen, damit meine Welt kollabiert?

Was war die größte Herausforderung beim Aufnehmen Ihres ersten Albums?

Produktionsmäßig war ich in sehr guten Händen. Ich musste mich also nur aufs Songsschreiben konzentrieren, musste Lieder schreiben, die möglichst unterschiedlich klingen. Wenn ich Songs aus anderer Leute Repertoire sang, wurde es schwieriger. Man spricht immer gerne über Inspiration. Aufzunehmen hat aber mehr mit Transpiration zu tun. Es ist harte Arbeit.

Was macht die Qualität eines guten Liedes aus?

Es ist wohl die Melodie.

Ihr neues zweites Album nennt sich „Nobody’s Tune“. Wie kamen Sie auf diesen Titel?

Das ist eine komplizierte Geschichte. Keine große Plattenfirma reagierte auf meine Demos. Dann nahm ich mein Debüt bei einem kleinen Label auf. Es wurde ein Riesenerfolg, machte Platin. Plötzlich war ich für die großen Firmen interessant. Das war dann schon befremdlich, wie die dann plötzlich meine besten Freunde sein wollten.

Wie kam eigentlich der Jazz in Ihr Leben?

Ganz bieder übers Musikkonservatorium. Mein Professor gab mir zunächst ein Album von Manhattan Transfer, das ich wider Erwarten total lieb gewann. Danach machte ich mich daran, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Anita O’Day zu erforschen. Später entdeckte ich auch meine absoluten Favoriten, den famosen Jon Hendricks und den unglaublichen Eddie Jefferson. Was die beiden auszeichnet, ist, dass sie so was einen lustigen Jazz entwickelten. Was die Texte anlangt, bin ich total durch Hendricks beeinflusst.

In Ihrem Lebenslauf gibt es ein paar Lücken. Sie wurden gefüllt, indem man schrieb, dass Sie einige Jahre in reuelosem Hedonismus zubrachten. Gibt es etwas, das Sie bedauern?

Ich glaube, dass alles, was mit dir passiert, aus einem bestimmten Grund geschieht. Ich kam aus dem Konservatorium und war total unsicher, was ich fortan machen soll. Soll ich Schubert singen? Soll ich was Zeitgenössisches machen? Es waren Jahre der Verwirrung und Verirrung, die ich nicht missen möchte.

Was macht Ihnen, abgesehen von der Musik, die größte Freude?

Ich lese wahnsinnig gerne Romane. Im Gegensatz zum Musikbusiness kann man sich bei den Büchern halbwegs auf die Charts verlassen. In der Literatur gibt’s halt kein Minirockmarketing.

Nobody’s Tune von Wouter Hamel (Universal), www.wouterhamel.com

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