Aus einer arrangierten Ehe wird Liebe

„Den wolle sie haben und keinen anderen“: Die reiche und schöne Maria von Burgund heiratet in Gent am 19. August 1477 den Habsburger Maximilian.
„Den wolle sie haben und keinen anderen“: Die reiche und schöne Maria von Burgund heiratet in Gent am 19. August 1477 den Habsburger Maximilian.(c) De Agostini/Getty Images (DEA / G. DAGLI ORTI)

Ein junges Paar heiratet und es hat ungeahnte Folgen. Der Habsburger Maximilian und Maria von Burgund werden verkuppelt und verlieben sich trotzdem. Österreich ist auf einmal auf dem Weg zur Großmacht. Ein Auszug aus dem neuen Geschichtemagazin der "Presse".

Wir können davon ausgehen, dass Maria, die alleinige Erbin von Burgund, zufrieden war, als sie ihren zukünftigen Gemahl zum ersten Mal leibhaftig erblickte. Dieser Habsburger Maximilian war achtzehn Jahre alt, hatte blaue Augen, ein hübsches Gesicht, das blonde Haar wallte ihm bis auf die Schultern herab, er trug einen silbernen mit Gold verzierten Harnisch, als er hoch zu Ross mit 1200 deutschen Panzerreitern in Gent einzog. Er strahlte Fröhlichkeit und Optimismus aus, magnetisch richteten sich alle Augen auf ihn. Kostbare Tapisserien wallten von den Fenstern der Häuser, die bunt gestrickten Banner der Zünfte begrüßten ihn.

Alle in dem reichen Land, die zuvor über die bettelarme Familie Habsburg gespottet hatten, schwenkten um angesichts der ritterlichen Statur und des Charmes des Prinzen, dem man die Ärmlichkeit und Enge der Wiener Neustädter Burg, in der er aufgewachsen war, nicht ansah. Blass vor Aufregung wurde er erst, als er seiner jungen Braut zum ersten Mal gegenübertrat. Der Chronist Jean Molinet pries ihn als den schönsten Prinzen auf der ganzen Welt, einen „begnadeten Begatter und richtigen Mann“. Besucher des Kunsthistorischen Museums in Wien können nachprüfen, ob das zutrifft: Der niederländische Maler Joos van Cleve porträtierte den jungen Habsburger. Molinet weiter: „Ein Volk, das im Dunklen wandelt, sieht ein großes Licht.“

Ohne Zweifel: Man begrüßte einen Retter in verzweifelter Not. Durch das ganze Land war das Gespenst des Aufruhrs gerast, Maria war nach dem unerwarteten Tod ihres Vaters, Karls des Kühnen, Herzog von Burgund, zum Spielball der niederländischen Zünfte und ihrer Querelen geworden, ihre zwei wichtigsten Ratgeber hingerichtet. Der französische König hatte sich in Dijon, der Hauptstadt des Herzogtums und eigentlichen Kernlandes Burgunds, bereits huldigen lassen.

Maria war Realistin genug, um zu erkennen, dass der Tod des Vaters nicht überall mit Trauer aufgenommen wurde, allzu viele finanzielle Opfer hatten seine ständigen Feldzüge den Untertanen abverlangt. Was ihr erspart blieb: Zumindest stellte man ihre Regentschaft als Herzogin nicht infrage, man wollte sie nur möglichst machtlos sehen und nahm an, dass sie keinen harten Kurs steuern würde. Sie sollte das hübsche Band eines einheitlichen Burgund sein, das reichte. Die junge Frau war weitgehend auf sich allein gestellt, in einem Mehrfrontenkrieg. Die reichste Erbin Europas, hilflos umlauert. Sie musste ein „Großes Privileg“ unterzeichnen, das dem Einheitsstaat Burgund praktisch den Todesstoß versetzte. Ihre Stellung: Vergleichbar mit der der britischen Königin als Oberhaupt des Commonwealth.

„Den will ich haben.“
Die Krise spitzte sich zu, da schickte sie einen Brief an Maximilian von Habsburg, mit dem sie seit Mai 1476 verlobt war. Das war am 26.März1477, kurz vor zwölf sozusagen, und sie berief sich auf die Abmachung ihres Vaters mit Maximilians Vater Friedrich III.: „Sie dürfen nicht daran zweifeln, dass es, was uns betrifft, meine feste Absicht ist, der Entscheidung meines Vaters zu folgen, und dass es mein Wille ist, Ihnen eine treue Gattin zu sein. Ich bin sicher, dass Sie mir gegenüber dieselben Gefühle hegen.“ Es folgte die Bitte, nicht säumig zu sein. Der Brief gelangte tatsächlich nach Wien, ein Getreuer Marias unternahm es unter Lebensgefahr, ihn ans Ziel zu bringen. Maximilian wollte am liebsten sofort aufbrechen, selbst sein bedachtsamer Vater Friedrich sah sich unter Zugzwang, zumal ein Eilbrief von der Herzoginmutter aus Gent folgte. Doch wie ein Bettler durfte Maximilian nicht erscheinen, es musste ein Gefolge aufgestellt werden, was dauern konnte.

Bereits kurz danach waren Herren aus Wien in Brügge, sie beglaubigten sich bei Maria mit einem Ring, den sie Maximilian als Verlobungsgeschenk gesandt hatte. Sie stand zu diesem Ja-Wort für Maximilian, „den wolle sie haben und keinen andern auff dieser erde“. Die Ehe per procuram (in Stellvertretung) wurde in Brügge und Gent abgeschlossen. Ein deutscher Pfalzgraf stieg als Stellvertreter Maximilians zu Maria ins Ehebett, in silberner Rüstung, das blanke Schwert lag zwischen ihr und ihm, Ehrenwachen standen um sie herum. In Gegenwart der Mitglieder des burgundischen Hofes entblößte der Abgesandte sein Bein bis zum Knie und schob es in das Bett der Herzogin. Mit dieser Zeremonie, damals durchaus üblich, wurde der Beischlaf symbolisch vollzogen, die Ehe galt als besiegelt.

Damit hatte man staatsstreichartig den Wettlauf der Freier gewonnen, ohne dass Maria ihren Ehemann je gesehen hatte, außer auf einem Porträt, auf dem er ihr sehr gefallen hatte. Setzte sie auf die tatsächliche oder ideelle Macht des Hauses Habsburg, das auch den regierenden Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stellte? Hoffte sie so zu verhindern, dass Burgund zerstückelt wurde? Bestand zudem die Möglichkeit, dass Politik und Liebe ein Bündnis eingingen? Hatte sie Abscheu davor, als Zwanzigjährige mit dem siebenjährigen französischen Dauphin verehelicht zu werden? Wie sagte doch Marias erste Kammerfrau d'Halewin unverblümt: Maria brauche einen Mann und kein Kind.

Friedrich III. agierte nun weniger als Kaiser eines großen Reiches, sondern als Chef einer Dynastie. Er trieb in aller Eile Geld auf, um Maximilians Brautfahrt ansehnlich auszurüsten, wieder einmal mussten die Fugger einspringen, Friedrich verpfändete sogar Besitz, um Geld zusammenzukratzen. Wer Burgund imponieren will, darf nicht knauserig sein. Doch es stellten sich gleich nach der Abreise am 21.Mai1477 unvorhergesehene Hindernisse ein. Von Wien ging es über Graz, Salzburg und Frankfurt zunächst nach Köln, Maximilian sammelte auf dem Zug Hochzeitsgeschenke ein. Das Ganze sah nach einem „brautlichen Raubzug“ aus, wie manche vorlaut meinten.

Die Nelke im Korsett.
Er traf am 3.Juli, also erst nach 45 Tagen, in Köln ein, da machte sich schon der Geldmangel bemerkbar, was die Weiterreise um einen Monat verzögerte. So zerrissen wie seine Leute inzwischen daherkamen, konnte er nicht in Gent auftauchen. Also schickte er einen diskreten Bittruf um Subsidien, über heimliche Kanäle natürlich. Es kam auch wirklich Geld, von der Herzoginmutter aus Burgund. Finanzierte sie auf diese Weise die Hochzeitsgeschenke für Maria?

Am 18.August1477, endlich, zog Maximilian im Schein der Abendsonne in Gent ein, sein Einzug in der so rebellischen Stadt wurde bejubelt, die junge Herzogin begrüßte ihn als „edelstes deutsches Blut“. Beide hatten Monate äußerster Anspannung hinter sich. „Glückselig bist du unter den Frauen!“, sprach ein Prälat, mit einer Formulierung, die an die Verkündigung Mariens angelehnt war. Sie antwortete: „Siehe, ich bin eine Magd meines hochgebietenden Herrn.“ Der Erzbischof von Trier soll den schüchternen Bräutigam ermuntert haben, seiner Braut das Korsett zu öffnen, um die an ihrem Herzen verborgene rosa Nelke zu finden.

Schon am nächsten Tag wurde geheiratet, im Schloss Ten Walle von Gent, angesichts der Hoftrauer um den getöteten Herzog in bescheidenem Rahmen. Die Feinde in Frankreich verbreiteten daraufhin das Gerücht von der Armut der habsburgischen Familie. Es sei ein sehr durchsichtiges Spiel, hörte man jetzt öfter: Ein bankrottes Haus reiße das reiche Burgund an sich. Das waren Neider. Das war aber auch die Sorge der burgundischen Räte und sie brachten die Morgengabe zur Sprache. Doch im Versprechen war Maximilian stets unschlagbar.

Das junge Ehepaar begann währenddessen, sich ineinander zu verlieben und die erste Verliebtheit in eine starke und dauerhafte Liebesbeziehung umzuwandeln. An den ohne Zweifel vorhandenen sprachlichen Problemen (Maria sprach kein Deutsch, Maximilian zunächst kein Französisch) scheiterte das nicht. Schließlich konnte man Latein und wechselseitig unterrichteten sich die beiden. Maximilian vergaß seine österreichische Geliebte Rosina von Kraig, Maria war nun für ihn die schönste Frau der Welt.

Das Magazin

Kaiser Maximilian I. Band 10 der Reihe „Presse-Geschichte“

Von Günther Haller

500 Jahre nach seinem Tod erscheint am 6. März 2019 ein reich bebildertes Heft zu Kaiser Maximilian (Gestaltung: Tina Stani, Matthias Eberhart).

Die Themen: Die frühen Habsburger, Vater Friedrich III., Kindheit und Jugend, das reiche Burgund, Maximilian führt 27 Kriege, Ritterideale und Turniere, das Lieblingsland Tirol, die zweite Ehe mit Bianca Maria Sforza, der Kaisertitel, die Heiratspolitik, sein Interesse für Humanismus und Kunst, Hofstaat, Feste und Jagd, was uns das Goldene Dachl erzählt, der inszenierte Tod. Was blieb von ihm?

Bestellbar unter diepresse.com/geschichte, 6,90 € für Abonnenten, sonst 8,90 €, 108 Seiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2019)