Die Oscars im Clinch mit sich selbst

Die „Beste Schauspielerin“ verdrückt ein Tränchen: Olivia Colman begeisterte in „The Favourite“.
Die „Beste Schauspielerin“ verdrückt ein Tränchen: Olivia Colman begeisterte in „The Favourite“.(c) APA/AFP/GETTY IMAGES/Frazer Harr

Die 91. Academy Awards verliefen überraschend frisch – bis der Sieger verkündet wurde. Viele empfinden die Rassismus-Tragikomödie „Green Book“ als rückschrittlich. Es wächst eine Kluft zwischen Alt- und Neu-Hollywood.

„Oh, you can't hear me?“: Als Filmproduzent Charles B. Wessler zu seiner Dankesrede ansetzte, war das Bühnenmikrofon des Dolby Theatre schon abgedreht, die Sendezeit der 91. Oscarverleihung vorbei. Eine logistische Routinemaßnahme mit Symbolcharakter: Es wirkte, als hätte das Publikum längst den Saal verlassen. Denn Wessler zählte zu den überwiegend weißen und männlichen Vertretern von „Green Book“, dem „Besten Film“ des Abends – aus Sicht der progressiv-liberalen Seite Hollywoods alles andere als ein Wunschkandidat für den Academy-Hauptgewinn.

Auf den ersten Blick entspricht Peter Farrellys Dramödie dem gängigen Klischee des warmherzigen, sozial engagierten Oscarpreisträgers. Sie handelt von einem ungehobelten Italo-Amerikaner, der in den 1960ern als Chauffeur bei einem schwarzen Pianisten anheuert (Mahershala Ali erhielt für seine Rolle den Nebendarstellerpreis). Keimende Freundschaft hilft, Rassismus zu überwinden. Doch es ist gerade das gewohnte Strickmuster, das Kritikern sauer aufstößt: „Green Book“ sei eine aus der Zeit gefallene Versöhnlichkeitsfantasie für weiße Zuschauer. Statt Gegenwartsprobleme zu adressieren, würde der Film nur beschwichtigen. Nach der Verleihung brach in US-Sozialmedien ein Shitstorm der Enttäuschung los: Jeder andere der acht Hauptkandidaten wäre Twitter-Land lieber gewesen.

 

Jüngeres Publikum im Visier

Bis dahin schien der Plan der Academy aufzugehen. Sie wollte das Jahr für Jahr altbackener anmutende TV-Event neu ausrichten, um es einem jüngeren (und im Idealfall auch breiteren) Publikum schmackhaft zu machen. Vorab hatten die Organisatoren viel Häme geerntet. Der Versuch, eine Kategorie für den „Besten Populären Film“ einzuführen (und andere in die Werbepausen zu verbannen), stieß auf erfolgreichen Widerstand. Und nach dem Rückzug von Kevin Hart stand die Veranstaltung ohne Moderator da. Schnell zeigte sich: Es geht auch ohne Einstiegsmonolog. Den Startschuss setzte Sonntagnacht eine Queen-Hommage. Gitarrist Brian May und Schlagzeuger Roger Taylor intonierten zusammen mit Freddie-Mercury-Ersatz Adam Lambert die Hymnen „We Will Rock You“ und „We Are the Champions“. Der Starpulk klatschte mit. Im Kontext der Oscars als Selbstfeier Hollywoods grenzte das an Realsatire. Doch als Einstiegswürdigung des Megablockbusters „Bohemian Rhapsody“ (dessen Hauptdarsteller Rami Malek eine Schauspieltrophäe einheimste) signalisierte der Auftritt Volksnähe.

Auch politisch sprach das Event für sich selbst, statt auf Hashtags und pathetische Gesten zu setzen. Die Diversität auf der Bühne war auffällig, aber nicht aufdringlich. Javier Bardem spielte in seiner Muttersprache auf Trumps Mauerbau an, auch Preisträger wechselten wiederholt ins Spanische.

Zudem schien schlicht mehr Leben in der Dolby-Bude. Die Komödiantinnen Tina Fey, Maya Rudolph und Amy Poehler amüsierten mit selbstironischen Eröffnungsworten. Lady Gaga und Bradley Cooper sangen den Schlager „Shallow“ aus „A Star is Born“ Backe an Backe. Weit mehr Dankesreden als üblich berührten mit nahbarer Nervosität. Hannah Beachler, Produktionsdesignerin für den afro-futuristischen Superheldenfilm „Black Panther“, scheiterte vor lauter Lampenfieber fast daran, ihre Rede am Handy zu finden. Olivia Colman, für ihre Rolle in „The Favourite“ als „Beste Darstellerin“ prämiert, verzückte den Saal mit einer wundersamen Mischung aus aufgewühltem Gestammel und trockenem Humor. Selbst die Ästhetik der Veranstaltung gab sich leidenschaftlicher als gehabt: Rot war die Primärfarbe des Abends, sie strahlte von Kleidern, Kuverts und vom rosenbestückten Dekor. Da ließ man den Gefühlen gern freien Lauf: Als Samuel L. Jackson der Black-Cinema-Legende Spike Lee einen Drehbuch-Oscar überreichte, erntete er einen Umarmungssprung.

 

Favorit „Roma“: Drei Oscars als Trost

Im Laufe des Abends stieg die gute Stimmung immer weiter an. Dann aber gewann „Green Book“ – und brachte den Ballon zum Platzen wie ein fieser Plot-Twist. Der Sieg erinnerte an den Unterschied zwischen medienwirksamer Image-Kosmetik und tatsächlichem Strukturwandel. Auch wenn es das neue, aufgeklärte Hollywood irritiert: Das alte hält immer noch die Stimmenmehrheit, und es hat kein Problem mit Versöhnungskitsch. Selbst nach der selbstverordneten Verjüngungskur per Aufstockung der Wählerschaft spürt man die Traditionsverbundenheit der Academy. Fraglich, ob wütende Tweets das ändern werden.

Ironischerweise hätte ein Triumph von Alfonso Cuaróns Mexiko-Epos „Roma“ (dem eigentlichen Favoriten des Abends, der mit drei Goldjungen bedacht wurde) zu einer anderen, aber ähnlich gelagerten Kontroverse geführt: Als Netflix-Produktion wäre er ins Kreuzfeuer der Gegner und Befürworter des industrieweiten Streaming-Paradigmenwechsels geraten. Auch hier geht es letztlich um „alt“ gegen „neu“. Aus progressiver Perspektive haben sich die jüngsten Oscars mit dem Hauptpreis selbst ins Knie geschossen. Doch als Medienevent profitieren sie vom Backlash. Denn wie auch immer man zu „Green Book“ stehen mag – die Aufregung rund um seine Auszeichnung impliziert vor allem eines: Anscheinend ist es immer noch nicht egal, wer in Los Angeles gewinnt.