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Stadtbild: Wie tröstlich wär's, ein Lurch in der Lobau zu sein!

Amphibienschutz: Marchfeldschutzdamm bei Mühlleiten.
Amphibienschutz: Marchfeldschutzdamm bei Mühlleiten.Wolfgang Freitag

(Noch) kaum Schneeglöckchen, dafür Amphibienschutzzäune: ein Besuch an der Stadtgrenze.

Alljährlich in diesen Tagen geht hierorts ein Syndrom um, dessen Symptomatik sich in massenhaften Aufbrüchen Richtung Donauauen äußert, woselbst sich Menschentrauben rund um vergleichsweise mickrige Kräuter aus der Familie der Amaryllisgewächse bilden. Diese bescheidenen Pflänzchen, Botanikern unter der Bezeichnung Galanthus nivalis geläufig, und die mit ihrer Blütezeit regelmäßig zusammenfallende Galanthus-nivalis-Manie, auch als Schneeglöckchen-Koller bekannt, führen bei jedweder Verhinderung, dem kaum widerstehbaren Drang ins erste Grün zu folgen, zu bedenklichen Entzugserscheinungen, weshalb auch ich vergangenes Wochenende Richtung Au aufbrach, um den peinigenden Drang zu befriedigen.

Die Sensationen, die mir begegneten, waren freilich ganz andere als gedacht. Dort nämlich, unweit der Wiener Stadtgrenze, nächst Mühlleiten, sah ich mich, den Marchfeldschutzdamm querend, keineswegs den jahreszeitüblichen Schneeglöckchenfeldern gegenüber – der Wiener Winter scheint doch grimmer gewesen zu sein als gedacht. Dafür zogen sich dies- wie jenseits der Dammkrone halbmeterhohe grüne Plastikbänder entlang, deren Zweck zunächst kaum verständlich schien: ihrem Äußeren nach ähnlich Amphibienschutzzäunen an Straßenrändern – doch da ist keine Straße weit und breit.

Klärung verschaffte mir eine E-Mail an die Dammverantwortlichen von Via Donau. Prompte Antwort: Auch hier gelte es Amphibien zu schützen, und zwar vor den Baumaßnahmen zur Dammsanierung. Und nicht nur hier, sondern auf fast der gesamten Dammlänge, knapp 80 Kilometer. So verlange es das Naturschutzrecht. Nicht dass ich mit meinem Los als Homo sapiens uneins wäre. Aber wär's nicht manchmal tröstlich, sagen wir als Fußgänger im Verkehrstoben Wiener Straßen, umsorgt wie ein Lurch in der Lobau zu sein?

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2019)