Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

ÖBB: Jede fünfte Schiene ist reif für den Schrottplatz

oeBB Jede fuenfte Schiene
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Laut Rechnungshof investieren die ÖBB zu wenig in die Netz-Instandhaltung. Der Zustand des Schienennetzes hat sich zwischen 2005 und 2009 deutlich verschlechtert.

Wien (jaz). In der heimischen Bundesbahn wird nach Ansicht von Kritikern zu viel Energie auf politische Grabenkämpfe und das Aufräumen verschiedenster Skandale verwendet, anstatt sich um das Kerngeschäft zu kümmern. Diese Kritiker dürften sich durch den jüngsten Rechnungshofbericht bestätigt fühlen. Denn aus dem geht hervor, dass sich der Zustand des Schienennetzes zwischen 2005 und 2009 deutlich verschlechtert hat. Die Zahl der Streckenabschnitte, auf denen aus Sicherheitsgründen nicht mit voller Geschwindigkeit gefahren werden darf, hat sich in diesem Zeitraum um 65 Prozent auf 336 erhöht. Der Grund dafür ist laut Rechnungshof, dass die ÖBB zu wenig Geld in die Instandhaltung investieren und die internen Prozesse teilweise zu umständlich sind.

Mit 19 Prozent hat fast jeder fünfte Schienenkilometer des 7200 Kilometer langen Netzes seine „technische Nutzungsdauer bereits überschritten“, schreibt der Rechnungshof. Da sich zwischen 1997 und 2008 auch die Transportleistung der Bahn um 45 Prozent erhöhte, „entsprechen eine Reihe von Anlagen nicht mehr den gestiegenen Anforderungen.“ Diese müssen daher ausgetauscht werden oder können nur noch mit reduzierter Geschwindigkeit befahren werden. Bei den ÖBB entschied man sich zuletzt immer häufiger für die zweite Variante. Waren 2005 noch 273 Kilometer sogenannte „Langsamfahrstellen“, erhöhte sich diese Zahl bis zum Vorjahr auf 395 Kilometer – 5,5 Prozent des gesamten Netzes.

Das hatte naturgemäß auch starken Einfluss auf die Pünktlichkeit der Bahn. So stieg die Summe aller Verspätungen von 575.000 Minuten im Jahr 2005 bis 2008 auf 742.000 Minuten an. Darin sind zwar auch Verspätungen wegen Bauarbeiten oder Störungen enthalten. Fast 40 Prozent aller Verspätungen hängen jedoch mit Strecken zusammen, die aus Sicherheitsgründen nicht mit voller Geschwindigkeit befahren werden können. Den Eisenbahnverkehrsunternehmen (ÖBB-Töchter für Personen- und Güterverkehr sowie private Güterbahnen) entstand dadurch ein Schaden von rund 41 Mio. Euro pro Jahr.

 

„Ausreichende Mittel“

Bei den ÖBB rechtfertigt man sich damit, dass 70 Prozent des Schienennetzes noch aus der Zeit der Monarchie stammen würden und vor allem in den 80er- und 90er-Jahren zu wenig in die Instandhaltung investiert worden sei. Zudem seien auch die vom Infrastrukturministerium zur Verfügung gestellten Mittel „unterhalb des errechneten Instandhaltungsoptimums“ gelegen.

Eine Argumentation, die der Rechnungshof nicht gelten lässt. Laut ihm hat die Bahn „ausreichend Mittel“ zur Verfügung gehabt. Pro Jahr erhält die Bahn etwa eine Mrd. Euro für den Betrieb des Schienennetzes. Darüber hinaus gab es jährlich zwischen 1,4 Mrd. und 2,2 Mrd. Euro für den Bau neuer Streckenabschnitte. Allerdings seien Mittel aus dem Topf für den Erhalt des bestehenden Netzes für Neubauten verwendet worden, kritisiert der Rechnungshof.

Zudem hätten „träge und mehrstufige Prozesse“ verhindert, dass „mehrere Anlagen trotz erkannter Notwendigkeit nicht zeitgerecht erneuert werden konnten“, heißt es im Rechnungshofbericht. Dies führte dazu, dass betroffene Streckenabschnitte im Durchschnitt erst nach zweieinhalb Jahren repariert oder ersetzt wurden. Ein Drittel aller „Langsamfahrstellen“ bestand sogar länger als drei Jahre. Der Rechnungshof fordert von den ÖBB daher eine „Straffung der Prozesse“. Laut der Bahn ist dies durch die jüngst erfolgte Zusammenlegung der beiden Infrastrukturgesellschaften bereits geschehen.

 

ÖBB wollen in Bayern fahren

Auch angesichts der jüngsten Kritik am Schienenverkehr in Österreich wollen die ÖBB ihre Expansion im Ausland weiter vorantreiben. So bestätigte die Bahn einen Bericht des „Münchner Merkur“, wonach sie sich um den Betrieb der Strecke zwischen München, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck ab 2014 beworben hat. Man wolle bei der bevorstehenden Bahnliberalisierung „nicht untätig sein“. Es wäre dies das erste Mal, dass sich die ÖBB in Deutschland engagieren. Es soll jedoch keine „Kampfansage“ an die Deutsche Bahn sein.

Auf einen Blick

Laut Rechnungshof hat sich das Netz der ÖBB in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Mussten 2005 die Züge noch auf 273 Kilometern aus Sicherheitsgründen langsamer fahren, erhöhte sich diese Zahl bis 2009 auf 395 Kilometer – 5,5 Prozent des gesamten Netzes. Der Grund dafür sind zu geringe Investitionen und „träge Prozesse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16. April 2010)