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Polen: „Das wird die Nation tief entzweien“

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(c) Reuters (Filip Klimaszewski)
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Beisetzung des Ehepaars Kaczyński auf Wawel in Krakau spaltet Gesellschaft. Nicht nur im Internet wird die Beisetzung auf dem Hügel der "Helden Polens" heftig kritisiert.

Warschau. Zweihundert Meter in einer Stunde. Marek Stenska hat die Strecke über die GPS-Ortung in seinem Handy genau vermessen. Mit dieser Geschwindigkeit bewegt er sich in der Schlange, die sich vor dem Sarg Lech Kaczyńskis gebildet hat. Der Student rechnet damit, noch drei Stunden anzustehen und dann sein Ziel erreicht zu haben: den Präsidentenpalast in Warschau, wo der verunglückte polnische Staatschef und seine Frau Maria aufgebahrt sind. „Ich bin kein Fan von Kaczyński“, sagt Marek, aber der Absturz in Smolensk mit 96 Toten sei eine nationale Tragödie.

An der Jacke des jungen Mannes prangt ein kleiner, selbst gebastelter Sticker. „Wawel“ steht darauf. Doch das Wort ist mit einem dicken roten Balken durchgestrichen. Seiner Meinung nach habe Kaczyński es nicht verdient, am Sonntag in der Kathedrale in Krakau beigesetzt zu werden. „Dort liegen die Helden Polens“, sagt er. Aus diesem Grund ist Marek Mitglied einer Gruppe auf dem Internetportal Facebook, die sich gegen die Beisetzung des Ehepaars Kaczyński in der Wawel-Kathedrale in Krakau formiert hat. Über 40.000 Personen haben sich dort bereits angemeldet.

 

„Katyn“-Regisseur warnt

Noch nie hatte in Polen im Internet eine Gruppe einen so großen Zulauf. Aber die letzte Ruhestätte Kaczyńskis ist ein Thema, das viel Sprengstoff birgt. Der Oscar-prämierte polnische Filmregisseur Andrzej Wajda, der seit seinem Film „Katyn“ noch mehr Ansehen in seiner Heimat genießt, warnte in einem offenen Brief, dieser Beschluss werde „die Nation entzweien wie keine andere Entscheidung seit 1989“.

Der im 14.Jahrhundert erbaute Dom auf dem Krakauer Wawel-Hügel war Krönungs- und Grabesstätte der Könige Polens. Dort liegen die Männer und Frauen, die Großes für Polen geleistet haben. Angesichts dieser gewaltigen Dimension haben viele Polen große Zweifel, ob Kaczyńskis letzte Ruhestätte tatsächlich in Krakau sein muss. Denn zu Lebzeiten galt er als kleingeistiger Blockierer, hatte den Spitznamen „Veto-Präsident“.

Jaroslaw Kaczyński, der Zwillingsbruder des Präsidenten, erscheint das geschichtsträchtige Grab allerdings angemessen. Die beiden sendungsbewussten Politiker haben immer angedeutet, dass sie Historisches für Polen geleistet hätten – nämlich die Reinigung des Landes von den letzten Kommunisten. Vertreter der nationalkonservativen Kreise vertreten die Ansicht, dass die große historische Tragweite dieser Politik erst in einigen Jahren erkannt werde.

Über das Grab entscheidet am Ende allerdings die Kirche, und deren Vertreter wollen den strengen Katholiken Lech Kaczyński auf dem Wawel zur letzten Ruhe betten. Kommentar, Seite29

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16. April 2010)