Die Handschrift stirbt aus

„Mikrogramme“. Das Schreiben ist für Friedrich Cerha ein ­organisches Geschehen.
„Mikrogramme“. Das Schreiben ist für Friedrich Cerha ein ­organisches Geschehen.(c) Copyright 1963 by Universal Edition A.G., Wien/UE13676

Auch in der Musik übernimmt der Computer die Notation. Doch es gibt Ausnahmen.

Jahrzehntelang hat er mit Tusche auf Transparentpapier riesige Partituren geschrieben – etwa seine legendäre „Spiegel"-Partitur. Friedrich Cerhas monumentales Orchesterstück – 1996 bei den Salzburger Festpielen zu erleben – wurde 1960/61 komponiert, die Herstellung der Reinschriften erstreckte sich bis 1971. Die Bögen sind einen Meter lang. „Die Partituren sind in meiner Handschrift in Druck", erzählt der Komponist, seit Kurzem 93  Jahre alt und nach wie vor am Arbeiten. „In den 1990er-Jahren bin ich auf Bleistift umgestiegen, das geht einfacher und man kann auch radieren. Bei Tusche musste ich Änderungen immer mit einer Rasierklinge auskratzen, das war schon aufwendig." Der Umstieg auf den Computer war für ihn nie ein Thema. „Die Unmittelbarkeit ist mir wichtig. Zwischen Kopf und Niederschrift soll möglichst wenig sein", berichtet der Doyen der österreichischen Komponisten. „Beim Schreiben handelt es sich um ein Tun, um eine organische Lebensäußerung, das vermittelt mir ein Erleben, das ich am Computerbildschirm nicht habe." Auch beim Dirigieren griff Cerha lieber auf Kopien seiner Handschriften zurück als auf die gedruckten Partituren. „Denn das Bild war mir vertraut, im Druck sind die Seiten anders."

„Die Weiden“. Johannes Maria Staud ist ein akribischer und sorgfältiger Schreiber.
„Die Weiden“. Johannes Maria Staud ist ein akribischer und sorgfältiger Schreiber.(c) die Presse (Carolina Frank)

Fixieren auf Leinwand. Viele Komponisten gibt es nicht mehr, die heute noch per Hand arbeiten. Kompositionsprogramme wie Sibelius vereinfachen den Vorgang. Orchesterstimmen können damit parallel eingegeben und gleich angehört werden. Sowohl der Notensatz als auch die Sound-Dateien lassen sich unkompliziert verschicken. Und die Richtlinien der Musikverlage verlangen digitalisierte Partituren. Aber natürlich gibt es Ausnahmen: Friedrich Cerha und Wolfgang Rihm schreiben noch mit der Hand, aber auch der junge Komponist Johannes Maria Staud, dessen Oper „Weiden" im Dezember in der Wiener Staatsoper uraufgeführt wurde. „Ich bin einer der Letzten, der sich das noch leistet, mit der Hand zu schreiben", erzählt Staud. „Für mich ist das handschriftliche Schreiben wie ein Fixieren auf einer Leinwand." Was bei Stauds Partituren auffällt, ist die ex-treme Sorgfalt, das ästhetische Schriftbild. „Ich mache zuerst eine Rohfassung, die ich dann noch in eine Schönschrift übertrage. Dieser Vorgang ist für mich noch mal ein kreativer Prozess, ich ändere Dinge in der Schönschrift noch einmal ab. Vor allem bei größer besetzten Werken ist die Schönschrift natürlich ein zeitintensiver Prozess, den ich aber liebe", sagt Staud. Der Komponist, der auch am Mozarteum Komposition lehrt, verteufelt aber keineswegs den Computer. „Die Notationsprogramme haben Vor- und Nachteile. Sonderzeichen wie Flageoletts sind aufwendig zu machen, da muss man das Programm schon sehr gut kennen. Georg Friedrich Haas ist ein Komponist, der sehr gut mit dem Programm umgeht."

„Scattered Light“. In der Partitur hat Staud eigene Symbole entworfen (hier etwa für Schlagzeug).
„Scattered Light“. In der Partitur hat Staud eigene Symbole entworfen (hier etwa für Schlagzeug).(c) Johannes Maria Staud, Scattered Light: © 2018 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Variable Musik, Mobiles. Staud selbst simuliert manchmal elektronische Klänge am Rechner. Dennoch fände er es traurig, wenn die Individualisierung von Handschriften verloren ginge. Und: „Notationen entwickeln sich oft utopisch." Wie etwa die grafische Notation, die zusätzlich zu den herkömmlichen Elementen der Notenschrift oder anstelle derselben andere Symbole und Texte (teilweise auch Farben) verwendet, um die Ausführung eines Musikstücks zu beschreiben. Ein Vertreter davon ist Roman Haubenstock-Ramati, der „variable Musik" bzw „Mobiles" entwickelte, bei der die musikalische Struktur im Ermessem der Interpreten verändert werden kann. „Haubenstock-Ramati ist von grafischen Vorstellungen ausgegangen. Und er wollte a priori etwas offenlassen", sagt Cerha. Auch John Cage komponierte so: Die Partitur von „Fontana Mix" besteht aus zehn Seiten mit jeweils sechs unterschiedlich geschwungenen Linien und zehn durchsichtigen Folien mit frei angeordneten Punkten. Cage stellt damit nur noch allgemeine Regeln bereit, nach denen die Interpreten die Musik überhaupt erst komponieren bzw. improvisieren. Auch Staud hat in „Scattered Light" eine eigene Notation („Space Notation") für „unbalanciertes und undirigiertes Orchester" entworfen.

„Think, Think Lucky“. Roman Haubenstock-Ramatis Stück für „Stimme und 8 Instrumente“, UE.
„Think, Think Lucky“. Roman Haubenstock-Ramatis Stück für „Stimme und 8 Instrumente“, UE.(c) Roman Haubenstock-Ramati „Credentials or „Think, Think Lucky"|für Stimme (Sprechgesang) und 8 Spieler"

Der Komponist sieht den Verlust der Handschrift nicht als Untergang des Abendlands. „Das Buch, die CD verschwinden, aber es werden neue Methoden gefunden, um Aufnahmen oder Inhalte zu verbreiten. Gute Musik wird weiter entstehen – ob am Computer oder mit der Hand."

Tipp

Live. Am 21. März sind Cerhas „Fünf Sätze für Violoncello und Klavier" im Musikverein zu hören. Am 30. Mai ist im Stift Ossiach die ­Uraufführung der „Mikrogramme". Stauds „Zehn Miniaturen für Klaviertrio" werden am 28.3. im Musikverein gespielt.