Warum E. T. A. Hoffmann so seltsam wurde

Hoffmann als Erwachsener (links) mit dem personifizierten Feuer (Ilona Revolskaya) und als Kind.
Hoffmann als Erwachsener (links) mit dem personifizierten Feuer (Ilona Revolskaya) und als Kind.Kammeroper

Kritik Die Kammeroper kombiniert spannend Ravels „L'enfant“ mit Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“.

Wie wurde aus Offenbachs „Hoffmann“ ein derart wunderlicher Charakter? Wie lässt sich sein Schicksal besser erklären? Geht es nach der neuen Kammeroperproduktion, so liegen die Wurzeln des eigentümlichen Verhaltens in seiner Kindheit einerseits, im Konsum von Rauschgift und Alkohol andererseits.

Ausschließlich der Olympia-Akt von Offenbachs Oper kommt hier zur Aufführung und wird mit Ravels „L'enfant et les sortilèges“ fusioniert. Eine einleuchtende Kombination, einerseits, weil so dem Jungen Ensemble des Theaters an der Wien die Möglichkeit geboten wird, in Rollen aufzutreten, in denen sie großteils brillieren können, ohne die gesamte Oper Offenbachs präsentieren zu müssen – zumal diese ohnehin als Torso hinterlassen wurde und deren Binnenakte somit auch losgelöst bestehen können. Andererseits und vor allem erschließt sich dem Besucher die Verbindung mit Ravels in Musik gefasstem Alptraum in der Regie von Barbora Horáková Joly.

 

Hoffmann als zorniger kleiner Bub

Hoffmann darf schon von Anfang an als stummer Herumirrender dabei sein, er gerät in einer Art Prolog, begleitet von der Musik einer Spieluhr, auf den Rummelplatz. Gegen bare Münze öffnet sich der Vorhang des „Peep-O-Ramas“, Hoffmann wird förmlich in eine Szene seiner Kindheit hineingezogen und Ravels „L'enfant“ setzt ein. Ein kleiner Bub, sichtlich Hoffmann in früheren Jahren, wütet und lässt seinen Zorn an Gegenständen und Tieren aus. Plötzlich beginnen diese sich zu wehren, begleitet von Ravels Stilpotpourri samt häufigen Farb- und Harmoniewechseln, Flatterzungen- und Windmaschinenspiel.

Höchst fantasievoll hat Horáková Joly hier als Episodenspiel in Szene gesetzt, wie alle Malträtierten zurückschlagen, vom sich nervös putzenden Eichhörnchen über die vom Ast hängende Fledermaus bis zum Zunge zeigenden Frosch, aber auch die personifizierten Arithmethik-Aufgaben.

Hoffmann, der während all des bunten Treibens ab und an einen Schluck aus dem Flachmann genommen hat, ist somit schon betrunken, als der Olympia-Akt einsetzt, der – so wird schnell klar – auch losgelöst und kammerspielartig funktioniert. Als „Zauberaugen“, die Coppélius Hoffmann überreicht, dient ein berauschendes Pulver. Was Wunder also, dass dieser nicht erkennt, dass seine Angebetete eine Puppe ist.

Ilona Revolskayas Verkörperung der Olympia legt die Vermutung nahe, dass auch ihr Können ausschlaggebend für die Programmierung war. Wie sie in der berühmt-berüchtigten Arie nicht nur höchst puppenhaft wirkt, sondern vor allem herrliche Koloraturen präsentiert, beeindruckt sehr. Aus dem Jungen Ensemble des Theaters an der Wien stammt auch Tatiana Kuryatnikova, die bei Ravel als Kind darstellerisch punkten kann, wenn sie zwischen Begeisterung, Übermut, Angst und Enttäuschung schwankt – und dem Frust, den Alptraum selbst provoziert zu haben. Mit leuchtenden Tönen gefällt sie dann im Olympia-Akt als Muse. Mit herrlich vollem Klang und starker Präsenz ragt als Gast Quentin Desgeorges in der Rolle des Hoffmann heraus. Spiel- und experimentierfreudig kombinieren Raphael Schluesselberg und das Wiener Kammerorchester die zwei Werke: ein stimmiger, stringenter Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2019)