Schnellauswahl

„Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“: So war sie, die Nachkriegskindheit

Für seine Angebetete reist Paulchen zum Mond – oder tut wenigstens so (Valentin Hagg).(c) Filmladen
  • Drucken

KritikRupert Henning hätte André Hellers feines Buch „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ mit mehr Surrealismus ausstatten dürfen. Valentin Hagg begeistert als Büblein.

Ein stattlicher Mann, ein bisschen korpulent, blickt lächelnd in die Kamera, neben ihm ein kecker Knabe: André Heller und sein Vater – in der Dokumentation „Die Jahrhundertfrau“ über Hellers Mutter, Elisabeth, die 2018 kurz vor ihrem 104. Geburtstag gestorben ist. Zu sehen ist der Film in voller Länge auf YouTube.

Das Denkmal, das Heller vor zehn Jahren in dem Buch „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ seinem Papa setzte, würde Stephan Heller (1895–1958) empören. Der Kontrast zum freundlichen Foto könnte kaum größer sein – aber der Vater aus dem Buch, Roman Silberstein, ist auch nicht derselbe wie der echte: „Die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie“, notierte Heller zu Beginn des schmalen Romans – dem 2016 das epische „Buch vom Süden“ folgte.

Beide Werke werden gern als Geschichten vom jüdischen Bürgertum gelesen, da ist etwas Wahres dran, aber es sind auch Bücher über das Bürgertum im Allgemeinen, gelenkt von der Religion, dem Katholizismus und einem machtvollen Patriarchat.

Rupert Henning hat „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ nun verfilmt. Wir sehen Paul, den Sohn des reichen Süßwarenfabrikanten – den zwei Weltkriege jeglicher Illusion beraubten – im Internat, von Priestern geschunden, einem wirft Paul voll Wut einen Fetzen mit dem Erbrochenen seines Mitschülers ins Gesicht. Ein symbolhafter Moment, Pauls Vater musste vor seiner Flucht noch als Jude die Straße bürsten. Ein Lehrer, der einem Jungen aus jüdischem Milieu nach dem Krieg befahl, den Boden aufzuwischen, konnte nur ein Nazi sein.

Man hört es nicht gern, aber in den (katholischen) Schulen der Sechziger- und Siebzigerjahre gab es diese Polarisierungen, etwa zwischen Ex-Nazis und katholischem Widerstand. Die 1968er-Revolte fegte einiges hinweg, auch vom Muff unter den Talaren . . .

 

Warum wurde das Gasthaus gestrichen?

Hennings Film wirkt tragischer als das Buch, das auch komische Passagen hat, zum Beispiel den Besuch Pauls mit Köchin Berta im grottenbahnartigen Gasthaus Urdil, diese hinreißende Episode wurde gestrichen. Dafür ist Henning für das Treffen Pauls mit seinem „sehr verehrten Fräulein“, wie er in Briefen schreibt, etwas Besonderes eingefallen, was auf die Zukunft Pauls als Kunstentertainer zwischen Feuerwerk, Zirkus und Varieté verweist. Valentin Hagg erfreut als poetischer Bub, der Lehrer und Angehörige in Erstaunen und Entsetzen versetzt. Wie er scheinbar lammfromm in kurzen Hosen vor dem Kreuz steht, wie er vom Dach fällt bei dem Versuch, seiner angebeteten Leonore per Papierflieger Botschaften zukommen zu lassen, wie er mit seiner schönen Mama (Sabine Timoteo) auf der Terrasse tanzt, Hagg ist zwar ein anderer Typ als Heller, viel bodenständiger, aber er überzeugt.

 

Schematisch: Karl Markovics als Irrer

Mit allzu realistischer Wucht hat Henning den Vater erfasst, den Karl Markovics als einen irren, geheimnislosen Teufel zeigt, da fehlen Differenzierung und Grandezza. Henning wollte die Geschichte von der Heller-Story abrücken. Das ist misslungen. Er folgt Heller sklavisch, eine Prise Ambivalenz (oder Augenzwinkern) wäre vorteilhaft gewesen, weil abgesehen von den Kriegsereignissen dieser Typus ein geläufiger ist: der Vater, der selbst ein mehr oder weniger geheimes Lotterleben führt, seine Familie aber extrem repressiv behandelt und ihr überkommene Moralvorstellungen aufzwingt.

Der Film ist bis in kleinere und kleinste Rollen markant besetzt: Gerti Drassl als Nonne, Robert Seethaler als Generalpräfekt, Udo Samel als einer der bizarren Onkel oder Marianne Nentwich als Tante Tuva, das sind schöne Farben für dieses Gemälde – in dem auch das luxuriöse Ambiente (Alt-Hietzing) eine große Rolle spielt. Das Buch ist trotzdem besser, nicht zuletzt, weil es ein Sprachmuseum darstellt, vom „Knödelreiter“ bis zur „Badhur“. Nebenbei zeigt es eine Oberschicht, der Demokratie und sozialer Ausgleich mehr als fremd waren. „Lieber tot als rot“: Ein gern ausgesprochener Satz in besseren Kreisen bis in die Kreisky-Zeit.

Mit über zwei Stunden ist der Film recht lang, aber nicht zu lang geraten. Manche Bilder erinnern an Visconti, anderes an Herzmanovsky-Orlando in dieser Geschichte zwischen Nachtmahr und Coming-of-Age.
Alles in allem: Sehenswert für Freunde des Kunstfilms, es gibt von diesen verträumten Kreationen zu wenige. Das zeigt sich schon im Vergleich zu dem netten, aber auch allzu schlichten Konkurrenzprodukt zum Thema Nachkriegszeit: „Der Junge muss an die frische Luft“ nach Harpe Kerkelings Memoiren wirkt aufmunternder, ist aber weniger kostbar angelegt als „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“. Der Titel verweist übrigens auf Esoterikliteratur über das sogenannte innere Kind, das freilich, wie man auch hier sieht, eher anarchisch eingestellt und wenig alltagstauglich ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2019)