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Zwischen Hollywood und Musikverein: André Previn ist tot

Pianist, Komponist, Dirigent: André Previn
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Eine Zeitlang gehörte Previn zu den wichtigsten Maestri der Wiener Philharmoniker - doch er war ein außergewöhnliches Multitalent, weltberühmt als Unterhaltungs- und Filmmusiker.

Von einem deutschen Musiker müsste man jetzt erzählen dürfen. Aber in der Geschichte gibt es kein „Wenn“. Aus dem gebürtigen Berliner Andreas Ludwig Priwin musste ein André Previn werden. Das Schicksal hat es der Familie Priwin ermöglicht, mit ihren drei Kleinkindern zu Verwandten in die USA zu flüchten, als der NS-Terror anhob. Das Umfeld, in dem der Jüngste damals aufwuchs, war so künstlerisch-großzügig und offen für alle kulturellen Strömungen, wie man es in Berlin gepflegt hatte.

Nur, dass der American Way of Life das Tempo vorgab und die Offenheit noch Dimensionen hinzugewann, von denen man in Deutschland – nicht nur damals – nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Ein Onkel war Musikdirektor in Hollywood

So wurde aus dem talentierten Burschen, dem der Vater, ein Rechtsanwalt, zunächst häuslichen Musikunterricht gegeben hatte, ehe er auf der Flucht sogar ein Jahr lang in Paris studieren durfte, ein waschechter Vertreter der US-amerikanischen Musikszene. Die dazu nötige Vielseitigkeit und Wendigkeit lernte André Previn unter den Fittichen seines längst in Amerika sesshaften Onkels kennen. Der war Musikdirektor von Universal in Hollywood.

Als er mit der dort gepflegten Film-Soundtrack-Mixtur aus Ablegern der europäischen „Klassik“-Tradition und afroamerkanischem Musiziergeist konfrontiert wurde, war der nachmals weltberühmte Spross der Priwin-Familie acht oder neun Jahre alt.

Lernte von Jazz- und Filmmusikern

Genau lässt sich das nicht sagen, denn die Vertriebenen hatten keine Gelegenheit bekommen, ihre persönlichen Dokumente aus Deutschland mitzunehmen. Man hatte alles zurücklassen müssen.

Der vermutlich 1929 geborene André Previn, wie er auf den Abendprogrammen bald nur noch genannt wurde, entwickelte sich aus eigenem Antrieb zum virtuosen Pianisten, Arrangeur und Komponisten. Eine musikalische Ausbildung hatte er nur rudimentär auf Konservatorien erhalten, aber in der Praxis nicht zuletzt durch Auftritte mit amerikanischen Jazz-Musikern erworben. Und an den Schneidepulten Hollywoods, wo er altgedienten Filmmusik-Profis wie Miklós Rozsa über die Schulter schauen durfte, um bald selbst seine punktgenau auf Filmsequenzen zugeschnittenen Ton-Clips herzustellen.

Dergleichen gelang ihm, da waren sich die Beobachter einig, in staunenerregender Geschwindigkeit. Previn, dessen Leidenschaft fürs Musikmachen in frühester Jugend mit fanatischem Klavierüben einhergegangen war, vermochte auch stimmungsvolle Klangbilder improvisierend am Flügel zu malen, aber ebenso mühelos heikle Partituren nach kurzem, kritischen Blick präzis vom Blatt zu spielen.

Erhielt als erster Jazzer "goldene Schallplatte"

Als erster Jazzer, der je eine „goldene Schallplatte“ erhielt, war er bald gesucht und durfte Größen wie Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald oder Billie Holiday seine Partner nennen. Ende der Vierzigerjahre schrieb er seine ersten Film-Scores („Gigi“, 1958, „Eins, Zwei Drei, 1961), für die er im Laufe der Zeit vier Oscars erhielt. Für die Aufnahmen von Film-Soundtracks stand Previn auch das erste Mal als Dirigent vor einem Orchester.

Damit begann die „andere“ Karriere dieses Multitalents. Den Maestro Previn nahm man dann auch in Europa wahr. Die Orchester liebte es, mit einem Musikanten zusammenzuarbeiten, der einer der Ihren war – und seine Autorität auf eine vollkommen natürliche Weise ausübte, weil er mit großen Ensembles so flexibel und selbstverständlich zu kommunizieren wusste wie mit den handverlesenen Partnern in einer Jazz-Band. Man verstand sich durch Augenkontakt und kleinste Gesten – und ließ die Musik strömen.

Der Weg zum "klassischen" Dirigenten

So wurde der längst weltberühmte Unterhaltungs- und Filmmusiker zum „klassischen“ Dirigenten, übernahm Führungsfunktionen in den USA, aber auch bei London Symphony und Royal Philharmonic; und wurde eine Zeitlang zu einem der wichtigsten Maestri für die Wiener Philharmoniker, die in kameradschaftlicher Atmosphäre manches Großprojekt mit ihm realisierten, unter anderem eine Richard-Strauss-Serie, die zu den Pioniertaten der digitalen Aufnahmetechnik zählt.

Fünfmal war Previn verheiratet, die von der Regenbogen-Presse am meisten ausgeschlachtete Verbindung war jene mit Mia Farrow. Die Ehe mit Dory Langdon verband das Privatleben mit dem Pop-Geschäft, jene mit Anne-Sophie Mutter mit dem Klassik-Jet-Set. Komponiert hat Previn für beide Welten, auf der „ernsten“ Seite der schöpferischen Bilanz stehen unter anderem eine hochkomplexe Cellosonate und manch kammermusikalische Gemme für Mutter, mit der er auch via CD demonstrierte, dass es in seiner künstlerischen Welt keine Grenzen gab, nur gute Musik, für die man sich mit Engagement einzusetzen hatte, sei das Violinkonzert nun von Beethoven oder Erich Wolfgang Korngold . . .

Am 28. Februar ist André Previn wenige Wochen vor seinem (vermutlich) 90. Geburtstag in New York gestorben.