Auch ohne Religion Werte vermitteln

Der Ethikunterricht soll Orientierung geben, ohne die Schüler in eine bestimmte Richtung zu zwingen.
Der Ethikunterricht soll Orientierung geben, ohne die Schüler in eine bestimmte Richtung zu zwingen.(c) Pixabay/Greg Montani

Ethik. Wer sich vom Religionsunterricht abmeldet, soll in Zukunft Ethik gelehrt bekommen. Universitäten rüsten sich mit entsprechenden Masterstudien.

Julia Straub-Eichinger unterrichtet an zwei niederösterreichischen Schulen – in Biologie und eine siebte Klasse in Psychologie und Philosophie. Da sie sich schon im Zuge ihrer Diplomarbeit mit tier- und ökologieethischen Fragestellungen befasst hat, reagierte sie schnell auf den Vorstoß von Minister Heinz Faßmann, Ethikunterricht an Schulen zu bringen. Trotz des hohen Arbeitspensums entschloss sich die Junglehrerin vor wenigen Wochen dazu, noch einmal, diesmal berufsbegleitend, zu studieren: Sie inskribierte das interdisziplinäre Masterstudium Ethik für Schule und Beruf an der Universität Wien. Als Absolventin des Lehramtsstudiums Psychologie und Philosophie ging das ohne Probleme, auch Religionslehrer und Absolventen der Bachelor- bzw Diplomstudien der katholischen und der evangelischen Theologie sind zulassungsberechtigt.

Im Masterstudium lehrt Paul Tarmann unter anderem den Bereich Fachdidaktik, in dem angehende Ethiklehrer in Microteaching-Lehreinheiten Unterrichtssequenzen nachspielen, um auszuprobieren, wie ethische Inhalte vermittelt werden können.

 

Moralische Dilemmata

Darf ein Verbrechen begangen werden, um ein Leben zu retten? Wie stehen Sie zur Todesstrafe? Studenten sollen anhand moralischer Dilemmata reflektieren, was richtig und was falsch ist. „Die Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch der Erziehung. Im Fall des Ethikunterrichts wäre das die Aufgabe zur Moralerziehung. Es geht darum, Grenzen zu ziehen und sich zu überlegen, in welcher Gesellschaft wir leben möchten“, sagt Tarmann.

Julia Straub-Eichinger praktiziert privat bereits seit Längerem die für sie richtige Art zu leben: Mit ihrer Familie und drei Pferden bewohnt sie als Selbstversorgerin ein ehemaliges Bauernhaus. Einen wertschätzenden Umgang mit der Natur und den Menschen in der Umgebung möchte sie auch ihre Schüler lehren. Dennoch ist ihr eines wichtig: „Ich möchte den Schülern nicht meine Auffassung eines richtigen Lebens aufzwingen. In diesem Fach muss man als Lehrer aufpassen, wie weit man geht und wie man komplexe Themen richtig behandelt.“

Diesen Punkt spricht auch Hans Ruckenbauer vom Institut für Philosophie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Graz an: „Schüler sollen im Ethikunterricht nicht geformt, sondern dahingehend gebildet werden, reflektiert Entscheidungen zu treffen.“ In Graz arbeitet der Studienprogrammleiter für das interfakultäre Masterstudium Angewandte Ethik schon seit 2010 daran, zukünftige Ethiklehrer auszubilden. Diese benötigen für ihn nicht nur Kompetenzen in der praktischen Philosophie, sondern ebenso Soft Skills und Kenntnisse in der Kultur- und Religionskunde, um aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse behandeln zu können. „Ethik ist keine Naturwissenschaft, bei der man sich an den Stand der Wissenschaft hält. Es braucht eine enorme Diskurs- und Toleranzfähigkeit, um den Umgang mit Wertekonflikten zu lehren.“ Fachdidaktik-Seminare beschäftigen sich daher mit praktischer Philosophie, Religion im Ethikunterricht und Spezialthemen der angewandten Ethik, etwa Umwelt-, Technik- oder Sozialethik.

 

Mediation und Konfliktlösung

Ruckenbauer erarbeitet in einer Arbeitsgruppe des Bundesministeriums gemeinsam mit anderen Vertretern pädagogischer Hochschulen ein Rahmencurriculum für den Ethikunterricht als alternativen Pflichtgegenstand ab dem Schuljahr 2020/21.

Eben dieses Curriculum warte die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems (KPH) ab, bis ein eigener Ethiklehrgang angeboten werde, heißt es von Institutsseite. In der Zwischenzeit bietet die KPH mit Interreligiöse Kompetenz und Mediation einen von verschiedenen Religionsvertretern entwickelten sechssemestrigen berufsbegleitenden Masterlehrgang. Er befähigt zwar nicht zum Unterrichten, soll aber den Religionsfrieden fördern, indem sich Studierende mit den Weltreligionen auseinandersetzen, so Studienleiter Philipp Rogner. Darüber hinaus werden die Teilnehmer zu Mediatoren geschult: Sie erhalten Fähigkeiten und Kompetenzen, um in Konfliktfällen intervenieren zu können. Abgeschlossen wird mit dem Master of Arts, die Ausbildungskosten belaufen sich auf 1680 Euro pro Semester. Die Studierenden, im Schnitt 16 bis 22 pro Lehrgang, sind Religionslehrer aller Religionen, im Sozialbereich Tätige, aber auch Ethiklehrer, die zusätzliche Kompetenzen erwerben wollen. Ob Kopftuchverbot oder Genitalverstümmelung – Studierende lernen anhand diverser Fallbeispiele Konflikte aufzugreifen und Lösungsansätze zu finden.

Gerade bei zwischenmenschlichen Problemen, die Jugendliche beschäftigen, etwa Mobbing, sei es unabdingbar zu vermitteln, welche ethischen Normen im Umgang mit anderen Menschen gelten, so Straub-Eichinger. Dafür sei derzeit im regulären Unterricht oder zwischen zwei Unterrichtseinheiten kaum Zeit. Qualifizierte Lehrer in Zukunft also nicht als Religionsaufsicht, sondern als Ethiklehrer einzusetzen, sei daher nur sinnvoll, sagt die Professorin. „Mit einem Ethikunterricht wäre der Gesellschaft ein Gutes getan.“