Antisemitismus: Harter Kern von zehn Prozent

Starke antiisraelische Stimmung unter Österreichs Arabern und Türken.
Starke antiisraelische Stimmung unter Österreichs Arabern und Türken.(c) REUTERS (Jorge Lopez)

Besonders verbreitet ist Judenfeindlichkeit bei Arabisch- und Türkischsprachigen, so eine Studie im Auftrag des Parlaments.

Wien. Die Studie, sagt der Sprecher von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, werde in vollem Umfang am 15. März der Öffentlichkeit vorgestellt. Man habe sich aber entschlossen, erste Trends, die sich aus den Ergebnissen ablesen lassen, schon schon jetzt vorab zu präsentieren.

Wohl auch der Brisanz und der aktuellen europaweiten Debatten wegen. Für Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) sind die Ergebnisse jedenfalls „besorgniserregend“, er sieht eine „gesamteuropäische Herausforderung“ bei diesem Thema.

Die Antisemitismus-Studie wurde vom Parlament beim Meinungsforschungsinstitut Ifes in Auftrag gegeben. Den bereits vorliegenden Ergebnissen zufolge gebe es in der österreichischen Gesellschaft derzeit einen antisemitischen „Kernbodensatz“ von zehn Prozent. Noch weiter verbreitet sei die Judenfeindlichkeit bei Personen, die Türkisch oder Arabisch sprechen, erhob dabei das Institut.

Befragt wurden für die Antisemitismus-Studie von Ifes österreichweit insgesamt 2700Personen in einem „Methodenmix“ – also sowohl telefonisch als auch online als auch im direkten Gespräch. In einer sogenannten Aufstockungsgruppe wurden eigens jeweils 300 türkisch- und arabischsprechende Menschen befragt. Noch ist die Studie wie gesagt nicht zur Gänze fertiggestellt, die Trends seien laut Auftraggeber aber eindeutig.

Die Muster, wo und in welchen Gruppen Antisemitismus verbreitet ist, gestalten sich laut Ifes vielschichtig. So sei zwar ein harter „Kernbodensatz“ von zehn Prozent an Menschen mit antisemitischen Einstellungen zu beobachten, wobei dieser Prozentsatz im langjährigen Vergleich jedoch rückläufig ist. Lerneffekte führten auch zu positiven Veränderungen, junge und gebildete Menschen seien zudem resistenter gegenüber Antisemitismus.

 

Ablehnung des Staates Israel

Weiter verbreitet ist Antisemitismus allerdings bei jenen Menschen in Österreich, die Türkisch oder Arabisch sprechen. Das zeige sich auch durch eine signifikante Ablehnung des Staates Israel. Der Aussage „Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten“ stimmten insgesamt zehn Prozent zu. Arabischsprachige Menschen stimmten aber mit 70 Prozent zu, bei türkischsprachigen war es knapp die Hälfte.

„Antisemitismus ist eine gesamteuropäische Herausforderung, der man sich immer wieder aufs Neue stellen muss“, kommentierte Nationalratspräsident Sobotka diese ersten Ergebnisse. Österreich sei keine Insel der Seligen, weswegen das gesellschaftliche Problem des Antisemitismus auch in Österreich umfassend und auf wissenschaftlicher Basis beleuchtet werden müsse.

Seit Längerem werde in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion die Frage nach einem „importierten Antisemitismus“ gestellt, diese dürfe aber nicht auf Grundlage von Behauptungen und Mutmaßungen erfolgen, sondern müsse auf einer soliden empirischen Basis stehen, so Nationalratspräsident Sobotka. Die jüngsten Entwicklungen in Frankreich und auch anderen europäischen Staaten zeigten diese Notwendigkeit klar auf. (red./APA)

AUF EINEN BLICK

Das Ifes-Institut hat im Auftrag des Parlaments erhoben, dass es in Österreich aktuell einen antisemitischen „Kernbodensatz“ von zehn Prozent gebe– die Tendenz sei insgesamt allerdings rückläufig. Weiter verbreitet sei die Judenfeindlichkeit jedoch bei Personen, die Türkisch oder Arabisch sprechen. So die derzeit vorliegenden Trends aus der Studie. Offiziell präsentiert werden soll die Umfrage am 15.März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2019)