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Kulturgeschichte der Katastrophen: „Wir warten auf einen Messias“

François Walter hat eine Kulturgeschichte der Katastrophen geschrieben. Über Rationales und Irrationales, die neue Umweltethik und die gelebte Apokalypse.

„Die Presse“: Die heutigen Debatten rund um Naturkatastrophen erwecken den Eindruck von etwas Einzigartigem, geschichtlich mit nichts Vergleichbarem. Wie sieht das ein Historiker?

François Walter: Jede vorherrschende Strömung des Zeitgeistes meint ja, das einzig richtige Verhältnis zu Katastrophen zu haben. Die Kulturgeschichte zeigt, dass unsere Zeit nicht alles neu erfunden hat, wenn es um den Umgang mit solchen Ereignissen geht. Natürlich muss man sehr vorsichtig sein – Geschichte wiederholt sich nicht. Aber es gab auch andere Perioden des Klimawandels, etwa im 16. Jahrhundert, ebenso wie auch die Angst vor Epidemien. Und die Interpretationen dieser Bedrohungen kann man durchaus vergleichen.

Ab wann spricht man eigentlich von „Katastrophen“?

Walter: Das Wort „Katastrophe“ im heutigen Sinn beginnt sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts/Beginn des 20. Jahrhunderts zu verbreiten. Interessant dabei ist, dass es ein irgendwie neutraler Begriff ist. Er ersetzt biblische Wörter wie Desaster. Das Wort „Katastrophe“ erlaubt, die Ereignisse zu objektivieren.

Ein zweiter zentraler Begriff, wenn es um Naturkatastrophen geht, ist der des Risikos?

Walter: Ja, dieses Wort ist sehr alt, wurde aber lange Zeit vor allem von Versicherungen verwendet – da misst man die Risken, um die Prämie festzusetzen. Der heutige Sinn kommt erst in den 1970er-Jahren auf. Ab da überschwemmt das Wort aber den Diskurs. Es soll ausdrücken, dass es in der heutigen Gesellschaft verschiedene Bedrohungen gibt, natürliche, wirtschaftlich, gesundheitliche etc., die man messen kann. Zahlen nennen zu können, gibt einem Sicherheit. Und es impliziert, dass diese Bedrohungen auch kontrollierbar sind. Das Wort „Risiko“ sagt viel über die Haltung der heutigen Gesellschaft gegenüber Katastrophen aus.

In Ihrem Buch stellen Sie die allgemeine Vorstellung infrage, früher sei man irrational und religiös an Katastrophen herangegangen, heute aufgeklärt und wissenschaftlich. Können Sie ein Beispiel für Ihre These nennen?

Walter: Bis ins 18. Jahrhundert gab man immer Erklärungen, die beides berücksichtigten, das Natürliche und das Übernatürliche. Man wusste sehr gut, dass Naturkatastrophen natürliche Ursachen haben, trotzdem hatte man gleichzeitig die Vorstellung eines schwer zu erklärenden Moments. So griff man auf die Idee der göttlichen Strafe zurück. Aber diese Vorstellungen existierten gleichzeitig! Auch für große Wissenschaftler, die sehr gut die natürlichen Ursachen kannten, war das kein Widerspruch.

Und was passierte danach mit dem Religiösen?

Walter: Ab dem 18. Jahrhundert trennt man diese beiden Ansätze. Jene Menschen, die unter dem Einfluss der Aufklärung sind, wollen das Religiöse ganz beiseite lassen. Interessant ist nur, dass gerade im 18. Jahrhundert eine große Faszination für diese Katastrophen aufkommt, vor allem für den Vulkanismus.

Eine ästhetische Faszination?

Walter: Das auch – Katastrophen wurden zu Spektakeln, man bewunderte die Macht der Natur. Dieses Interesse zeigt sich noch im 19. Jahrhundert in der Kunst, mit den beliebten Schiffbruchdarstellungen. Später übernimmt dann der Film diese Rolle. Dabei handelt es sich zwar nicht buchstäblich um eine religiöse Dimension, aber doch um eine, die über die rationale Haltung hinausgeht. Und dieser Widerspruch besteht bis heute. Es bleibt etwas Unerklärliches in Katastrophen wie dem Tsunami oder dem Erdbeben auf Haiti. Die Rolle der Religion ist nach wie vor sehr aktuell, auch wenn unsere Zeit alle Erklärungen ablehnt, die über das Naturalistische hinausgehen.


Es ist in Mode gekommen, von der Klimawandel-Religion zu sprechen – wie zulässig ist diese Metapher?

Walter: Frappant ist doch, dass man mit dem Klimawandel ein neues globales Konzept hat, mit dem jeder außergewöhnliche Sturm erklärt werden kann. In den alten Gesellschaften gab es globale Erklärungen für das, was in der Welt passierte, mit der Ablehnung des Religiösen aber wurde das immer schwieriger – und die Angst wurde immer größer. Mit dem Klimawandel lassen sich nun viele Phänomene erklären. Auffällig ist auch die Verwendung von religiösen Bildern, um die Folgen des Klimawandels zu erklären, das Bild der Sintflut, das eine Art von Strafe ist für die Gesellschaften, die ihre Umwelt ausgebeutet haben. Die Umwelt wird zornig, als hätte man eine göttliche Sicht der Natur, die sich nun gegen uns wendet. Früher sagte die Katastrophe einer Gemeinschaft, dass sie etwas Böses getan hatte, heute überträgt man das auf die Gesellschaft: „Ihr habt gesündigt, ändert euer Leben.“ Eine Umweltethik hat die christliche Ethik ersetzt, und auch diese hat ihr Glaubensgut und ihre Dogmen.

Eine Geschichte der Katastrophenbewältigung ist zwangsläufig auch eine Geschichte der Ängste – wie sind die Ängste heute mit früheren vergleichbar?

Walter: Unsere Gesellschaft lebt in der Gegenwart und hat wenig Zukunftshoffnung. Der Katastrophenfilm spielt da eine große Rolle, weil er immer Aussicht auf eine Lösung bietet, einen Helden, der die Menschheit rettet. Wir haben alle solche Filme gesehen und die Apokalypse verinnerlicht, wir denken uns aber auch, es wird schon einen Retter geben, einen Messias, es ist nicht möglich, dass die Welt wirklich verschwindet! Die Bedrohung bleibt also trotz aller Bilder sehr abstrakt. Ganz anders als in Zeiten, in denen man wirklich die Apokalypse gelebt hat, etwa im Zweiten Weltkrieg, der von vielen wie das Ende der Welt gesehen wurde. Diese Erinnerungen spielten auch noch bei den nuklearen Ängsten eine Rolle. Heute ist die Bedrohung schwer vorstellbar. Deswegen verwendet man auch so gern biblische Bilder, wie dies etwa Greenpeace tut, wenn die Organisation auf dem Berg Ararat eine Arche Noah aufstellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2010)