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Dopingwelle erfasst Europa: Vierter Österreicher geständig

Die 40 Blutbeutel, die bei dem deutschen Sportmediziner Mark S. gefunden wurden, dürften von "mehreren Athleten aus vielen Sportarten" stammen. In Österreich flog ein Radprofi bereits auf. Ein weiterer erstattete nun Selbstanzeige.

Seefeld/Wien. Die Dopingrazzia in Seefeld und Erfurt war erst der Anfang einer weitreichenden Aktion gegen den Sportbetrug. Sind bei der nordischen WM fünf Langläufer verhaftet worden, konzentrieren sich die Ermittlungen des deutschen BKA längst auf die Auswertungen der bei Sportmediziner Mark S. gefundenen 40 Blutbeutel. Diese lagerte er in einem Kühlschrank neben der Ordination. Dort fand man auch eine Blutzentrifuge, über deren Seriennummer die Spur zurück nach Österreich führt.

Kai Gräber, Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft München, berichtete über 40 dieser Blutkonserven, die sicher nicht nur einem, sondern „mehreren Athleten aus vielen Sportarten“ zugeordnet werden könnten. Experten halten es für möglich, dass es kommende Woche täglich neue Enthüllungen geben wird.

S., der schon vor einem Jahrzehnt durch Ex-Gerolsteiner-Profi Bernhard Kohl mit Dopingpraktiken in Verbindung gebracht worden ist, soll seit Anfang der 2000er-Jahre sein Rundumservice in der Sportwelt angeboten haben. Davon geht die Staatsanwaltschaft mittlerweile aus, Gräber sieht diesen Skandal auch auf Leichtathletik, Fußball, Schwimmen und Radsport übergreifen.

Zweiter Radprofi geständig

Passend dazu wurde bereits ein Tiroler Radprofi festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck bestätigte mittlerweile, dass es sich dabei um Stefan Denifl, einen der besten österreichischen Radprofis, handelt. Auch, dass der Athlet durch die Ermittlungen gegen S. ertappt wurde. Der Verdacht des Sportbetrugs liege vor – und dem gehe man nun entschieden nach.

Mittlerweile steht auch ein weiterer österreichischer Rad-Profi unter Doping-Verdacht. Der 28-jährige Georg Preidler hat am Sonntag in Graz eine Selbstanzeige aufgrund der betrügerischen Absicht des Dopings erstattet. "Ich hab‘ ein Doping-Geständnis abgelegt. Ich hab‘ mir Blut abnehmen lassen, es aber nie rückgeführt. Aber alleine der Gedanke und die betrügerische Absicht sind schon ein Delikt", sagt Preidler im Interview mit der "Kronen-Zeitung". Wieso er das getan habe? "Du trainierst Tag für Tag, aber bist nie vorne. Irgendwann willst du mehr", rechtfertigt sich Preidler. Und: "Dann hörst du, dass es ohnehin viele machen."

Zweimalige Blutabnahme Ende 2018

Preidler hat am Sonntag auch seinen Arbeitgeber, das französische Rad-Team Groupama-FDJ, über seine Selbstanzeige und die Verwicklung in den Dopingskandal um den deutschen Arzt Mark S. informiert. In der Stellungnahme zu dem Fall schrieb der Rennstall am Montag, dass Preidler erklärt habe, er habe sich am Jahresende 2018 zweimal Blut abnehmen lassen.

"Groupama-FDJ bedauert diesen individuellen Fehler zutiefst, und arbeitet mit allen Instanzen zusammen", hieß es in dem Statement. Das Team habe u.a. den Weltverband UCI und den Zusammenschluss der Teams für einen sauberen Radsport informiert.

Der Österreichische Radsport-Verband, seine Funktionäre, Mitarbeiter und Trainer verurteilen in einer Aussendung das Vorgehen der betroffenen Radsportler unmissverständlich. Der ÖRV distanziert sich von jeder betrügerischen Methode der Leistungssteigerung und steht nach wie vor zu seiner „Null Toleranz“-Haltung.

15.000 Euro kostete das Dopingservice

Der involvierte Sportmediziner Mark S., gegen ihn wurde ein Haftbefehl erlassen, zeigt sich den Behörden gegenüber kooperativ. Das müsse er auch, ergänzt Gräber, denn die „Beweislast“ sei erdrückend. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Die Decodierung der Blutbeutel, also die Herausgabe der Kundenliste, wäre eine Chance auf Strafreduktion.

Was aber kostete das „All-inclusive-Angebot“ von S., der mit seinem Vater (einem Familienanwalt), einer Krankenschwester und einem Sanitäter dieses kriminelle Netzwerk gebildet hatte? Durch deutsche Boulevardmedien geisterte die Zahl 5000 Euro pro Jahr, das stufte Gräber als zu gering ein. Zwischen acht und 15.000 Euro wurden pro Athlet – und Saison – eingenommen.

Mit den Kosten seien auch Sommer- und Wintergeschäft getrennt worden. Also sei laut Ermittlern damit umgehend erwiesen, dass mehrere Sparten betroffen sind. Gräber glaubt, dass es „Hunderte Sportler“ sind. Die Causa sei in Deutschland in ihrer Dimension bisher einzigartig.

Die „kriminelle Organisation“ sei dank Aussagen des Ex-Langläufers Johannes Dürr aufgedeckt worden, bestätigte Gräber der „FAZ“. Ihm müsse er dankbar sein. Dass man ihm Rache am ÖSV respektive Promotion für sein Buch „Der Weg zurück“ als Motive auslege, finde er falsch. Zudem: Mit der vom ÖSV verwendeten Einzeltäter-Theorie könne er nichts anfangen: „Mal sehen, wie viele Einzeltäter wir noch bekommen.“

"Er hat uns zu diesem Arzt geführt"

Johannes Dürr wird in der aktuellen Causa von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und Markus Gandler belastet. Dürr habe, wie beide sagten, Kontakt zu Max Hauke und Markus Baldauf gehabt. "Das ist bestätigt worden, dass der Herr Dürr bereits damals die zwei Leute zu dem Arzt gebracht hat", so Schröcksnadel im ORF-Interview. Ähnliches sagte auch Markus Gandler. "Ich habe einfach nur die Frage gestellt, steht ihr womöglich mit dem von 2014 überführten Athleten unter einer Decke", erklärte der Tiroler. "Dann war die Antwort darauf: 'Unter einer Decke stecken wir nicht. Aber er hat uns zu diesem Arzt hingeführt.' Wenn das nicht der Beweis ist, was dann."

Von Dürr kam umgehend ein Dementi. Er ließ dem via Anwalt eine Stellungnahme mit folgendem Wortlaut zukommen: "Die angeblichen Anschuldigungen von Dominik und Max sind unwahr. Ich habe KEINE Kontaktdaten des in den Medien genannten Doping-Arztes (wie Name, Telefonnummer oder Adresse) an die beiden Sportler weitergegeben."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2019)