Der Oppositionsführer kehrte zu Massenprotest in die Heimat zurück. Das Regime drohte mit Verhaftung.
Wien/Caracas. „Wir sehen uns morgen“, ließ Juan Guaidó seine Anhänger am Sonntagabend via Twitter-Video wissen. Zuvor hatte Venezuelas Oppositionsführer und selbst ernannter Interimspräsident für seine Rückkehr nach Caracas zu Massenprotesten gegen das Maduro-Regime aufgerufen.
Als der 35-jährige Oppositionsführer nach zehntägiger Abwesenheit in der venezolanischen Hauptstadt auftauchte, umringt von Diplomaten und einer Menschen- und Reportertraube, verfolgt von Kameras und in der Höhe gereckten Handys, und vor allem auch im Visier des Maduro-Regimes, setzte er ein strahlendes Lächeln auf. An der Seite seiner Frau schob sich Guaidó durch die Menschenmenge, die sich zu einer Großkundgebung versammelt hatte und wandte sich an die Nation, freie und faire Wahlen zu fordern.
Warnungen aus USA und EU
Es war eine triumphale Rückkehr nach einer Tour durch Südamerika, die überschattet war von einer drohenden Festnahme. Zum Abschluss seines Trips durch fünf lateinamerikanische Staaten hatte sich Guaidó tags zuvor mit dem Präsidenten Lenin Moreno in der ecuadorianischen Küstenstadt Salinas getroffen. In Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Paraguay hatte er um Unterstützung für den Ernstfall geworben – für den Fall, dass Venezuelas Sicherheitskräfte ihn bei der Einreise festnehmen würden. Der Präsident des entmachteten Parlaments durfte allerdings auf Kräfte im Militär zählen, die ihn zum – vom britischen Milliardär Richard Branson organisierten – Benefizkonzert vor zehn Tagen in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta schleusten.
Machthaber Nicolás Maduro hatte seinem Kontrahenten, den er als „Marionette des US-Imperialismus“ punzierte, vor der Rückkehr gedroht: „Guaidó kann nicht kommen und gehen. Die Justiz hat ihm verboten, das Land zu verlassen.“ Tatsächlich hatte das Oberste Gericht ein Ausreiseverbot gegen ihn verhängt. Juan Guaidó war sich des Risikos einer Verhaftung bewusst. „Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es kein Zurück gibt“, sagte er vor Anhängern noch in Buenos Aires. Zugleich warnte er Maduro: „Wenn ich verhaftet werden würde, wäre dies der letzte Fehler des Usurpators.“ Schon Mitte Jänner hatte ihn der Geheimdienst kurzzeitig festgehalten, als ihn Beamte auf der Autobahn aus einem Auto zerrten.
Auch die USA und die EU richteten scharfe Warnungen an Maduro, der jedoch um die Unterstützung Russlands, Chinas und Kubas weiß. Zwar erhöhen US-Vizepräsident Mike Pence und Trump-Sicherheitsberater John Bolton den Druck, doch an eine Militärintervention glaubt vorerst niemand. Venezuela ist zur Front der internationalen Auseinandersetzung geworden.
Sergej Lawrow, der russische Außenminister, sicherte Venezuelas Vizepräsidentin Delcy Rodriguez bei ihrer jüngsten Moskau-Visite Hilfs- und Medikamentenlieferungen zu. Russland und China fürchten um ihre Investitionen in die venezolanische Ölindustrie, Kubas Militärs und Geheimdienstoffiziere sind das Rückgrat des Maduro-Regimes. Mit ihrer Einschüchterungstaktik, so Guaidó, würden die kubanischen Schergen Venezuelas Militär in Schach halten. 80 Prozent der Armee seien auf seiner Seite, schätzt Guaidó in einem Interview der „Washington Post“. Der Oppositionsführer, dessen Stern erst zu Jahresbeginn mit seiner Wahl zum Parlamentspräsidenten aufging, sucht jetzt die Entscheidung. Bei weiterem Zögern würde er wohl die Dynamik der Protestbewegung verlieren. „Es gibt schon zu viele Führer im Exil“, heißt es in Oppositionskreisen.
In Caracas strömte eine Menge zu Demonstrationen für einen Sturz Maduros zusammen. Dies schien zuerst ungewiss, da der Staatschef ein verlängertes Karneval-Wochenende erklärt hatte, was viele Venezolaner zu Verwandtenbesuchen in der Provinz nutzten. Es droht ein neuer Showdown: Das Maduro-Regime könnte heute seine Anhänger mobilisieren, um den sechsten Todestag des Maduro-Mentors Hugo Chávez zu begehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2019)