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Azurblau strahlt das graue Meer

Maria Quadrelli, einst Telefonistin im Grand Hotel, erinnert sich an seine Komplimente. Und sein Jugendfreund Titta Benzi an seine Art, einem faschistischen Turnlehrer zu schaden: Federico Fellini in Rimini – eine Spurensuche.

Ein schmächtiges Mädchen mit blondem Haar und ängstlichem Blick wird flankiert von zwei viel größeren Männern. In der Bildmitte: riesige Hintern und Schenkel wollüstiger weiblicher Figuren. Ganz im Vordergrund: Sophia Loren als Puffmutter.
Es ist die bunte Zeichnung eines Traumes von Federico Fellini. Das zarte blonde Mädchen ist Valeria Ciangottini, die jüngste Darstellerin in „La dolce vita“. Bei den Dreharbeiten zu Fellinis 1959 fertiggestelltem Film ist sie erst 16 Jahre alt. Die beiden großen Männer, die die kleine Valeria in Fellinis Traum in ein Bordell einführen, sind Federico Fellini, der Regisseur, und Clemente Fracassi, einer der Produzenten von „La dolce vita“.
Der drastische Traum ist auf einer der bunten Seiten des „Libro dei sogni“, des Buchs der Träume, zu sehen. Der großformatige Band mit Zeichnungen von Fellinis Träumen liegt aufgeschlagen auf dem zentralen Marmortisch in der Halle des Grand Hotel Rimini. Die Seiten sind abgegriffen, zweimal musste das Buch schon neu gebunden werden, weil fast alle Hotelbesucher in Fellinis Träumen schmökern, seine Notizen lesen, die das Traumgeschehen beschreiben.
Das Grand Hotel Rimini war Federico Fellinis bevorzugter Aufenthaltsort in der Stadt, in der er am 20. Jänner 1920 geboren wurde. Als weltbekannter Filmemacher verbrachte er Tage in der Halle des Grand Hotel, Zeitung lesend und Skizzen machend. In der Badehose oder am Strand bratend, sah man den Regisseur nie. Dann schon eher mit den Telefonistinnen scherzend.
Maria Quadrelli arbeitet seit 1979 im Grand Hotel. Begonnen hat sie als Telefonistin. An der Telefonanlage verband sie oft den Regisseur mit seinen Gesprächspartnern. „Fellini war immer sehr galant. Er machte mir Komplimente, sagte, ich hätte schöne Augen und eine Hand, die wie ein kleiner Schmetterling über die Telefonanlage flattert.“ Fellini war ein Freund des damaligen Besitzers des Grand Hotel, und der Regisseur machte das Grand Hotel weltberühmt. „Amarcord“, den Film, der Fellinis Kindheitserinnerungen an Rimini erzählt, hat Maria Quadrelli schon viele Male gesehen: „Das, was Fellini erlebt hat, habe ich auch erlebt. Für mich gab Fellini in ,Amarcord‘ den kleinen, alltäglichen Dinge einen Tiefgang und eine Poesie, wie nur er es konnte. Ein Genie.“
Das Grand Hotel mit seiner üppigen Fassade, vier Stockwerken und weitläufigen Sälen wurde 1908 eröffnet. Die beiden Kuppeln, die den Prachtbau ursprünglich krönten, brannten ab. Aristokratie und Großbürgertum kamen zunächst, um aufs Meer zu blicken und Heilwasser im Kursalon zu nippen. Und um Feste zu feiern. Einige Jahrzehnte später wurde Rimini zum dröhnenden Diskotheken-Dorado, und der mit Fellini befreundete damalige Direktor meinte, sein stilvolles Grand Hotel wäre wie ein Raumschiff auf der vergnügungssüchtigen Adriaküste gelandet.
„Wir waren eine kleine Gruppe von Freunden und trafen uns immer beim Hafen im Borgo di San Giuliano, um aufs Meer zu schauen. Manche sagen, das ist ein graues Meer, aber wir sahen es azurblau strahlen“, sagt Sergio Zavoli, Journalist, Schriftsteller, Politiker und enger Freund von Federico Fellini. In Rom erhielt Zavoli oft morgendliche Telefonanrufe von Fellini, der ihm seine Träume der vergangenen Nacht erzählte. Zavoli war in den 1980er-Jahren Generaldirektor der RAI und ist jetzt Vorsitzender der parlamentarischen Kommission, die die Richtung des staatlichen Radios und Fernsehens lenkt. Er ist auch einer der Stargäste im vergangenen März in Bologna, bei der Eröffnung der Ausstellung „Dall'Italia alla luna“ (Von Italien zum Mond), die Fellinis Schaffen zum Thema hat. Zum ersten Todestag Fellinis drehte Zavoli einen legendären Dokumentarfilm für die RAI. Das Begräbnis des Regisseurs ist zu sehen, seine Aufbahrung im Studio fünf von Cinecittà in Rom, die Überführung nach Rimini und der Zug des Sarges durch Fellinis Heimatstadt. Das tränenüberströmte Gesicht von Giulietta Masina, der Schauspielerin, die Fellini kennenlernte, als sie seine Texte im Radio las, und die 50 Jahre mit ihm verheiratet war. Vor dem Cinema Fulgor, wo Fellinis kinematografische Sozialisation stattgefunden hatte, blieb der Trauerzug stehen, der Sarg wurde gesenkt und eine Schweigeminute eingehalten.
„Wir machen diese Ausstellung über Fellini nicht wegen 50 Jahren ,La dolce vita‘, oder um einen Nationalhelden zu ehren“, sagt Gianfranco Maraniello, der Direktor des Museo d'Arte Moderna di Bologna. „Es soll ein Mann gezeigt werden, der seine Inspiration in der Chronik fand, in einer Kritik der Medien und seiner eigenen Herkunft. Es gibt sehr viel Italianità in den Fantasien von Fellini, was man auch an seinen Träumen sieht. Das ist der Zusammenhang, aus dem er universelle Werte gezogen hat.“
Abends wird in Bologna „Amarcord“ gegeben. „Amarcord“, „La dolce vita“ und Paparazzo sind stehende Begriffe nicht nur im Italienischen geworden – aus Fellinis Filmen sind sie in den Sprachgebrauch übernommen worden. Das romagnolische Dialektwort „amarcord“ für „io mi ricordo“, „ich erinnere mich“, bezeichnet ein Flashback in die eigene Geschichte, bei dem Gerüche und Gefühle aus der Vergangenheit mit den Bildern auftauchen. Bei der Vorführung von „Amarcord“ ist der Kinosaal in Bologna voll, vor allem mit jungen Leuten. Bevor die Filmmusik von Nino Rota erklingt, spricht der serbisch-französische Regisseur Emir Kusturica über sein Verhältnis zu Federico Fellini: „Fellini ist mein Film-Vater. Er ist der größte Regisseur des 20. Jahrhunderts.“
Fellini, das ist das perfekte Verschmelzen von Kino und Leben. Wenn Anita Ekberg in „La dolce vita“ in den Trevi-Brunnen eintaucht, so beruht diese Szene auf einem tatsächlichen Ereignis, einem spontanen Bad der schwedischen Schauspielerin im selben Brunnen. Emir Kusturica zeigt Federico Fellinis Regiekunst anhand einer Szene bei Tisch in „Amarcord“. Der cholerische Vater brüllt den Sohn an, weil dieser im Cinema Fulgor einen Film angeschaut hat, während der Vater hart zu arbeiten hatte. Der Vater erhebt die Hand gegen den Sohn, dieser rennt aus dem Haus, der Vater ihm nach, kann den Sohn aber nicht erwischen. Verlegen verneigt sich der Vater vor den Nachbarn, die alles beobachtet haben. „Buon giorno! Buon giorno!“ Die burleske Szene endet in einem Wutausbruch der Mutter, die droht, der gesamten Familie Strychnin ins Essen zu mischen.
„E casa mia!“ – „Das ist bei mir zu Hause“, sagt Titta Benzi, im 100 Kilometer von Bologna entfernten Rimini über „Amarcord“. Der Anwalt war acht Jahre lang Federico Fellinis Sitznachbar in der Schule. Der Film „Amarcord“ erzählt Benzis und Fellinis Jugend zwischen faschistischen Aufmärschen und den gewaltigen Brüsten der Tabaccaia. Titta Benzi feierte vor Kurzem seinen 90. Geburtstag. Er empfängt in seinem Büro im Zentrum von Rimini und deutet auf eine Skulptur auf seinem Schreibtisch, ein Porträt, das Fellini von ihm machte. „Ich und Federico Fellini, wir waren wie Brüder“, sagt Titta Benzi, „Federico war dünn, er machte bei der Leichtathletik nicht mit und trug keine Waffen. Damals war es ja Mussolini, der befahl. Ich war das ganze Gegenteil. Ich machte Leichtathletik und nahm an Wettkämpfen teil, und trotzdem blieben wir Freunde bis zum Tod.“
Benzi berichtet von einem Turnlehrer, der hoffte, in der faschistischen Hierarchie weiterzukommen. Am Ende des Schuljahres fand eine karriereentscheidende Turnvorführung statt. „Der Lehrer sagte: Buben, bitte, seid brav, es hängt von euch ab, ob ich im Faschismus aufsteige. – Wir alle haben Ja gesagt, auch Federico. Nur dann, als wir auftraten, 100 Schüler im Stadion von Rimini, alle in schwarzen Strümpfen und mit weißen Leibchen, hätten wir am Ende des Spektakels zwei Schritte nach links machen sollen, aber Federico machte zwei Schritte nach rechts. Deswegen konnte unser faschistischer Turnlehrer nicht aufsteigen – und Federico sagte: Hoppla, ich habe mich vertan! Dabei hatte er es mit Absicht gemacht.“
Titta Benzi erinnert sich an die Gradisca, die Frau, die alle begehrten und die im Film „Amarcord“ einen Faschisten heiratet. Er erinnert sich, wie Federico Fellini in der Schule nach der Perücke der Chemielehrerin fischte, und an die Ausflüge per Fahrrad in die Hügel hinter Rimini, voll bepackt mit Grammofon, Schallplatten, einer Flasche Wermut und Keksen.
1993, im Jahr seines Todes, kam Federico Fellini wieder einmal nach Rimini, ins Grand Hotel, wo er wie ein Fürst behandelt wurde. In Zürich hatte er sich einer Operation unterzogen, mit Titta Benzi ging er an den Hafen und zum Fischessen in den Borgo Marina. Eines Tages machten sie einen Ausflug zu einer Villa in den Hügeln, wo drei Frauen den Boden säuberten. Die Frauen erkannten Fellini, sie standen auf, und wischten sich die Hände ab. Fellini gab allen die Hand, und dann sagte er: „Brave, ich habe gesehen, wie ihr arbeitet, jetzt werdet ihr auch für mich arbeiten, denn heute morgen habe ich eine Villa gekauft. – Aber das war überhaupt nicht wahr“, erzählt Titta Benzi.
Die fellinianische Frau schlechthin, das ist die Tabaccaia in „Amarcord“ und die Sangiovesa in Sant'Arcangelo di Romagna, einem Ort in der Nähe von Rimini. In Sant'Arcangelo ist Tonino Guerra geboren, einer der Drehbuchautoren von „Amarcord“. Die Sangiovesa ist eine Zeichnung Federico Fellinis und wurde namengebend und Aushängeschild einer Osteria in den engen und gewundenen Gassen von Sant'Arcangelo. Hier wird die Piadina frisch vor den Augen der Gäste gebacken, dünne runde Teigblätter, die zum herben Käse der Region und zu Schinken und Salami gegessen werden – und natürlich zum Wein, dem Sangiovese. Der Name des Weins kommt angeblich vom Sanguis Iovis, dem Blut des Jupiter, dem der Hügel von Sant'Arcangelo einmal geweiht war.
s-3;0Die Osteria „La Sangiovesa“ erstreckt sich in einem ziegelgemauerten Kellergewölbe aus dem 17. Jahrhundert über mehrere Räume. Die emblematische, von Fellini gezeichnete Sangiovesa hat einen winzigen Kopf, einen lasziven Blick, unglaubliche Schenkel, Brüste und Arme. Sie ist der Inbegriff der ss-10;0romagnolischen Frau, die alles dominiert.
sFellinis Mutter war streng und unerbittlich. Sie wollte, dass ihr Sohn Kardinal würde, während sein Vater für Anwalt votierte. Federico Fellini ging nach Rom. Als keinerlei Nachrichten über bestandene Prüfungen in Rimini eintrafen, wies die Mutter ihre römischen Verwandten an, den Sohn keinesfalls mehr zu unterstützen. Fellini soll sogar einige Zeit am Bahnhof übernachtet haben. Er schlug sich als Zeichner und Journalist durch und kam in Kontakt mit der Filmwelt. Noch unter dem Faschismus nahm er an einem Filmprojekt in Afrika teil, doch das Drehteam musste wegen des Krieges unverrichteter Dinge nach Italien zurückkehren.
Mit Roberto Rossellini, dessen Vater als Architekt das erste Kino in Rom erbaut hatte, arbeitete Federico Fellini am Film „Roma Città Aperta“, dem Meisterwerk des Neorealismus, das die offenen Wunden des Krieges in der Stadt drastisch aufzeigt. Fellini selbst verband in s-9;0seiner Arbeit den radikalen Realismus mit einer Traumrealität, die er in jahrelanger Psychoanalyse nach C. sG. Jung erforscht hatte. „Es sind Filme voller Energie, aber nics12;0ht chaotisch. Es gibt eine perfekte Kontrolle. Man spürt, dass ein großer Meister am Werk ist“, sagt Woody Allen über Fellinis Filme.
ss-3;0Für „Amarcord“ wurden das Grand Hotel, das Cinema Fulgor und die Piazza von Rimini im Studio der Cinecittà nachgebaut. Keinen einzigen Meter Film drehte Fellini in Rimini. „Es ist nicht das körperliche Rimini, sondern der Ort der Jugend und Kindheit, ein idealer und mythischer Ort, worauf es Fellini ankommt“, erzählt Vittorio Boarini, der Direktor der Fondazione Fellini in Rimini. Die Fondazione Fellini plant, in das Cinema Fulgor umzuziehen, das gerade renoviert wird. Einstweilen ist sie in einem Haus nahe beim Augustus-Bogen untergebracht, wo zwei Originalkostüme aus dem Film „Roma“ zu sehen sind, von einer fantastischen Modeschau mit Kirchen-Kostümen. Vittorio Boarini sitzt vor dem Papst-Kostüm und doziert: „Fellini ist wie Verdi, ein italienisches Genie, das sehr populäre und zugleich künstlerisch wertvolle Werke schuf. Er veränderte mit seinen Filmen nicht nur die Geschichte ss-6;0des Films, sondern die Geschichte im Allgemeinen.“
s„La dolce vita“ ist ein Wendepunkt im künstlerischen Leben von Fellini, der bereits mit „La strada“ und „Le notti di Cabiria“ den Oscar gewonnen hatte und den Silbernen Löwen mit „I Vitelloni“. „La dolce vita“ ist wichtig für die Geschichte des Kostüms und des Lebens. Es ist ein Film, der die Denkweise der Menschen verändert. Fellini wollte nicht einfach Rom zeigen, sondern er wollte eine babylonische Stadt darstellen, eine fantastische Stadt. „Hier hatte Fellini recht“, meint Vittorio Boarini, „wenn er die Wahrheit verweigerte und sie immer neu erfinden wollte. Die erfundene Wahrheit ist viel wirklicher als die wirkliche.“
Gleich nach dem Erscheinen von „La dolce vita“ schrieben die römischen Adeligen und Intellektuellen offene Briefe, in denen sie betonten, nicht so zu sein, wie Fellini sie zeigte. „Aber: Um sie so zu zeigen, wie sie sind, muss man sie erfinden“, sagt Vittorio Boarini. Fellini war einer der Ersten, der bemerkte, dass ein scharfer Riss durch die italienische Gesellschaft ging. Er zeigt ein Italien voller Widersprüche auf autobiografische Art. So wie der Protagonist Marcello in „La dolce vita“ war auch Fellini aus der Provinz als Journalist in Rom angekommen. Ein wenig entwurzelt, bewegte er sich durch das kosmopolitische Rom wie ein ahnungsloser Parzival.
Marcello Mastroianni ist Federico Fellinis Alter Ego und „La dolce vita“ voller Verweise auf die Wirklichkeit. Anita Ekberg ist im Film eine Schauspielerin, die nach Rom kommt, um einen Film zu drehen. Eines Abends tauchte sie im Trevi-Brunnen ein. Dabei wurde die Ekberg tatsächlich fotografiert, doch das Foto hätte im Nirgendwo geendet, wenn es Fellini nicht gesehen hätte. Durch Fellinis Film wurde Anita Ekberg eine Ikone des Kinos, und der Bischof von Parma drohte: „Wer diesen Film ansieht, wird exkommuniziert.“ Und Valeria Ciangottini, das zarte blonde Mädchen aus „La dolce vita“, um das sich Fellini im Traum sorgte? Sie ist noch immer eine erfolgreiche Schauspielerin. ■