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„Captain Marvel“: Das Fräuleinwunder aus dem Weltenraum

Captain Marvel (Brie Larson) hat beachtliche Superkräfte – doch leider kaum ikonischen Charakter. Ihre altklugen Sprüche können das nicht wettmachen.
Captain Marvel (Brie Larson) hat beachtliche Superkräfte – doch leider kaum ikonischen Charakter. Ihre altklugen Sprüche können das nicht wettmachen.(c) Disney
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KritikNach 20 Blockbustern hat es Marvel geschafft, eine Frau ins Hauptrampenlicht seiner Superheldenwelt zu rücken. Als „Captain Marvel“ darf Brie Larson die 1990er-Jahre progressiv nachjustieren. Der Film sorgte vorab für Kontroversen.

Die Frau, die vom Himmel fiel, bricht ausgerechnet durch die Decke einer Videothek. Zumal jene einer Filiale der „Blockbuster“-Verleihkette, ihres Zeichens Symbol verdrängter Analogmedienkultur. Wir schreiben das Jahr 1995; aus Sicht heutiger Blockbuster (die mit den Superhelden) finsterstes Mittelalter. Nicht so die Abgestürzte: Sie gehört in eine Neuzeit, die sich in Abgrenzung zur rückständigen Vergangenheit fortschrittlich wähnen darf. Noch trägt die Heldin nicht den Namen jener Entertainment-Marke, deren neuestes Produkt das Licht der Aufklärung in die Multiplex-Säle der Welt tragen soll. Müsste man den Filmtitel („Captain Marvel“) da nicht mit einer Spoilerwarnung versehen?

Gespielt wird der jüngste Neuzugang zur wild wuchernden Kinosippe des Marvel-Universums von Brie Larson. Für ihre Rolle im Entführungsdrama „Room“ gewann sie 2016 einen Oscar. Nun folgen höhere Kommerz-Weihen in der Big-Budget-Stratosphäre. Anfangs sehen wir sie als stramme Fußsoldatin im intergalaktischen Krieg zwischen den menschenähnlichen Kree und den Ork-artigen Skrull, unter der Ägide eines jovialen Offiziers (Jude Law). Plotkomplikationen manövrieren die Kämpferin auf den Planeten C-53, auch Erde genannt. Dort warten frische Abenteuer in altmodischem Gewand.

In einer der wenigen formal auffälligen Sequenzen des Films spulen Nebenfiguren durch fremde Erinnerungen wie durch eine Fernsehaufzeichnung. Ihre Off-Stimmen ähneln Audiokommentaren auf DVDs, sie versuchen, den Fokus des Gedächtnisträgers neu auszurichten. Ähnlich verfährt auch „Captain Marvel“ selbst. Die Protagonistin schreibt sich in die Pop-Landschaft der 1990er ein, unterzieht sie einer Reevaluierung. Verwirrt vom Aufprall in der Videothek schießt die Kapitänin anfangs einen Schwarzenegger-Pappaufsteller über den Haufen. Jetzt ist sie selbst ein Terminator und kann dem nächstbesten Macho sein Motorrad klauen – auf der Flucht vor Gestaltwandlern im Geiste des Schmelzroboters T-1000 aus „Tag der Abrechnung“.

Das Retro-Setting ist auch probates Mittel für Handlungsentschlackung. Es half schon „Wonder Woman“ (der Kritikerliebling des Konkurrenten DC diente fraglos als Vorbild), sich auf Charakterzeichnung zu konzentrieren. Keine „Avengers“, kein Oberschurke Thanos stören den Einstand der ersten Superfrau im Kernrampenlicht eines Marvel-Großfilms. Nur Samuel L. Jackson darf sie als Geheimagent Nick Fury unterstützen – und Digitaleffekten sei Dank wieder jung sein wie einst in „Pulp Fiction“.

Spielzeugpistolen und No Doubt

„Captain Marvel“ frönt weidlich dem Neunziger-Kult. Die Heldin trägt Baseball-Käppi, Lederjacke und Nine-Inch-Nails-Shirt. Sie kloppt zu den Klängen von No Doubts „Just A Girl“, während Pager und Arcade-Automaten, Aktenordner und Spielzeugpistolen mit Schaumstoffgeschossen für Zeitkolorit sorgen. Es darf auch gelacht werden über anno dazumal: Das Internet war jung und langsam, man nutzte noch AltaVista statt Google – und überall diese Ladebalken!

Im Kichern über die Antiquiertheit steckt eine Distanznahme, die „Captain Marvel“ auch storytechnisch vollzieht. Regiepartner Anna Boden und Ryan Fleck rücken Menschen (und ein süßes Kätzchen) ins Zentrum, die in den 1990ern vornehmlich als Bösewichte, Haberer und Gspusis auf die kostenintensive Action-Kracher-Bühne durften. Heute, so die Botschaft, sieht die Sache anders aus. Passend zur Comicvorlage: 1967 als Mann konzipiert, wurde Captain Marvel in den 1970er-Jahren zur Feministin.

Wenn sie in Entspannungsmomenten vertraute Gespräche mit ihrer schwarzen Freundin (Lashana Lynch) führt, wird der Film seinem progressiven Anspruch am ehesten gerecht. Wenn wohlfeiles Ermächtigungspathos über die Leinwand schwappt, weniger. Größte Schwäche des Films ist nämlich die Hauptfigur selbst: Im Unterschied zu Wonder Woman fehlt ihr als Heldin der ikonische Charakter, und Larson schafft es nicht, das mit schnoddrigem Lächeln und altklugen Sprüchen zu kompensieren. Die computergenerierten Blitze, die sie versprüht, machen ihren Mangel an tatsächlicher Ausstrahlung nicht wett.

Im (US-)Internet hat der Film freilich schon vorab Staub aufgewirbelt. Kontroversen entzündeten sich an Äußerungen Larsons, die in einem Interview den Überhang an weißen Männern im Filmjournalismus monierte – und am Online-Pressespiegel „Rotten Tomatoes“, der aufgrund ablehnender Vorbewertungen zum Film sein Rating-System änderte. Manche riefen darob zum Boykott von „Captain Marvel“ auf und empfahlen stattdessen eine Sichtung des von James Cameron produzierten Sci-Fi-Hits „Alita: Battle Angel“. Für die Gegenseite im Kulturkampf erscheint der Kinobesuch nunmehr als heilige Pflicht – was Marvel und seinen Mutterkonzern Disney freuen dürfte. Politaktivismus im 21. Jahrhundert: die Frage, welchem Unterhaltungsgiganten man sein Taschengeld zusteckt.

Marvels Kino-Universum

Comicadaptionen. Der 1939 gegründete Verlag Marvel, neben DC der wichtigste Comic-Herausgeber der Welt, hat Figuren wie Spider-Man oder Hulk hervorgebracht und viele Verfilmungen inspiriert. Seit „Iron Man“ (2008) produziert Marvel seine Kinofilme selbst und siedelt sie alle in derselben fiktiven Welt an. „Captain Marvel“ ist der 21. Film in diesem „Marvel Cinematic Universe“ – und das erste Soloabenteuer einer Superheldin bei Marvel („Wonder Woman“ von DC erschien 2017).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2019)