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Akute Wachstumsschmerzen

Akute Wachstumsschmerzen
Giraffe(c) EPA (Str)
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Immer mehr, immer besser, immer reicher: So lautet das Rezept für erfolgreiches Wirtschaften. Doch die Krise sorgt für eine Diskussion über den Sinn dieser Regel. Gibt es Wohlstand ohne Wachstum?

Es könnte vielleicht sogar ganz nett werden. Entbehrungsreich und mühsam, aber spannend. So wie der erste Interrailurlaub mit Rucksack und Zelt.

In seinem neuen Buch „Exit. Wohlstand ohne Wachstum“, beschreibt der deutsche Soziologe und Bestsellerautor Meinhard Miegel eine Gesellschaft, die sich ganz neu orientieren muss: Das Wirtschaftswachsum ist Geschichte, das dazugehörige Lebensgefühl auch. Es geht nicht mehr darum, möglichst viel Hab und Gut anzuhäufen, es geht ab sofort um halbwegs lustvolle Selbstbeschränkung. „Wohlstand heißt nicht, mehr zu haben, sondern wenig zu benötigen“, schreibt Miegel. „Wer seine Lebensführung darauf eingestellt hat, der verzichtet auf nichts. Im Gegenteil. Er hat Zeit und Kräfte frei für anderes.“

Auslöser von Miegels Überlegungen ist die Wirtschaftskrise, die in weiten Teilen der industrialisierten Welt zu einer sinkenden Wirtschaftsleistung geführt hat. Deutschland verzeichnete im Vorjahr ein Minus von fünf Prozent, Österreich ein Minus von 3,6 Prozent. Miegel wunderte sich über die Panik, die darauf folgte. „Wieso befürchten Menschen in einem der reichsten Länder der Erde, ohne das Wachstum ihrer Wirtschaft nicht überleben zu können? Was macht sie glauben, ohne Wachstum sei alles nichts?“

Mit diesen Fragen ist der Wissenschaftler nicht allein. Wieso eigentlich die Wirtschaft ständig wachsen müsse, lässt sich auch an einem durchschnittlichen Gasthaustisch temperamentvoll diskutieren. Haben wir nicht schon alles, was wir brauchen? Reicht es nicht längst? Muss es immer noch mehr werden? Die Wirtschafts- und Finanzkrise befeuert das ohnehin aktuelle Thema noch zusätzlich. In Internetforen wird die Frage „Wozu das alles?“ seit Monaten angeregt diskutiert. Das österreichische Lebens- und Umweltministerium veranstaltete im Jänner eine Konferenz zum Thema „Wachstum im Wandel“. Der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler sagte vor Kurzem in einem Interview: „Langfristig ist es schlicht nicht machbar, immer weiter zu wachsen. Man muss den Umstieg daher planen.“


Apokalyptische Szenarien. Die derzeitige Diskussion erinnert an die Auseinandersetzungen Anfang der Siebzigerjahre. Ebenfalls ausgelöst von einer Krise – damals war es der Erdölschock – definierte der Club of Rome 1972 „Die Grenzen des Wachstums“. Studienautor Dennis Meadows zeichnete das apokalyptische Szenario einer überbevölkerten, ausgebeuteten Erde, die ihre Bewohner buchstäblich nicht mehr ertragen kann. Die Kernaussage: Wenn die Menschheit so weitermache wie bisher, werde innerhalb der nächsten hundert Jahre die Belastbarkeitsgrenze erreicht sein.

Miegel argumentiert zwar auch mit dem drohenden Klimakollaps und mit zur Neige gehenden natürlichen Resourcen. Aber er will sein Buch nicht als Horrorvision verstanden wissen, sondern als Mutmacher. Das ständige Gezerre um noch mehr Geld und Güter mache sowieso niemanden glücklich. Wenn sich die Menschen erst einmal daran gewöhnt hätten, dass es nicht mehr bergauf geht, würden sie sich endlich wieder anderen Werten zuwenden, glaubt Miegel. Bildung, Kultur, Familienleben, die Pflege von Freundschaften, das Engagement in Vereinen – es gebe so vieles, für das sich der Einsatz lohne.

Wirtschaftswachstum und ständige Wohlstandsmehrung sind in der Geschichte der Menschheit relativ junge Phänomene. Bis zum Beginn der Industrialisierung vor nicht einmal 200 Jahren waren die ökonomischen Fortschritte so bescheiden, dass der Einzelne sie nicht wahrnahm. Auch die jährliche Zeugnisverteilung jeder Volkswirtschaft, die Abrechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), war damals unbekannt. Ob in einem Jahr mehr oder weniger Kartoffeln geerntet worden waren, konnte die Bevölkerung leicht am eigenen Mittagstisch recherchieren. Ganz so bodenständig sollte es vielleicht nicht mehr werden. Aber ein wenig Sehnsucht nach einem Ende des ewigen Wettkampfs ist erlaubt.


Zittern um Zehntel. Man muss kein weltfremder Romantiker sein, um die Aussicht auf eine Ökonomie ohne ritualisierte BIP-Beschwörung und das sorgenvolle Herbeizittern von Zehntelprozenten verlockend zu finden. Allzu oft geht es bei der Vorstellung volkswirtschaftlicher Kennzahlen zu wie beim Hahnenkammrennen: Jedes Hundertstel wird extra gewürdigt. Und als Gradmesser des Wohlstands taugt das BIP ohnehin nur sehr bedingt, weil es jede Art von Wirtschaftsleistung gleich gewichtet. Das Problem ist bloß: Wachstum ist in modernen Volkswirtschaften kein hübsches Detail, auf das sich einfach verzichten ließe. Wachstum ist die Basis, auf der alles andere aufbaut.

Stefan Schulmeister, bekennender Nicht-Neoliberaler am Wirtschaftsforschungsinstitut, hält kuschelige Stagnationsträumereien deshalb für bloße Utopie. „Kapitalismus ist ohne Wachstum nicht denkbar, weil er ohne Rendite nicht denkbar ist.“ Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien und mit Schulmeister nur selten einer Meinung, muss in diesem Fall beipflichten. „Wachstum kann durch mehr Kapital entstehen, durch mehr Arbeitskräfte und hauptsächlich durch Produktivitätszuwächse. Es spricht nichts dafür, dass das plötzlich abreißt.“ Felderer argumentiert auch psychologisch: „Der Mensch ist grundsätzlich ein unzufriedenes Wesen, das ständig nach Weiterentwicklung sucht.“ Die Selbstbeschränkung sei einfach keine Option. „Es ist schon in den Fünfzigerjahren behauptet worden, dass alle Bedürfnisse erfüllt seien. Gestimmt hat es nie.“ Wachstum müsse sein, sagt auch Helene Schuberth, Volkswirtin in der Nationalbank. „Unser System ist so konzipiert. Ohne Wachstum käme es zu massiven Verteilungskonflikten.“

Der komplette Finanzsektor basiert auf Wachstumserwartungen: Nicht einmal die gute alte Aktienbörse würde funktionieren, wenn die Anleger nicht darauf hoffen könnten, dass sich ihr eingesetztes Kapital vermehrt. Man kann das Gier nennen oder menschliche Natur: Verhandelbar ist beides nicht.

Eine entwickelte Ökonomie braucht Wachstum schon allein dazu, um den Produktivitätszuwachs auszugleichen. Menschliche Arbeit wurden in den vergangenen Jahrzehnten im großen Stil von Maschinen ersetzt. Nur weil die Wirtschaft entsprechend wuchs, blieben die Arbeitsplätze erhalten. An den Arbeitsplätzen hängt wiederum das komplette Sozialsystem. Wächst das BIP nicht, oder schrumpft es sogar, kommt das sensible Gefüge in Schieflage, wie das vergangene Jahr gezeigt hat. Allein in der Arbeitslosenversicherung klaffte 2009 ein Minus von rund einer Milliarde Euro. Weil sich ein Teil der Wertschöpfung in den Dienstleistungssektor verlagerte, wurde die Abhängigkeit des Arbeitsmarktes vom Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren etwas geringer; ein Friseur kann nicht so leicht rationalisieren wie ein Industriebetrieb. Mindestens zwei Prozent Wachstum sind allerdings immer noch notwendig, um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern.


Teure Energie. Buchautor Miegel muss bei diesem Punkt ziemlich ums Eck argumentieren, um seine These vom fröhlichen Abschwung durchzuziehen. Energie werde schon bald so teuer sein, dass der Einsatz von Maschinen sich nur noch bedingt lohnen wird, glaubt er. Menschliche Arbeitskraft sei damit wieder etwas wert. „Wir kommen von der Produktions- zur Reparaturwirtschaft“, sagt er im „Presse“-Interview. „Den defekten Wecker werden wir künftig nicht mehr unbesehen in den Mülleimer werfen, sondern ihn reparieren lassen.“ So utopisch manche Argumente der Wachstumsskeptiker klingen mögen: Rein akademisch ist die Debatte nicht.

Die Krise hat gezeigt, dass man sich auf ewige Zuwächse nicht unbedingt verlassen kann. Es werden wieder Jahre kommen, in denen die Wirtschaft stagniert. Und von den Werten der Vergangenheit wird man sich ohnehin bis auf Weiteres verabschieden müssen. „Die Erfahrung zeigt, dass es nach Finanzkrisen sehr schwierig ist, bald wieder auf das Niveau der Zeit vor der Krise zurückzukehren“, sagt Helene Schuberth von der Nationalbank.

Was fehlt, ist ein taugliches – und finanzierbares – Regelwerk für Konjunkturnotfälle. Eine weitere Welle von milliardenteuren Hilfspaketen wird nicht möglich sein. Und einige Maßnahmen, die in der ersten Panik ergriffen worden sind, erscheinen im Rückblick nicht sehr durchdacht. Die Verschrottungsprämie etwa kurbelte zwar den Pkw-Absatz wie gewünscht an, war aber exakt das, was Miegel als „Wachstum nur um des Wachstums willen“ kritisiert. Eine Branche, die schon vor der Krise weltweit unter Überkapazitäten litt, bekam noch einmal eine vom Steuerzahler finanzierte Galgenfrist.


Vertane Chance. Der Ökonom Stefan Schulmeister plädiert für ökologisch orientierte Konzepte, die den beschränkten Möglichkeiten des Planeten Rechnung tragen. „Allein mit thermischer Gebäudesanierung ließen sich in Österreich über zehn Jahre 60 Milliarden zusätzliches BIP lukrieren“, glaubt er. Es sei möglich, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, sagt Schuberth. „Es passiert nur bisher nicht, weil der Klimaschutz in der Wirtschaftspolitik zu wenig Beachtung findet. Die Krise wäre eine Chance dafür gewesen. Leider wurde sie kaum genützt.“

Die österreichische Wirtschaft wird 2010 übrigens wieder wachsen. Laut Prognosen von Wifo und IHS um 1,3 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2010)