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Syrien: Die Kurzvisite eines Jihadisten

Symbolbild.
Symbolbild.(c) Reuters (Stringer .)
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Die österreichischen Behörden waren dem österreichischen IS-Kämpfer, der nun in kurdischer Haft sitzt, bereits vor sechs Jahren auf der Spur. Sie ließen ihn laufen.

Wien/Damaskus. Es gab schon Ermittlungen gegen den türkeistämmigen Wiener Azad G. Die österreichischen Behörden nahmen sie im Jahr 2013 auf, als klar wurde, dass der junge Mann sich eine Zeit lang im syrischen Kriegsgebiet aufgehalten hatte. Aber Beweise, dass G. sich den Schergen des sogenannten Islamischen Staates (IS) anschloss, gab es zu dem Zeitpunkt keine ausreichenden. Das sagt die Staatsanwaltschaft heute. G. habe den Ermittlern damals glaubhaft vermitteln können, dass er humanitäre Hilfe in Syrien geleistet habe.

Nach seiner Einvernahme in Wien zog der heute 27-Jährige erneut in das Kriegsgebiet, um sich offenbar abermals dem IS anzuschließen. Zwei Jahre später griffen die österreichischen Behörden den Fall wieder auf. Im November 2015 tauchte ein erneuter Verdachtsmoment auf – möglicherweise haben sich Familienmitglieder an die Behörden gewandt – und die Ermittlungen gegen ihn wurden in seiner Abwesenheit wieder aufgenommen.

 

Mit Verletzung in die Türkei

G. dürfte sich im Dunstkreis von Salafisten im zweiten Wiener Gemeindebezirk radikalisiert haben, anschließend konvertierte er zum sunnitischen Islam.

Azad G. ist seit mehreren Tagen in kurdischer Haft. Dort führte eine Frau ein Interview mit ihm, das Video kursiert im Netz. Er hat ein mageres Gesicht, trägt schwarze Kleidung und will sich geläutert zeigen. Man habe ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Syrien gelockt, sagt G. Er bereue seine Teilnahme am Krieg, der IS kenne keine Gerechtigkeit. Warum er sich denn ein zweites Mal den Extremisten anschloss, dazu äußert er sich freilich nicht. Nur kurz erwähnt er das Jahr 2012, ohne weiter darauf einzugehen. Es dürfte sich um die Zeit seiner ersten Einreise nach Syrien handeln. Bei diesem ersten Aufenthalt wurde G. offenbar angeschossen. Dem Vernehmen nach wurde er zuerst in der Türkei behandelt, anschließend hat er es nach Wien geschafft – diesen Zwischenaufenthalt in Österreich bestätigten am Dienstag die Behörden.

Ob und wie diese Kriegsverletzung Teil der Ermittlungen war, darüber schweigen sich die Behörden derzeit aus. Dem Verfassungsschutz zufolge befinden sich etwa 100 IS-Kämpfer aus Österreich in Syrien und im Irak. Wie viele sich von ihnen in kurdischer Haft sitzen, lässt sich nicht genau eruieren. Neben G. ist noch der Fall einer Wienerin bekannt, die gemeinsam mit ihrem Kind von den Kurden in einem Frauencamp gefangen gehalten wird. (red./ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2019)