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Bauernselbstmorde in Indien: Warum Usha Witwe wurde

Warum Usha Witwe wurde
(c) Thomas Seifert
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In den vergangenen Jahren erlebte Indien eine Welle von Bauernselbstmorden. Zwei Bäuerinnen, deren Ehemänner sich das Leben genommen haben, erzählen.

Die Hipster, Trendsetter und Hedonisten feiern am Wochenende im Blue Frog, einem angesagten Club in Mumbai (Bombay). DJ Sultan steht hinter dem Mischpult, er mixt gekonnt Progressive, Techno und House.

Ein Kingfisher-Bier kostet im Blue Frog 200 Rupien. Für einen Club in Bombay ist das nicht allzu teuer, denn es sind nicht die Reichen, die hierher kommen, sondern die Kreativen, Alternativen, Innovativen. Der Club ist auch eine Vignette der indischen Erfolgsgeschichte, ein Ausschnitt jenes Landes, in dem heute rund 300 Millionen Menschen – so viele, wie die USA Einwohner haben – einer neuen Mittelschicht angehören, eines Landes, in dem jedes Jahr 1,5 Millionen neuer Autos und fast 150 Millionen Mobiltelefone verkauft werden.

Der andere Kontinent.Das 1500-Einwohner-Dorf Kurzadi Fort nahe Wardha (siehe Karte) ist 800 Kilometer von Mumbai entfernt. Für das 1,1-Milliarden-Einwohner-Land Indien ist das keine Distanz, der schicke Großstadtdschungel scheint dennoch einen Kontinent entfernt. Hier müsste das Mitglied einer Bauernfamilie vier Tage lang hart auf dem Feld arbeiten, um die 200 Rupien für ein Kingfisher-Bier in Mumbai zu verdienen. Während man im Blue Frog die Vertreter des modernen, hell schimmernden Indien trifft, wird man hier auf den Boden der Realität zurückgeholt: 42 Prozent aller Inder verdienen weniger als 1,25 Dollar am Tag. Und noch immer leben 600 Millionen Inder von der Landwirtschaft.

Der Kreis Vidarbha, in dem Kurzadi Fort liegt, hat in Indien traurige Berühmtheit erlangt. Die Region – etwas größer als Österreich – kam in die Schlagzeilen, als sich Mitte der 90er-Jahre die Selbstmorde von Bauern zu häufen begannen. 200.000 Landwirte haben sich in Indien seit 1997 das Leben genommen. Die Last ihrer Schulden hat sie erdrückt. 200.000, das sind mehr Menschen, als Linz Einwohner hat.

Es ist vier Jahre her, seit Usha Petkar ihren Mann eines Morgens bewusstlos hinter der Hütte liegen sah. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Pestizidvergiftung. Erst nach seinem Selbstmord erfuhr Usha von seinem 160.000 Rupien-Kredit (damals rund 2760 Euro). Schulden, steigende Produktionskosten und Missernten haben Ushas Mann keinen Ausweg mehr sehen lassen. Heute steht Usha alleine mit Tochter Kunda und Sohn Mayur da. Sie erzählt, dass der letzte Selbstmord in ihrem Dorf erst vor zehn Tagen zu beklagen gewesen sei – der Grund: Überschuldung.

Die Regierung von Premier Manmohan Singh hat das Problem zwar erkannt, Singh hat auch die Provinz Vidarbha besucht, um sich selbst ein Bild zu verschaffen. Aber Usha Petkar sieht keine wirkliche Verbesserung. Die Lage der Bauern ist verzweifelt, zumal sich heuer der Monsun verspätet hat. Drei Dinge würde die Bäuerin gerne verändert sehen: „Die Bauern brauchen Zugang zu billigen Krediten. Es muss in Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen investiert werden. Und die Regierung muss faire Preise für die landwirtschaftlichen Produkte garantieren.“

Sonst bleibe vielen nur die Flucht vom Land. „Wäre die Landwirtschaft rentabel, würde ich gerne hier bleiben,“ sagt Usha. Auch ihre Tochter Kunda würde lieber im Dorf wohnen. Doch sie wird wohl aus der Stadt, in der sie derzeit zur Krankenschwester ausgebildet wird, nicht mehr in ihr Dorf zurückkehren.

Flucht in die Stadt. Weil auf dem Land die Einkunftsmöglichkeiten fehlen, nimmt das Tempo der Urbanisierung in Indien rasant zu. Nach einem Regierungsreport werden bis 2030 mehr als 575 Millionen Inder, 41 Prozent der Bevölkerung, in Städten leben. „Obwohl 62 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts in den Städten generiert wird, wächst die städtische Armut“, sagt die indische Wohnungsbauministerin Kumari Selja. Die Folgen: Armut, Slums, Obdachlosigkeit.

Ujjwala Petkar lebt nicht weit von Usha entfernt. Auch ihr Mann hat kurz nach seinem 30. Geburtstag Selbstmord begangen. Brawaka – so hieß er – konnte ebenfalls seine Zinsen bei der Bank nicht mehr bedienen. Der Zwangsverkauf seines Landes drohte. Er wandte sich an private Geldverleiher, die exorbitant hohe Zinsen verlangten. Die Schuldenspirale drehte sich immer schneller. Brawakas blumengeschmücktes Bild – es zeigt einen ernst blickenden stattlichen Mann mit dichtem Haar und dickem Schnurrbart – hängt an der hellblau gestrichenen Wand im Wohnzimmer der Familie. Ujjwala glaubt fest daran, dass ihr Mann heute noch leben würde, wenn die Familie damals leichteren Zugang zu günstigen Krediten gehabt hätte. Dem Baumwollanbau, der der Familie so viel Unglück gebracht hat, bleibt sie treu – hier in Kurzadi Fort gibt es kaum andere Alternativen.

Super-Indien oder Slum-Indien?Vijay Jawandhia ist Chef der wichtigsten Bauernorganisation Indiens. Er hat sein Büro im Dorf Sewagram, nicht weit vom Wohnort der beiden Witwen Usha und Ujjwala entfernt.

Jawandhia sitzt unter einem Baum, den Mahatma Gandhi im Jahr 1936 gepflanzt hat. Der Mahatma hat 2588 Tage in Sewagram verbracht; die Dinge, die er berührte, werden hier wie Reliquien aufbewahrt. Für Jawandhia ist Gandhi so etwas wie ein Heiliger. Jawandhia, der Aktivist, hat mit Protesten gegen die Selbstmordwelle aufmerksam gemacht, hat Journalisten mobilisiert, über die Geschehnisse zu berichten, und hält immer wieder flammende Reden über die „Krise der indischen Landwirtschaft“.

Liberalisierung, Globalisierung und der freie Markt sind für ihn Ursachen für die verzweifelte Lage der Bauern. Die Preise seien durch die Subventionen der USA und der EU völlig verzerrt. Doch das Problem liegt laut Jawandhia noch tiefer: „Das moderne, urbane Super-Indien zieht davon, während das ländliche Bhārat immer mehr zurückfällt. Die Regierung muss endlich etwas unternehmen und diese wachsende Ungleichheit bekämpfen.“ Bhārat – so heißt Indien in der wichtigsten Landessprache Hindi.


Journalist und Aktivist. Der Landwirtschaftsexperte der linksliberalen indischen Tageszeitung „The Hindu“, Palagummi Sainath, berichtet seit Jahren über die schaurige Serie der Bauernselbstmorde. Er hat in den vergangenen Jahren 750 Haushalte besucht, in denen sich ein Familienmitglied wegen der Überschuldung das Leben genommen hat. Dass das Thema nicht aus den indischen Schlagzeilen verschwindet, ist zu einem guten Teil sein Verdienst. Er hat ein Buch über die Ärmsten Indiens geschrieben, reist mit Vorträgen und Fotoausstellungen durchs Land und hält Vorlesungen vor Studenten.

Er sitzt im Büro seiner Zeitung im Zentrum von Mumbai, sein Telefon läuft gerade heiß, weil sich das Parlament mit einem Skandal, den er aufgedeckt hat, befassen will.

Sainath spricht eindringlich, weiß das Timbre seiner Stimme zu verwenden und die Pausen gekonnt zu setzen. Ein brillanter Rhetoriker mit Passion, ein Mann mit einer Mission, Journalist, aber auch Aktivist.

Er zieht die Zahl der Selbstmorde in Zweifel: „Sie liegt viel höher. Bäuerinnen, die sich umbringen, werden nicht erfasst, weil sie meist das Land auf dem sie arbeiten, nicht besitzen. Die krause Logik der Bürokraten: kein Land, kein Bauer.“

Er kritisiert, dass die Regierung jahrelang die Augen vor dem Problem verschlossen habe. „Am Anfang hat die Regierung alles abgestritten. Dann haben sie zugegeben, dass da etwas vorgeht, haben gesagt, die Dürre sei schuld. Dann meinten ein paar Zyniker, die Selbstmörder seien eben allesamt Trunkenbolde gewesen, die sich verschuldet haben. Meine Antwort: Wenn Alkoholmissbrauch der Grund für Selbstmord ist, dann würde es keinen einzigen Journalisten oder Politiker mehr auf der Welt geben.“

Was sind die Gründe für das ganz reale, tatsächliche Bauernsterben in Indien? Sainath glaubt, die Antworten zu kennen: Die Kleinbauern, die ihre Produkte selbst essen, bringen sich nicht um. Die Suizide seien auf Zonen der hoch kommerzialisierten Landwirtschaft konzentriert, wo Pflanzen für den Export angebaut werden: Baumwolle, Soja. In diesen Regionen machten sich auch die negativen Folgen der intensiven Landwirtschaft bemerkbar: Die Böden seien wegen des jahrelangen Einsatzes von Chemikalien unfruchtbar geworden.

Doch auch er scheitert bei der Beantwortung einer Frage: „Warum die 200.000 Menschen nicht auf die Straße gegangen und nach Delhi gezogen sind, um zu protestieren, anstatt sich das Leben zu nehmen? Ich weiß es nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass 200.000 Menschen die Gewalt nach innen gekehrt haben.“

„Wir müssen die Welt ändern“, sagt Sainath, „aber die Welt ist ein verdammt sturer Ort“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2010)