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Hallstatt: Ein Leben im Museum

Hallstatt Leben Museum
Hallstatt(c) Norbert Rief
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360 Grad Österreich: Malerischer und idyllischer als in Hallstatt - hineingebaut zwischen Berg und See - kann man in Österreich nicht leben. Aber auch kaum mühsamer. Man wird zum lebenden Exponat.

Kokett stellt sich die Koreanerin auf den Gehsteig, das linke Bein etwas abgewinkelt, den Kopf zur Seite gelegt. Mit beiden Händen weist sie auf das alte Bauernhaus, so wie Models auf einer Autoshow auf ein neues Auto. „Klick“ macht der Fotoapparat, und schon wechselt Ji-Min den Platz, nimmt die gleiche Haltung ein und zeigt diesmal auf den Dorfbrunnen. „Klick.“

Doch bevor sie sich vor der Holztreppe drapieren kann, entdeckt ihr Mann ein besseres Motiv: einen älteren Herrn mit Trachtenhut, der auf seinem Fahrrad über die Hauptstraße radelt. Klickklickklick, macht der Fotoapparat. Aufgeregt reißt ein anderer aus der Reisegruppe die Kamera hoch. Klickklickklick. Der Mann radelt ungerührt weiter, vorbei an den Touristen, die sich unter ehrfürchtigen „Ohs“ und „Ahs“ die Bilder auf dem Kameramonitor zeigen.


Lebende Exponate. So ist das, wenn man in einem Museum lebt. Man wird zum lebenden Exponat. „Wennst um halb acht Uhr in der Früh auf dem Balkon sitzt, bleiben alle stehen und machen Fotos“, erzählt Franz Frühauf. Dafür sitzt man auf dem Balkon im idyllischsten Ort Österreichs: in Hallstatt, hineingebaut zwischen Berg und See, wie die Kulisse eines Heimatfilms. Nicht, weil man die Gegend schon vor Jahrhunderten so schön fand, sondern weil es praktischer war dort zu wohnen, wo der Arbeitsplatz war; wo man das „Hall“, wie die Kelten das Salz nannten, abbaute.

Jetzt ist es in erster Linie mühsam. Nicht nur wegen der 800.000 Touristen, die jedes Jahr kommen. Kein Lieferwagen passt durch die engen historischen Gassen, schon gar kein Lastwagen. Wenn man etwas im Haus umbauen will, muss man das Material mit einer Schubkarre hinaufschieben. So die Schubkarre nicht zu breit ist. Ein Sofa, eine Badewanne, ein neuer Fernseher– dafür braucht man die Mannen der Feuerwehr, so auch Alfred Lenz, als er die Heizung austauschte.

Der ehemalige HTL-Lehrer wohnt ganz oben in Hallstatt, 100 Stufen hinauf, mit einem atemberaubenden Rundblick auf See und Gebirge. 400 Kilogramm war die neue Heizung schwer, nach nur einer Stunde war sie oben und Lenz um ein paar Flaschen Bier ärmer. Mit solchen Mühen muss man leben lernen, wie mit den 1600 Quadratmetern Wiese, die alle zwei Wochen händisch gemäht werden müssen, weil der Hang zu steil ist für einen Motormäher. „Das geht schon, so schlimm ist das nicht“, erklärt der 64-Jährige.

Anruf vor dem Ausmalen. Was weitaus schlimmer ist, kann man auf den Leintüchern lesen, die von Lenz' Balkon hängen: „Schütz uns vor dem Denkmalschutz.“ Das ist der neue große Aufreger in Hallstatt: Der ganze Kernort soll unter Ensembleschutz gestellt werden. Damit die Ortschaft so malerisch bleibt, wie sie ist. Das würden die 864 Einwohner ja noch akzeptieren. Nicht aber die Nebenerscheinungen, die mit dem Ensembleschutz einhergehen: das Recht der verächtlich „Landler“ genannten Beamten, ein Haus jederzeit zu betreten; innen alles zu fotografieren, alles zu dokumentieren – und alles zu verbieten: „Einer vom Denkmalamt hat g'sagt, wenn ihr ausmalen wollt, dann reicht's eh, wenn ihr vorher anruft“, berichtet Frühauf. „Anrufen? Wenn ich mein Wohnzimmer ausmalen will? Wo sind wir denn?!“
„Aufpassen auf den Kopf“, sagt Helga Lenz und deutet im Stiegenhaus nach oben. Früher waren die Häuser kleiner, nicht nur, weil die Menschen kleiner waren, sondern auch, weil man jeden Ziegel händisch hinaufschleppen musste. „Ins Wohnzimmer passen zum Fernsehschauen drei Leut.“ Dafür hat das Haus 20 Zimmer, zwei davon Gästezimmer.

„Ich bin stolz auf mein Haus“, sagt Alfred Lenz und deutet auf die Fassade. „Aber schützenswert ist da drinnen nichts.“ Was immer einmal alt war, hat er in den vergangenen 30 Jahren ersetzt: „Das waren arme Menschen damals, die hatten ja nichts.“ Also hat er die Annehmlichkeiten eingebaut – bis hin zur Infrarotkabine im winzigen Badezimmer. Jetzt ist das Haus innen in geleimtem, modernem Fichtenholz gehalten. „Und da soll ich nachfragen, wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will?“

Franz Frühauf, der weiter unten lebt, hat schon ein größeres Problem: den derzeitigen Zustand seines Wohnzimmers. Ein uralter Kasten, ein paar Geweihe an der Wand. „Mir gefällt das, aber was, wenn der Sohn übernimmt? Vielleicht mag er das nicht.“ Etwa die Hirschgeweihe an der Wand. „Manchmal hab ich mir eh überlegt, das vielleicht anders einzurichten.“ Aber durchringen konnte er sich nie. Bald könnte es dafür zu spät sein: „Kommt der Ensembleschutz, dann darf ich hier herinnen gar nichts mehr verändern“, fürchtet er.

Ganz so schlimm wird es nicht werden, beruhigt das Denkmalamt. Man müsse aber sicherstellen, dass Schützenswertes bewahrt wird. Deshalb darf der eine schon jetzt keinen Carport bauen, weil man dann von der Straße aus den Felsen, der sich ins Dorf hinunterzieht, nicht mehr sehen würde. Und die Terrasse beim Haus Seemann ist sowieso undenkbar, da könnte ja ein Sonnenschirm stehen und das Gesamtbild stören, wenn man draußen auf dem See rudert und zum Ort hinschaut. Der Bund dagegen, monieren die Hallstätter, dürfe alles: beispielsweise eine moderne Kunsthalle an der HTL anbauen, die die Einheimischen wegen ihres Aussehens böse nur die „Leichenhalle“ nennen. „Und wir dürfen nicht einmal ein eisernes Stiegengeländer machen.“


Junge ziehen weg. Die Frage wird bald sein: Für wen sollen die Auflagen eigentlich noch gelten? Seit Jahren verliert die Gemeinde kontinuierlich Einwohner. Seit 1991 ist die Zahl der Bewohner um ein Viertel zurückgegangen. „Das Leben hier muss man schon mögen“, sagt Frühauf. Nicht nur wegen der engen Gassen und Häuser. In seinem Wohnzimmer brennt das Licht, obwohl draußen die Sonne scheint. Die Fenster sind so klein, dass sie nur wenig Tageslicht durchlassen. Vergrößern darf er sie nicht. Der Ortsschutz.

„Die Jungen haben es woanders leichter“, meint Bürgermeister Alexander Scheutz. Da baut man einfach ein Haus auf eine Wiese. „Bei uns muss man schon jeden Plan in sechsfacher Ausfertigung einreichen.“ Und dann reden alle mit: die Wildbachverbauung, der Naturschutz, das Denkmalamt. „Kein Wunder, wenn die Jungen weggehen.“ Und viele davon. Fast ein Viertel der Hallstätter ist älter als 60 Jahre, knapp die Hälfte älter als 50.

Wenn das so weitergeht, muss man weniger den Ort unter Schutz stellen, als vielmehr seine Bewohner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2010)