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Johannes Dürrs zwei Persönlichkeiten

Johannes Dürr
Johannes Dürr(c) imago/Eibner (imago sportfotodienst)
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Johannes Dürr dachte 2015 sogar an die Übernahme der Doping-Geschäfte in Erfurt. Am Ende habe er sogar gehofft, erwischt zu werden. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“

Wien. Johannes Dürr hat am Donnerstag in einem weiteren ARD-Interview Erklärungsversuche für seine erneuten Doping-Vergehen abgegeben. „2014 bin ich durch den positiven Dopingtest kurz vor meiner Blütezeit aus dem Leistungssport herausgerissen worden, damit konnte ich nicht umgehen. Nach meiner Sperre wollte ich noch mal zeigen, was in mir steckt, deshalb habe ich mir nach 2014 wieder Blut abnehmen lassen“, erklärt Dürr im rund 50-minütigen Beitrag.

Es sei ein ständiges Ringen mit sich selbst gewesen. „Da kämpft der Mensch Johannes gegen den Leistungssportler, die kämpfen die ganze Zeit. Der eine sagt, das ist nicht richtig, der andere sagt, das muss aber so sein. Es ist ein ständiges Reißen und Kämpfen darum, das Richtige zu tun. Leider habe ich den Kampf verloren“, sagte der österreichische Langläufer im Beisein seines Anwalts. Dürr hatte nach seinem EPO-Dopingvergehen bei Olympia 2014 bis zuletzt während eines Comebackversuchs inklusive Buch- und ARD-Dokumentationsprojekt über seinen angeblich sauberen Weg zurück weiter Blutdoping betrieben, wie er gegenüber der im Seefelder Skandal ermittelnden Behörden am Dienstag zugegeben hatte.

„Hatte Leiche im Keller“

Er sei nach Bekanntwerden der Razzia überfordert gewesen, so der Niederösterreicher. „Ich dachte, das kann einfach nicht wahr sein. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe versucht, es einzuordnen, aber ich habe es nicht einordnen können“, sagte Dürr. „Ich habe das nicht verarbeiten können, bis heute nicht. Dann ist noch dazugekommen, dass ich ja noch eine Leiche im Keller habe, und ich wusste nicht: Kommt es jetzt, oder kommt es nicht?“

Dürr gibt an, dass er bereits während seiner zweijährigen EPO-Dopingsperre von 2014 bis 2016 an der Fortführung seine Betruges gearbeitet habe. 2015 habe er neue Blutkonserven in Erfurt deponiert. Als der als mutmaßlicher Haupttäter des Dopingnetzwerk geltende deutsche Arzt Mark S. überlegt habe, mit den Blutdopingpraktiken aufzuhören, habe er sogar daran gedacht dessen Geschäfte zu übernehmen. „Ich war davon überzeugt, dass es ohne Doping nicht geht. Und wenn Mark es jetzt nicht an mich, sondern an jemand anderen übergibt, habe ich keinen Zugang mehr. Das ging so weit, dass Mark S. sich zurückziehen wollte und ich mit ihm diskutiert habe, es selbst weiterzumachen, den Kühlschrank zu besorgen, der dann aber in Erfurt gelandet ist.“

Durch den Dopingfall seines Freundes Harald Wurm 2016 habe zumindest für einige Zeit ein Umdenken eingesetzt. „Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es so nicht weitergehen kann und weitergehen darf. Ich war ja in einer Phase, in der ich versucht habe, mein Leben neu aufzubauen. Dieser Knall war da einfach zu groß, da habe ich gesagt, so kann es nicht weitergehen“, sagte Dürr über sein „Lügenkonstrukt“.

Im Sommer 2018 sei schließlich S. an ihn herangetreten, das in Erfurt lagernde Blut wieder zurückzuführen, ohne dafür Geld zu verlangen, behauptet Dürr. „Plötzlich, Mitte Juni, kommt ein Anruf, deutsche Nummer, da war es der Mark. Er sagte, 'Geld kann ich dir keines geben, aber ich unterstütze dich bei deinem Projekt auf meine Art und Weise'“, so Dürr. Nach kurzem Zögern habe er zugestimmt. „Ich hatte geglaubt, ich bin schon fast draußen aus dem Sumpf. Aber ich steckte noch bis zu den Knöcheln drin. Bei seinem nächsten Anruf, wo er mich noch mal daran erinnert hat, da bin ich schwach geworden.“

Dass Dürr als Kontaktvermittler zwischen dem mutmaßlichen Drahtzieher S. unddem in Seefeld erwischten Langläufer Max Hauke aufgetreten sei, bestritt der 31-Jährige. Er habe aber gewusst, dass Hauke dope.(ag.)


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2019)