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Der verstörende Geschmack des Liquid Jazz

Konzert von Lucia Cadotsch (Archivbild).
Konzert von Lucia Cadotsch (Archivbild).(c) imago/Votos-Roland Owsnitzki (imago stock&people)
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Kritik Bitter ist das neue Süß: Lucia Cadotsch hat den Gestus einer zeitgenössischen Billie Holiday. Aufgekräuselt durch Free-Jazz-Saxofon und Breakbeats, wirken ihre Gesangsmelodien besonders intensiv.

„Ein früher Hip-Hop-Track“, so kündigte Lucia Cadotsch trocken „What's New“ an, einen Jazzstandard, den alle von Billie Holiday bis Chet Baker geherzt haben. Ausgangspunkt ihrer herb-süßen Neuinterpretation war die rhythmische rohe, pianistisch verspielte Liveversion von Ahmad Jamal aus dem Jahr 1958. Dafür stand Cadotsch nicht einmal ein Schlagzeuger zur Verfügung. Ein solcher ist in ihrem Konzept gar nicht vorgesehen. Sie liest sich ganz bewusst als Spätgeborene in die Klassiker ein. Etwa, indem sie das Lärmige, das zeitgenössische Musik so häufig prägt, in die samtige Welt der Ballade transferiert.

Ihr schwedischer Saxofonist, Otis Sandsjö, unterlegte ihren Gesang beinah permanent mit Freejazz-Klängen; Bassist Petter Eldh fabrizierte Grooves, die an Breakbeat-Pionier J Dilla denken ließen. Von Liquid Jazz sprechen heutige Hipster, wenn der Jazz statt auf Blues und Musicalmelodien auf aktuelle Musik zurückgreift – und dabei ganz konsequent mit Noise arbeitet.

Keine konventionelle Verhätschelung von Jazzstandards also. Liebe war dennoch mit im Spiel – in Form von Hingabe an die patinierte Melodie. Obwohl fast permanent von lärmigen Sounds begleitet, bemühte sich Cadotsch um gesangliche Schönheit. An den wenigen Stellen, an denen ihre Begleiter verstummten, trat diese in einer Reinheit hervor, die staunen ließ. Dieser Kunstgriff, dieser Flirt mit dem Schock der puren, nicht von Noise kontaminierten Melodie wirkte umso besser, je bekannter das Lied war. Bei „Wild Is the Wind“ etwa, wo einem die amtlichen Versionen von Nina Simone und David Bowie im Kopf herumschwirrten und es wenig Platz für Neuauslegung zu geben schien. Cadotsch glückte dennoch eine. Auch mit einigen Köstlichkeiten, die nicht auf ihrem herrlich herben Album „Speak Low“ sind. Etwa Randy Newmans „I Think It's Gonna Rain Today“ mit seiner Diskrepanz zwischen fröhlicher Melodie und lyrischer Tristesse. Überraschend kam Brian Enos „By This River“: Mit weltentrückter Stimme sang Cadotsch im Dickicht der Klänge die bitter-süßen Zeilen „Here we are stuck by this river, you and I, underneath a sky that's ever falling down.“ Nahtlos ging es in eine andere Szenerie der Verlorenheit, in Nina Simones „Ain't Got No – I Got Life“. Dieses Lied einer (vermeintlich) Besitzlosen sang Cadotsch fast jubilierend: „Got my hair, got my head, got my brains, got my ears, got my heart, got my soul.“

Bei der Zugabe „Moon River“ dominierte hauchige Eleganz, ganz ähnlich wie in Audrey Hepburns Original. Die Gebote des Liquid Jazz, sie waren jetzt kurz außer Kraft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2019)