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Filmtreffen der Lebenden, Toten und Außerirdischen

Neu auf diesem Planeten: David Bowie als „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976).
Neu auf diesem Planeten: David Bowie als „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976).Österreichisches Filmmuseum
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Kritik Nicolas Roegs Filme gehören zum Wildesten – und Besten – des europäischen Kinos. Jetzt im Filmmuseum.

Es wird wohl Zufall sein, dass der Nachname des Ende letzten Jahres verstorbenen britischen Filmemachers Nicolas Roeg beinahe exakt so ausgesprochen wird wie das englische Wort rogue, welches unter anderem „abtrünnig“ und „unvorhersehbar“ bedeutet. Gleichsam beschreiben diese Adjektive durchaus Nicolas Roeg, jedenfalls ab dem Moment, an dem er nicht mehr als Kameramann etwa für Roger Corman oder François Truffaut werkte, sondern seine eigenen Filme machte. Das Österreichische Filmmuseum zeigt aktuell sämtliche seiner Kinoregie- und etliche Kameraarbeiten, allesamt von 35-mm-Kopien: Analogblitze im Digitalgewitter, das leuchtende Œuvre eines der außergewöhnlichsten, wildesten, besten europäischen Filmkünstler des 20. Jahrhunderts.

Schon sein Debüt „Performance“ (1968), in Koregie mit dem schottischen Exzentriker Donald Cammell realisiert, sorgte für einen Skandal und verschwand für Jahre im Giftschrank des Studios, dem vordergründig die freizügigen Sex- und Gewaltszenen Angst machten, das sich aber wohl auch am bereits grell durchscheinenden Ikonoklasmus von Nicolas Roeg stieß: Es ist ein Kino, das den Tod des Linearen mit Zeitsprüngen Richtung Zukunft und Vergangenheit proklamiert, das Beiläufiges und Zufälliges über Sinnstiftendes und Logisches stellt, dessen Erzählungen und Themen sich häufig assoziativ und vermeintlich ungeordnet vor einem ausbreiten, einen herausfordern, stimulieren und bisweilen erschlagen.

Roegs erste Solo-Regiearbeit „Walkabout“ (1971) kam mit nur vierzehn Drehbuchseiten aus: Die Geschichte eines Teenagermädchens, das mit seinem kleinen Bruder vor dem wild um sich schießenden Vater ins australische Hinterland flüchtet und sich dort mit einem Aborigines-Burschen anfreundet, ist Dreh- und Angelpunkt für eine so intellektuelle wie saftige Reflexion über das Eigene und das Fremde, die sich hier zwar respektieren, die jeweils anderen Lebenswelten jedoch nie vollständig begreifen können. In Roegs Kino bevölkern sie dennoch alle immer denselben Raum, die Lebenden und die Toten wie in seinem bekanntesten Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973); die Irdischen und Außerirdischen in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976); und manchmal bebt überhaupt alles in einem einzigen Wahnsinnswerk wie in der Goldgräbergeschichte „Eureka“ (1983), durch deren Labyrinth aus Sex, Gewalt und schlechter Laune, aus Esoterik und Ultra-Künstlichkeit Gene Hackman wandert, ähnlich verloren wie der Zuschauer selbst.

 

Traumatisierte Kinderseelen

Dieser bis dato teuerste Film von Nicolas Roeg soff im Kino so erwartbar wie gnadenlos ab, selbst Fans wie der Regisseur Dominik Graf konstatierten, dass „jedes Detail von einer weltweit seitdem nicht mehr gesehenen Schrägheit“ sei. Seine späteren Arbeiten konnten hinsichtlich ihrer Einschlagkraft nicht mehr an sein Frühwerk anschließen, selbst wenn die launige und erstaunlich aufgeräumte Roald-Dahl-Adaption „Hexen hexen“ (1991) weltweit Kinderseelen traumatisierte. Von der abgesicherten Kino-Gegenwart aus betrachtet muten diese schillernden, gefährlichen Arbeiten aber wie Meisterwerke an. Insofern: Let's go rogue with Roeg!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2019)